Sensation! Klatschblatt ermittelt!

Pulitzer-Preis Gestern abend wurde der journalistisch renommierte Pulitzer-Preis verliehen: Der "National Enquirer" hat ihn nicht bekommen, seine Nominierung war überraschend genug

Im August 2008, während des kurzen Sommerlochs zwischen der Nominierung Barack Obamas zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten und der ersten nennenswerten Erwähnung des Namens „Sarah Palin“, machte John Edwards ein Geständnis. Der ehemalige Senator, der sich längst keine Hoffnungen mehr auf das Weiße Haus machte, lächelte einnehmend in die Kamera eines ABC-Reporters und gab zu, er habe seine Ehefrau mit einer Filmemacherin und Wahlkampfhelferin namens Rielle Hunter betrogen. „Ich habe Elizabeth von meinem Fehler erzählt und habe sie und Gott um Vergebung gebeten“, erklärte Edwards. Was er zu dem Vorwurf sage – der nachweislich im Vorjahr in der Zeitschrift Enquirer stand und über den kein anderes Medium berichtet hatte – er habe mit Hunter eine Tochter gezeugt? Edwards beugte sich mit ernster Miene nach vorne, als wolle er seinem Argument besonderen Nachdruck verleihen. „Stimmt nicht“, sagte er. „Veröffentlicht in einem Klatschblatt aus dem Supermarkt.“

Selbstverständlich log Edwards. Inzwischen ist bekannt, dass Edwards Wahlkampf ein verworrenes Netz aus Vertuschungen, geheimen Stelldicheins in Hotels, Wutausbrüchen und verstohlenen Telefonanrufen war; ein Berater behauptete fälschlicher Weise, er sei der Vater des Kindes, und es gab Gerüchte, dass Wahlkampfgelder dazu benutzt wurden, um Hunter Schweigegeld zu zahlen. Die meisten Amerikaner werden Edwards stillschweigender Logik jedoch zugestimmt haben: Man kann nicht glauben, was man im National Enquirer liest.

Echte Zeitungen werden am Zeitungskiosk verkauft. Die Zeitschriften, die man an der Supermarktkasse neben den Kaugummis und den Anmeldeformularen für die Kundenkarten findet, signalisieren durch ihre grellen Farben, ihre dicken Headlines und ihr billiges Papier, dass sie auf keinen Fall ernst genommen werden sollen. So erfährt man etwa diese Woche im National Enquirer, dass Whitney Houston „STIRBT!“, denn „nach Kokain- und Alkoholgelage BRICHT SIE ZUSAMMEN“. Selbst wenn man durch solche Schlagzeilen nicht vom Kauf abgehalten wird, so wird man die Geschichte dennoch nicht unbedingt glauben. Es geht um Unterhaltung. Ob die Geschichte wahr ist oder falsch, ist nicht der springende Punkt.

"Historische" Nominierung

Und so kann man sich durchaus darüber wundern, dass das Pulitzer-Preis-Komitee, das den bekanntesten Journalistenpreis der Welt vergibt, nach einigem Kinnkratzen und sorgfältiger Abwägung der Argumente, zu dem Schluss kommt, dass der Enquirer als Kandidat für einen Preis in den Kategorien „Aktuelle Berichterstattung“ und „Investigativer Journalismus“ in Frage kommt. Sogar beim Enquirer selbst schien man ob dieser Nachricht ein wenig außer Fassung zu geraten. Auf der Homepage der Zeitschrift erschien kurz darauf (neben „Swayze-Witwe: Geheimer Schmerz“ und „Susan Boyle: Zusammenbruch“) ein Text, indem das Wort „historisch“ drei Mal fiel.

Chefredakteur Barry Levine, der den Mitgliedern des Komitees nur wenige Tage zuvor gesagt hatte, sie sollen „den Kopf nicht länger in den Sand stecken“, jubelte. „Die Hartnäckigkeit, die wir bei dieser Geschichte bewiesen haben - dass wir uns dafür die Sohlen wund gelaufen haben, hat das Pulitzer-Komitee letzten Endes anerkannt“, erklärte er gegenüber ABC.

An diesem Punkt sollte kurz klargestellt werden, dass der National Enquirer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht unter den Pulitzer-Preisträgern sein wird, die Montag abend bekannt gegeben werden. Aber allein dass der Enquirer dafür in Betracht gezogen wurde, markiert einen Wendepunkt im Verhältnis zwischen den Politikern, den amerikanischen Massenmedien und der einst fragwürdigen Unterwelt des Klatsch und Tratsch, des Scheckbuchjournalismus und der unbestätigten Gerüchte.

Sieht man sich die Entwicklung der Edwards-Geschichte einmal genauer an, dann kommt man nicht umhin, daraus zu schließen, dass die wichtigsten US-amerikanischen Medien – die New York Times, die Washington Post und die großen Fernsehanstalten – geschlafen haben. Denn die Geschichte war, anders als die meisten Storys über sexuelle Entgleisungen, unleugbar von politischer Bedeutung, selbst wenn man die Schweigegeld-Vorwürfe beiseite ließ. Wäre Edwards zum Kandidaten der Demokraten nominiert worden und wäre die Wahrheit dann im eigentlichen Wahlkampf ans Licht gekommen, dann hätte das Schweigen der Medien womöglich darüber entschieden, wer der nächste Präsident geworden wäre. Doch obgleich der Enquirer bereits im Oktober 2007 über die Affäre berichtete, im Dezember mit der Nachricht vom Kind der Liebe nachlegte und die Geschichte in den darauffolgenden Monaten ausweidete, sollte der Name „Rielle Hunter“ in der New York Times erst im August 2008 das erste Mal auftauchen, zu einem Zeitpunkt, als Edwards Wahlkampf vorüber war.

Wer alles druckt, liegt auch mal richtig

„Der National Enquirer ist ein Supermarkt-Klatschblatt“, schrieb die Bloggerin Emily Miller (Politics Daily), die mit einer Bürgerbewegung beim Pulitzer-Preis-Komitee für die Nominierung der Zeitung warb, „aber es ist an der Zeit, dass die elitären Medien eingestehen, dass es in den Reihen des Enquirer ausgezeichnete investigative Journalisten gibt, die einen der größten politischen Skandale 2009 ans Licht gebracht haben.“

Dennoch sind ein paar ernsthafte Vorbehalte angebracht. Nur weil man der erste ist, der eine Geschichte bringt, hat man nicht immer Grund stolz zu sein. Wer Gerüchte wiedergibt, ohne dass er ausreichende Beweise hat, stellt damit nicht unbedingt sein journalistisches Können unter Beweis, denn solche wilden Anschuldigungen erweisen sich oft als falsch. Im Januar vergangenen Jahres hatte der Enquirer geschrieben, Michael Jackson habe nur noch „sechs Monate zu leben“. Die Prognose war auf die Woche genau korrekt, eine journalistische Leistung war dieser Zufallstreffer dennoch nicht. „Gerüchte wie die über John Edwards, sind über beinahe jeden Kandidaten im Umlauf“, erklärte Leonard Downie, damals Chefredakteur der Washington Post, als die Affäre schließlich auch in seiner Zeitung Beachtung fand. „Wir haben die Geschichte überprüft und Fragen gestellt, doch es gab zu keinem Zeitpunkt berichtenswerte Tatsachen.“

Darüber hinaus bezahlt der Enquirer seine Quellen schamlos für Hinweise – „SIE HABEN NEUIGKEITEN? Wir zahlen einen Haufen Kohle“ – und lag mit seinen Geschichten allzu oft falsch, wie etwa im Fall der ermordeten Regierungspraktikantin Chandra Levy oder des in Utah gekidnappten Teenagers Elizabeth Smart. Und auch die Geschichte des National Enquirer macht es schwierig, das Blatt als zuverlässige Quelle ernst zu nehmen. Die Zeitung war 1926 von einem faschistischen Sympathisanten als Plattform für antisemitische Propaganda gegründet worden. 1952 kaufte der Medienmogul Generoso Pope Jr. das Blatt angeblich mit Mafiageldern. In den Sechzigern erreichte der Enquirer mit Schlagzeilen wie „ICH HABE IHR DAS HERZ AUS DEM KÖRPER GESCHNITTEN UND DARAUF HERUMGETRAMPELT“, „MUTTER KOCHTE IHR BABY UND ASS ES AUF“ und „KOCHTE IHREN FREUND, VERFÜTTERTE IHN AN TAUBEN“ ein Millionenpublikum. 2004 ergab eine Umfrage, dass nur 4 Prozent der Amerikaner „alles oder fast alles“ glaubten, was im National Enquirer stand; 61 Prozent gaben an, sie glaubten der Zeitung „nichts“.

Und doch begann sich die Zeitung in den Achtzigern zu verändern. Sie verzichtete auf die drastischsten Überschriften und auf absurden Geschichten über Aliens und zweiköpfige Hunde. Unmerklich zunächst, begann auch in Amerika die Grenze zwischen echtem Journalismus und Klatsch und Tratsch zu verschwimmen, wie es in Großbritannien schon länger der Fall war.

1987 veröffentlichte der National Enquirer ein Foto des demokratischen Präsidentschaftsanwärters Gary Hart an Bord einer Yacht namens Monkey Business mit seiner Geliebten Donna Rice, das das jähe Ende seines Wahlkampfes bedeutete. Auch im Fall O.J. Simpson und im Skandal um Monica Lewinsky leistete die Zeitung Reporter-Arbeit. Neue, halb-seriöse Promimagazine wie US Weekly kamen auf, die eine Marktlücke knapp oberhalb des Enquirer besetzten. 1997 erschien die Website Drudge Report, die als erste dieser Art absichtlich die Grenze zwischen skurrilem Boulevard-Nonsense und glaubwürdigen Fakten verwischte.

Krise des Journalismus

Unterdessen schienen Institutionen wie die New York Times und die Washington Post durch ihre Bedeutung für die amerikanische Politik oft wie paralysiert: Der Times war bewusst, welche Konsequenzen es hätte haben können, wenn sie auch nur eine Nachfrage zu Edwards Affäre gestellt hätte, egal wie die Antwort ausgefallen wäre. So stellte sich zum Beispiel vor ein paar Wochen heraus, dass die New York Times an einer Geschichte über den New Yorker Gouverneur David Paterson dran war; die Geschichte der Geschichte schien Paterson mindestens so sehr zu schaden wie alles, was später in dem Artikel stand.

Doch wenn die Qualitätszeitungen sich von solchen Geschichten fernhalten und die Blogosphäre offenkundig nicht dazu in der Lage oder bereit ist, entschieden investigative Arbeit zu leisten, dann bleibt der Markt eben den angriffslustigen Supermarkt-Heften überlassen, die dem Konglomerat American Media gehören, das kaum Skrupel kennt und über ausreichend Geld verfügt, um Reporter dafür zu bezahlen, dass sie monatelang observieren. Oder wie Levine gegenüber dem Blog PoliticsDaily.com sagte: „Keiner will der Erste sein, aber jeder will einsteigen, wenn wir den Knochenjob erledigt haben.“ Die jüngsten Gerüchte, über die der Enquirer berichtete, besagen, dass Edwards und Hunter sich verlobt haben und gemeinsam in einem 3,5 Millionen Dollar teuren Strandhaus leben. Ein Bundesgeschworenengericht untersucht im Moment, ob Hunter gesetzeswidrig Gelder aus der Wahlkampfkasse bekommen hat, was von Edwards immer bestritten wurde.

Auch wenn der Enquirer heute abend keinen Pulitzer-Preis gewinnen wird, so ist es doch amüsant, darüber nachzudenken, was sein Stifter, der ungarisch-amerikansiche Verleger Joseph Pulitzer darüber gedacht hätte, dass die Zeitschrift für seinen Preis vorgeschlagen wurde. Pulitzer war immerhin ein Lästermaul erster Güte und einer der Begründer des Boulevardjournalismus in den USA.

„Wir sollten nicht vergessen, dass Pulitzer selbst für unkonventionelle Vorstöße in die Privatsphäre und Wildwest-Journalismus bekannt war“, meint Jack Shafer, Medienjournalist des Online-Magazins Slate. „In Amerika scheint die gängige Praxis zu sein, dass man als Nachrichtenbaron, der in Misskredit geraten ist, entweder eine Journalistenschule oder eine Reihe von Preisen stiftet, die im Laufe der Zeit den Ruf wieder blank polieren. Von mir aus könnten diese ganzen Preise abgeschafft werden. Aber wenn dieser Pulitzerpreis an den National Enquirer gehen sollte, dann wäre es immerhin einer der wenigen, den Joseph Pulitzer befürwortet hätte.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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Ihre Freitag-Redaktion

16:40 12.04.2010
Geschrieben von

Oliver Burkeman | The Guardian

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The Guardian

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