„Selbst zehnjährige Kinder sind wütend“

Tunesien Es gibt wieder fast so viele Gründe, auf die Straße zu gehen, wie vor einem Jahrzehnt, als der Arabische Frühling begann
„Selbst zehnjährige Kinder sind wütend“
Kinder bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi vor zehn Jahren in der zentraltunesischen Stadt Sidi Bouzid

Foto: Fethi Belaid/AFP/Getty Images

Ettadhamen, ein vernachlässigtes Viertel an der Peripherie von Tunis, trägt den Aufruhr mit Fassung, auch wenn es sich teilweise um gewaltsame Proteste handelt. Der Ort hat die Erfahrung mitnichten für sich allein. Als Reaktion auf sich verschlechternde Lebensbedingungen und mehr Erwerbslosigkeit, besonders unter den Jungen, wurden mindestens 15 Städte landesweit von Unruhen erfasst. Um Regierungsgebäude zu schützen, wurde die Armee aufgeboten und sorgt für Bilder wie zu Beginn des Arabischen Frühlings vor zehn Jahren. Amnesty International hat die Polizei bereits zur Zurückhaltung aufgefordert, seit ein Video aufgetaucht ist, das Beamte zeigt, die bei Zusammenstößen Demonstranten schlagen. Andere Clips dokumentieren in wackligen Aufnahmen junge Tunesier, die mit Feuerwerkskörpern gegen Tränengasgranaten kämpfen. In einer Szene versprüht ein Polizist den Reizstoff offenbar in einer Wohnung.

In einer spontanen TV-Ansprache sagt Premierminister Hichem Mechichi, er habe Verständnis für die Demonstranten, müsse allerdings das Gesetz durchsetzen. Auch Präsident Kais Saied meldet sich zu Wort und verlangt in der Stadt Ariana von der aufbegehrenden Jugend, sie möge weder Menschen noch Eigentum angreifen. Die Forderung ist bestens geeignet, Ressentiments gegen eine Regierung zu schüren, die den Fokus auf die Gewalt von Plünderern legt, statt nach den Gründen für den Aufruhr zu fragen.

Jassine arbeitet in Ettadhamen für das Geschäft seiner Familie, zieht jetzt aber mit anderen jungen Männern auf die Straße. „Die Leute sind hungrig. Sie wollen sich am Staat rächen“, erklärt er. „Ehrlich gesagt, sie wollen eine neue Revolution.“ Sein Freund Ahmed sitzt ganz in der Nähe auf einem Plastikstuhl und ergänzt: „Die Polizei traut sich nicht mehr hierher. Nicht einmal die Reporter wagen das. So hört keiner, was wir zu sagen haben.“

Vor dem Corona-Lockdown war Ahmed viel im Land unterwegs, um Früchte und Gemüse zu erwerben, die er danach an Händler in Tunis verkaufte. „Alle, mit denen ich sprach, waren aufgebracht“, erinnert er sich, „ganz egal, welches Alter die Leute hatten, denen ich begegnete. Selbst zehnjährige Kinder waren wütend. Gott sei Dank haben wir ein Dach über dem Kopf und zu essen. Ich kenne Familien mit bis zu zehn Personen, die sich nicht einmal das leisten können. Ihnen fehlen selbst 200 Millimes“ – etwa sechs Cent – „für ein Baguette.“ Yassine berichtet von einem Popcorn-Verkäufer, wie man sie in Tunesien häufig sieht. Der Mann wurde in Ettadhamen von der Polizei angehalten, weil er keine Maske trug. „Man erklärte ihm, er müsse 60 Dinar“ – etwa 18 Euro – „Strafe zahlen. Da fragte er sie, ob sie glaubten, er würde Popcorn verkaufen, wenn er 60 Dinar hätte. Er wisse sehr wohl, was eine Maske kostet. Wenn er das Geld hätte, würde er es für seine Kinder ausgeben.“ Andere stehen den Unruhen alarmiert gegenüber. Der 40-jährige Salah klagt über Müdigkeit, da er jetzt nächtelang wach bleiben müsse, um sein kleines Geschäft für Haushaltsgeräte zu bewachen und gegen Plünderer zu schützen. Er zeigt auf die Post und den Optikerladen in der gleichen Straße, die beide ausgeraubt worden seien. „Die Täter gehörten nicht zum Protest, sie kamen nachts und haben gestohlen wie Kriminelle.“

Seit Jahren schon liegt die Arbeitslosenquote in Tunesien konstant bei 15 Prozent, für die Gruppe der 15- bis 24-Jährigen sind es ebenso unabänderlich 36 Prozent, die jetzt während der Pandemie noch übertroffen werden. Schon weil der Tourismussektor kollabiert, von dem so viele Nebengewerbe abhängen, die Produkte und Dienstleistungen für den Fremdenverkehr anbieten. Düstere Aussichten, denen Tausende von Auswanderern zu entkommen suchen. 12.883 irreguläre Einreisen aus Tunesien meldeten die italienischen Behörden allein für 2020, im Jahr zuvor waren es lediglich 2.654.

In Ettadhamen sagt ein junger Mann, er heiße Hassan und könne gar nicht sagen, wie stolz er sei, bei den Protesten dabei zu sein. Regentropfen bleiben im Kunstpelz seiner Kapuze hängen. Ihn würden die Versäumnisse der Regierung und die Armut ebenso antreiben wie das bösartige Verhalten der Polizei. Ein Passant wartet eine Pause in unserem Gespräch ab, bevor er um 500 Millimes (15 Cent) bittet. „Da haben Sie es“, meint Hassan. „Schreiben Sie darüber! So ist das Leben hier.“

Simon Speakman Cordall schreibt als Tunesien-Korrespondent u.a. für den Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 30.01.2021
Geschrieben von

Simon Speakman Cordall | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 23/2021

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