Sex, Heroin und Bowie

Faszinosum Berlin Bereits in den 80ern wurde Berlin durch Filme wie "Taxi zum Klo" und "Christiane F" zum Sehnsuchtsort für junge Briten. Jon Savage erinnert an die Insel der Extreme

Frank Ripploh hat die Schnauze voll. Er sitzt mit einer nicht näher benannten Geschlechtskrankheit – sehr wahrscheinlich Hepathitis – sechs Wochen im Krankenhaus fest. Als ihn sein Geliebter, mit dem er zusammenlebt, besucht, hält der ihm eine Standpauke wegen seiner Promiskuität, anstatt sich mitfühlend Franks Klagen über seine Mitpatienten anzuhören. Nachdem Bernd weg ist, zieht Frank wütend seine Kleider an und ruft sich ein Taxi. Es folgt eine wilde Fahrt zu verschiedenen öffentlichen Toiletten. Während das Taxameter immer weiter läuft, sucht er verzweifelt nach einer schnellen Straßenbekanntschaft und landet schließlich im Tiergarten, der damals ein berüchtigter Schwulentreffpunkt war.

Hier ist die Klappe jedoch geschlossen und Frank sucht zwischen den lichten Bäumen weiter. Ein ganz in Mann in Ledermontur lehnt an einem Baum. Nach einem rituellen Tanz kommen die beiden zusammen. Während sie sich umarmen und liebkosen, ragt über der Szene golden die Siegessäule auf – ein offensichtliches Phallussymbol. Das Taxameter läuft die ganze Zeit über weiter.
 
Taxi zum Klo erschien 1980 in der BRD und zwei Jahre später in Großbritannien. Der Film war bahnbrechend in seiner selbstverständlichen Darstellung des zeitgenössischen Lebens urbaner Homosexueller. Er gehörte zu einer Reihe von Schwulenfilmen der späten Siebziger, zu deren wichtigsten aus britischer Perspektive Derek Jarmans Sebastiane (1976) and Ron Pecks Nighthawks (1978) zählten. Für Regisseur und Hauptdarsteller Ripploh ist Berlin ein riesengroßer Sexspielplatz, wo Begegnungen ebenso auf der Straße, in der Klappe, in der Garage oder sogar an einem der ersten Bankautomaten stattfinden können. In einer ihrer frühen Auseinadersetzungen sagt Frank zu Bernd, wenn er auf der Straße spazieren gehe, sei das für ihn wie ein Abenteuer. Da könne was passieren. Später jedoch äußerst er die Angst, als „alte Tunte“ zu enden, „die auf Klos herumhängt“.

Der Zoll beschlagnahmte den Film

Diese Widersprüche werden durch bildliche Darstellungen schwuler Sexualität ergründet. Sie sind nicht idealisiert – man sieht die Mitesser und die blasse Haut –, bestimmen aber das Image des Films. Der amerikanischen Zoll beschlagnahmte den Film und auch in Großbritannien wurde ihm eine generelle Freigabe verwehrt, weshalb er innerhalb des alternativen Netzwerks verbreitet wurde, zum dem das Scala-Kino, das Londoner Institute of Contemporary Arts und das amerikanische Open-Air-Filmfestival Screen on the Green gehörten.

Die Offenheit traf den Nerv einer britischen Faszination für Deutschland im Allgemeinen und Berlin im Besonderen, die Ende der 70er, Anfang der 80er ihren Höhepunkt erreichte. Taxi zum Klo zeigt eine von Neonlicht illuminierte Stadt in Bewegung, wie sie sich durch die verregneten Autoscheiben von Franks Karmann Ghia darstellt. Während er fährt, werden seine Gedanken als Voiceover zu einem minimalistischen elektronischen Soundtrack eingespielt.

Das West-Berlin, das britische Künstler magisch anzog, war eine offen statt. Eine Anomalie, eine durch den Kalten Krieg entstandene Oase der Extreme. Hier war alles möglich. Selbstverständlich gab es auch auf der Insel West-Berlin Menschen, die ein ganz normales Leben lebten, davon ist in Taxi zum Klo aber wenig zu sehen: Ripplohs Berlin wird von Bohemians und Outcasts bevölkert, die auf verschiedene Weise fiebrig eine zerbrechliche Freiheit ausleben. Der Film setzt Farbexplosionen gegen die eintönige und triste Architektur der Nachkriegszeit.

Düstere Clubs, Neonlicht, Beton

Taxi zum Klo kam ein Jahr nach einem der berühmtesten deutschen Filme jener Zeit in die Kinos, der in Großbritannien ebenfalls eine äußerst große Wirkung erzielte. Christiane F erzählt die wahre Geschichte eines 14-jähriges Mädchens, das in die Heroinabhängigkeit abrutscht. Kompromisslos, wenn nicht sogar unbarmherzig stellt auch dieser Film Berlin als eine Stadt der Extreme dar. Eltern sind meistens völlig abwesend oder mit sich selbst beschäftigt. Christiane F dreht sich um eine Gruppe von Jugendlichen, die frei durch trostlose Häuserfassaden streifen: düstere Clubs, Neonlicht, Beton, Straßenstrich und – wie in Taxi zum Klo – öffentliche Toiletten. Die beherrschende Stimmung ist ausgelaugt, düster und unheilvoll.

Dies wird durch Sequenzen, die Berlin in Bewegung zeigen, nur noch deutlicher unterstrichen. Zu Beginn wird eine einfahrende U-Bahn mit dem Soundtrack von David Bowies "V-2 Schneider" unterlegt; während die Kamera die sich lange hinziehenden Windungen eines mit Neonlicht beleuchteten Autobahntunnels einfängt, wie sie Christiane nach ihrem ersten Heroinkonsum auf dem Rücksitz eines Autos erlebt, ist "Station to Station" mit seinen perkussiv-motorischen Hieben zu hören. Das unheilvolle "Sense of Doubt" wird gleich durch zwei Abstiege visualisiert: eine Rolltreppe hinunter und in einen Bahntunnel hinein. Down, down, down.

Bowies Beteiligung an dem Film erregte große Aufmerksamkeit und eignete sich gut zu dessen Vermarktung. Er steuerte neun Titel zu dem Soundtrack bei (die er später zu einem Album zusammenfasste) und ist im Film mit "Station to Station" auch auf der Bühne eines Clubs zu sehen. Als Christianes Idol ist er den ganzen Film hindurch präsent und verleiht dem Film mit seiner Musik Texktur und emotionale Tiefe.

Soundtrack zum Reisen

Bowie hatte sich intensiv mit der deutschen Musik jener Zeit bechäftigt und veröffentlichte zwischen 1977 und '79 mit Low, Heroes und Lodger seine Berlin-Trilogie. Vor ihm hatten die deutschen Bands Kraftwerk und Neu! eine Musik der Bewegung und rhythmischen Wiederholung perfektioniert, die sich wie kaum eine andere zum Reisen eignete: Trans-Europa Express, Hallogallo, E-Musik, Autobahn. Zur selben Zeit verfeinerten Tangerine Dream eine Art der elektronischen Klangerzeugung, die sowohl Ambient als auch Techno vorwegnahmen. 1975 veröffentlichte der Kopf der Band, Edgar Froese, sein zweites Solo-Album Epsilon in Malaysian Pale, das mit seinen opulenten, psychedelischen Traumlandschaften vieles von der B-Seite von Bowies Heroes ankündigte – insbesondere "V-2 Schneider" und "Moss Garden".

Bevor er im Januar 1976 nach Berlin übersiedelte, hatte Bowie Station to Station veröffentlicht – ein Album, bei dem ein großer Einfluss der motorischen deutschen Musik zu erkennen war und das Bowies – zu Zeiten hochgradig ambivalente – Faszination mit der Geschichte Nazi-Deutschlands erkennen ließ. Diese war freilich schon lange Teil der britischen Faszination für das Land als solches, angefangen bei Christopher Isherwoods Goodbye to Berlin.

Der Mythos einer freizügigen Stadt und Kultur, die vom Nazismus zerstört worden waren, wurde von dem 1972 erscheinenden Film Cabaret aufgegriffen und reaffirmiert. Der Film hatte einen großen Einfluss auf Glam Rock und Punk. Einige der ersten Punks waren Bowie-Clone, die in einem Großbritannien, das sie am Rande des Chaos wähnten, ihre Weimar-Fantasien ausleben wollten – eine Stimmung, die in Bertie Marshalls Erinnerung Berlin Bromley zusammengefasst wird.

Als Bowie im Spätsommer 1976 nach Berlin zieht, taucht er in die Vergangenheit der Stadt ein und besucht unter anderem das Brücke Museum, das die Werke der Expressionistengruppe aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert besitzt. Er nimmt aber natürlich auch an der dekadenten Gegenwart der Stadt teil: Seine Affäre mit Romy Haag (die auch in Taxi zum Klo erwähnt wird) verewigte er in seinem 1979er Hit "Boys Keep Swinging". Er traf Kraftwerk – die in Trans-Europa Express darüber schrieben – und Giorgio Moroder, der 1977 sein "I Feel Love" veröffentlichen sollte. Mit einer Mischung aus starker Rhythmik, Wiederholung und einfachen, romantischen Synthesizer-Melodien entstand eine neue Vision eines geostrategisch geteilten Landes (was übrigens auch die Sex Pistols in ihrem Song "Holidays in the Sun" dramatisieren).

Symbol für ein Land in der Krise

Die neue deutsche Musik zeugte von Abwesenheit und Entfremdung, war voller Verlust und Distanz - sowohl emotional als auch physisch. Ihre Schönheit blitzte immer nur sporadisch auf. Oft gingen die Songs in lange Sequenzen maschineller Wiederholung über, zu denen die Leute gut tanzen oder sich auf eine technisch-ekstatische Reise begeben konnten. Dem Mythos der Dekadenz der nicht mehr ganz so jungen Vergangenheit wurde eine neue Schicht hinzugefügt. Nach dem Deutschen Herbst von 1977 wuchs der Einfluss von Low und Heroes, "I Feel Love" und Trans-Europa Express. Wie der Punk stellten Baader/Meinhof ein konsequentes Ergebnis der Ende der Sechziger einsetzenden Radikalisierung dar und für die von der Realität ihres Handelsn abgehobenen Briten war die Gruppe ein eindringliches Symbol für ein Land in der Krise.

Nach Punk und Baader-Meinhof schwappte eine kalte Welle durch den britischen Pop: Gary Numan, the Human League, Ultravox's Vienna. Berlin findet noch in Joy Divisions ruhelosem Komakino und dem melodramatischen "Drowning in Berlin" von den Mobiles Erwähnung und Spandau Ballet benannten sich nach dem westlichsten Bezirk der Stadt. Taxi zum Klo fing diesen Pop- Kult ebenso ein wie die Wiederauferstehung Berlins im deutschen Kino überhaupt: Mitte der Siebziger begann Wim Wenders seine Roadmovie-Triologie, 1977 veröffentlichte er Der amerikaniche Freund, während Rainer Wener Fassbinder auf dem Höhepunkt seines Schaffens war, insbesondere mit Faustrecht der Freiheit (1974) und Berlin Alexanderplatz (1980).

Am Ende von Taxi zum Klo hängt Frank Ripploh in der Schwebe – hin- und hergerissen zwischen seinem Freund und seinen Impulsen. Der Zuschauer weiß jetzt, dass es bald zu einer Katastrophe kommen wird. Dass Frank es nicht weiß, macht die Schmerzlichkeit und seltsame Unschuld dieses Filmes aus. Frank ist eine Art von Candide, der durch die Großstadt wandert, die ihm zwar Freiheiten und Möglichkeiten bietet, ihre furchbare Vergangenheit dabei aber nie ganz los wird.

Übersetzung: Holger Hutt
10:25 05.05.2011
Geschrieben von

Jon Savage | The Guardian

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