Selbsthass und Selbstüberhöhung

Gender Donald Trump inszeniert seine Rolle als Mann überladen und theatralisch. Damit steht er nicht für den Triumph der Männlichkeit, sondern für deren Verfall
Selbsthass und Selbstüberhöhung
Was reimt sich auf Hope?
Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Nun, da die Frauenbewegung mit dem Women’s March zur Speerspitze des Widerstands gegen die Trump-Regierung geworden ist, drängt sich der anderen Hälfte der Menschheit eine Frage auf: Welche Rolle werden Männer in der Gesellschaftskrise spielen, die in den kommenden vier Jahren unvermeidlich scheint?

In gewisser Hinsicht hat sich die Situation durch Trump enorm vereinfacht. Fürs Erste geht es nicht mehr um komplexe Fragen der Identitätspolitik, sondern um grundlegende des menschlichen Anstands. Trumps Maßnahmen zielen bewusst darauf ab, Frauen von Machtpositionen fernzuhalten und Programme, die sich für ihre Gesundheit einsetzen, unter Beschuss zu nehmen. Die Grundüberzeugung, dass Frauen Menschen sind – also Feminismus als Humanismus –, ist unter Trump in Gefahr. Jeder Mann, der behauptet, er glaube an die Gleichberechtigung der Geschlechter, muss Frauen daher zur Seite stehen.

Doch Trump repräsentiert mehr als einen Rückschlag für Frauen. Er steht auch für die Unfähigkeit von Männern, sich mit den eigenen Genderfragen auseinanderzusetzen. Auch in diesem Sinn ist er neu. Er ist anders als die heterosexuellen weißen Männer, die vor ihm ins Weiße Haus einzogen. Er ist eine Parodie, ein Simulacrum von Männlichkeit, entstanden aus Selbsthass und Selbstüberhöhung. Und er spiegelt darin den widersprüchlichen Zustand des zeitgenössischen Mannes.

Das ausgehöhlte Patriarchat

Trump steht damit nicht für den Triumph der Männlichkeit, sondern für deren Verfall. Zwei gegenläufige Entwicklungen sind dabei am Werk. Der wirtschaftliche Aufstieg von Frauen aus der Mittelschicht auf der einen – auf der anderen die Hartnäckigkeit, mit der Männer sich an der Macht halten. Seit dem Jahr 2000 ist der Anteil berufstätiger Frauen in den meisten Ländern gestiegen. In allen Ländern der OSZE ist das Lohngefälle zwischen 2000 und 2011 zurückgegangen, auch wenn Unterschiede weiterbestehen.

Zugleich wird Frauen der Zugang zu Führungspositionen weiter verwehrt. Das führt zu seltsamen Widersprüchen. Männlichkeit symbolisiert nach wie vor Macht und Stärke, während sie in der alltäglichen Erfahrung immer öfter scheitert. In einem Essay habe ich diesen Widerspruch einmal als den des „ausgehöhlten Patriarchats“ bezeichnet. Ich kann mir kein besseres Symbol dafür vorstellen als Donald Trump.

Obwohl seit Reagan nicht mehr so viele Männer in einem Kabinett saßen, wird sich der Niedergang der Mittelschichtsmänner fortsetzen, egal, was dieses Kabinett tut. Und während Männer nicht bereit sind, in traditionellen Frauenberufen zu arbeiten, erobern Frauen eine männliche Domäne nach der anderen. Ein Problem liegt darin, dass Männer nicht explizit übers Mannsein sprechen. Die traditionelle Männlichkeit schweigt zu sich selbst, weil sie ihre Dominanz als unverrückbare Tatsache voraussetzt. Sie hält sich selbst für eine authentische Norm, Weiblichkeit hingegen für eine variable Performance.

Trump sorgt aber dafür, dass dies nicht mehr länger möglich ist. Er inszeniert seine Männlichkeit als Spiel mit Zeichen. Sie ist überladen und theatralisch. Männer werden nun vier Jahre lang ständig mit Männlichkeit als Performance konfrontiert sein. Keiner wird sich daher mehr vor der Einsicht in ihre Künstlichkeit verstecken können.

Auf dem Women’s March trug ein Mann ein Schild: „Men: Time to Listen“. Ja, wir müssen zuhören. Wir müssen auf Frauen hören und auf uns selbst. Ich werde aber den Gedanken nicht los, dass es auch einen Men’s March gegen Trump geben sollte. Nur wer würde den organisieren?

Stephen Marche schreibt für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 14.02.2017
Geschrieben von

Stephen Marche | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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