Sex für die Katz

Short Story Eine Kurzgeschichte über ein vermasseltes Date bringt auch die Dynamik der #MeToo-Debatte auf den Punkt, in der den Erfahrungen von Frauen endlich Gehör geschenkt wird

Es passiert nicht allen Tage, dass eine Kurzgeschichte viral geht – normalerweise locken Short Stories eher wenige Leute hinter dem Ofen hervor. Als Genre finden sie grundsätzlich extrem schwer einen Verlag und ihre Autorinnen und Autoren werden selten so gefeiert wie Romanciers. In dieser Woche allerdings hat die erste Geschichte von Kristen Roupenian, die im Magazin New Yorker abgedruckt wurde, eine so noch nie dagewesene Begeisterung hervorgerufen, in den Sozialen Medien ebenso wie außerhalb dieser. Warum? In Cat Person, so der Titel, wird kein stilistisches Feuerwerk abgebrannt. Es handelt sich um eine einfach geschriebene Geschichte über die Begegnung zwischen der 20-jährigen College-Studentin Margot und dem 34 Jahre alten Robert. Gewagte Experimente in Form oder Struktur sucht man darin vergebens. Es handelt sich um eine geradeheraus aus der Perspektive einer jungen Frau erzählte Geschichte über ein unangenehmes sexuelles Erlebnis mit einem recht eigenartigen Fremden, der sich als ziemlich unangenehmer Typ entpuppt. Die Resonanz unter jungen Frauen ist gewaltig. Der Zeitpunkt ist allerdings kein Zufall.

Seit #MeToo regelrecht explodiert ist, werden die Berichte von Frauen über ihre sexuellen Kontakte – die einvernehmlichen wie die nicht einvernehmlichen – endlich gehört und unsere so lange ignorierte Sicht auf das Kräftespiel zwischen den Geschlechtern wird ernst genommen. Man gesteht uns das Recht zu, darüber zu reden, und begegnet uns mit Respekt. Man hört uns zu. Auch wenn es sich bei der Geschichte aus dem New Yorker um Literatur handelt, hat Cat Person seinen Platz in einer schönen neuen Welt gefunden, in der unsere Gedanken und Gefühle über die Männer, denen wir begegnen, über unsere Grenzen und unser Verhalten plötzlich wichtig sind.

In gewisser Weise kann Cat Person mit einem Satz von Margaret Atwood zusammengefasst werden: „Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen.“ Die weibliche Hauptfigur der Geschichte geht mit ihrem Date ins Bett, weil sie Angst hat, seine Gefühle zu verletzen. Das will sie nicht allein deshalb vermeiden, weil sie sich nicht sicher sein kann, zu welcher Gewalttätigkeit er imstande wäre (seine Launen waren zuvor bereits äußerst unvorhersehbar und sein Verhalten manipulativ), sondern weil sie konditioniert wurde zu glauben, dass man unbedingt vermeiden sollte, den Stolz eines Mannes zu verletzen, selbst wenn das für sie bedeutet, ihre eigenen Grenzen so weit zu überschreiten, dass ihr später schon übel wird, wenn sie nur an den Sex mit dem Typen denkt. „Das sagt etwas darüber, wie insbesondere viele junge Frauen durch die Welt gehen: niemanden verärgern, Verantwortung für die Gefühle anderer übernehmen, alles dafür zu tun, damit alle um einen herum zufrieden bleiben. Das geschieht quasi reflexartig und dient dem Selbstschutz, ist aber auch sehr anstrengend“, erklärte Roupenian in einem Interview. Es ist derselbe Impuls, der eine Frau erstarren und peinlich berührt lächeln lässt, wenn ein mächtiger Mann vor ihr in einen Blumentopf onaniert, anstatt zur Tür zu rennen. Hier werden Gefühle nachempfunden und zum Ausdruck gebracht, die in der Öffentlichkeit kaum artikuliert werden.

Unschöne Gedanken über einen schwabbeligen Bauch

Die Art und Weise, wie Frauen in unangenehmen Situationen, wenn die mit Sex zu tun haben, reagieren, ist überhaupt erst in letzter Zeit in den Blick geraten. Cat Person erlaubt uns einen kurzen Einblick in die Motivationen einer jungen Frau. Keine der Figuren ist besonders ausgearbeitet – was die Leserinnen vielleicht dazu ermutigt, sie als Chiffren für ihre eigenen Erfahren zu betrachten. Margot denkt unschöne Dinge über Roberts schwabbeligen Bauch – und weist ihn schließlich zurück. Während Leserinnen sagen, dass sie sich in der Geschichte auf erschreckende Weise wiederfinden, reagieren manche männlichen Leser weniger empathisch. „Was für eine Bitch“ und ähnliche Kommentare sind in einem Twitter-Account zu lesen, der extra dafür angelegt wurde, um die Reaktionen von Männern zu dokumentieren. Der weibliche Blick und seine Bewertung des männlichen Körpers stellen in der Gegenwartsliteratur weitgehend fremdes Terrain dar. Wir sind es gewohnt, dass das eine Geschlecht zum Objekt gemacht wird, nicht das andere. Da verwundert es nicht, dass diese Geschichte und ihr plötzlicher Erfolg dazu führen, dass manche Männer sich unwohl, ja sogar verletzt fühlen. Ich persönlich fühle mich nicht bemüßigt, die Gedanken von fiktionalen Figuren zu überwachen und suche in der Literatur auch nicht nach moralischem Rat. Andere tun dies und haben ihre Gefühle kundgetan. In den Debatten geht es sehr leidenschaftlich zu. Zweifellos wird die Aufmerksamkeit auch wieder abebben, so wie immer. Doch wie Patricia Lockwoods virales Gedicht Rape Joke von 2013, beschreibt Cat Person kurz und prägnant, wo wir in der Diskussion um das Kräfte- und Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen gerade stehen. Der Text wirft wesentlich mehr Fragen auf als hier behandelt werden können, einschließlich der noch immer irgendwie neuen und häufig verwirrenden Sphäre des Internet-Datings und der Art, wie wir unsere Vorstellungen über Liebe auf Menschen projizieren können, die wir kaum kennen.

Der Text wirft auch Fragen nach dem Wesen der Literatur auf, und warum weibliche Autoren häufig als reine Chronistinnen menschlicher Erfahrungen betrachtet werden, denen Männer oft die kreative Vorstellungskraft absprechen, fiktionale Welten entstehen zu lassen – viele Leser haben auf die Geschichte reagiert, als handle es sich um einen persönlichen Erfahrungsbericht, nicht um ein Stück Literatur. Egal, ob einem Cat Person gefällt oder nicht – ich persönlich bin nicht besonders begeistert – hoffe ich doch, dass, wer durch den Text Geschmack an Short Stories gefunden hat, sich nicht gleich wieder anderen Dingen zuwendet, sondern sich nun stattdessen auf die Texte von Alice Munro, Lucia Berlin und Lydia Davis stürzt. Die Art und Weise, wie Cat Person rezipiert wird, macht in erster Linie deutlich, wie selten dem Innenleben junger Frauen literarische Aufmerksamkeit zuteilwird. Wie bei dem Hype um den schlechten Sex in der HBO-Serie Girls wundert Frau sich, dass eine so banale und universelle weibliche Erfahrung so lange unkommentiert geblieben ist. Mit anderen Worten: Wenn es so vielen so geht, warum hat bis heute niemand darüber geredet? Und, was noch wichtiger ist: Werden die Männer endlich anfangen, zuzuhören?

Rhiannon Lucy Cosslett ist Kolumnistin für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
16:34 14.12.2017
Geschrieben von

Rhiannon Lucy Cosslett | The Guardian

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