Sexy Motherfucker

Erinnerung Prince verführte Frauen wie Männer. Mit seiner schillernden Sexualität schuf er eine neue schwarze Männlichkeit – selbstbewusst und frei

Es war im Sommer 1989 in einer Vorstadt von Oxnard, Kalifornien. Ich hatte meinen Vater überredet, mich zum Einkaufszentrum zu fahren, damit ich mir das neue Prince-Album Batman auf Kassette kaufen konnte. Den Film Purple Rain hatte ich ein paar Jahre zuvor nicht sehen dürfen, weil meine Eltern ihn nicht jugendfrei fanden. Den Batman-Film von Tim Burton schaute ich mir aber an. Und ich wollte den Soundtrack haben. Als ich ihn hatte, fragte ich mich, wovon Prince da sang.

„Was meint er mit ‚Let me stick the 7-inch in the computer‘?“, fragte ich meinen Vater auf der Rückfahrt, als wir das Lied Batdance im Autoradio hörten. Disketten gab es schließlich nicht in sieben, sondern nur in 3,5- und 5,25-Zoll. Und auch das Jack-Nicholson-Sample im selben Song – „This town needs an enema“ („Diese Stadt braucht einen Einlauf“) – stellte mich vor ein Rätsel.

Zu Hause tanzte ich in der Garage zu Batdance, Partyman und Electric Chair. Ich wollte nicht, dass jemand mich so tuntenhaft herumhampeln sah, überhaupt wollte ich nicht, dass mich irgendwer sah. Ich war ein Mischlingskind und hörte oft den Vorwurf, ich sei nicht schwarz genug. Und ich war schwul, auch wenn ich es damals noch nicht wusste und gar keine Worte gehabt hätte, um die erwartete Heterosexualität in Frage zu stellen. Niemand sollte merken, wie sehr mich verwirrte, was mit meinem heranwachsenden Körper geschah.

Wen wollte er heißmachen?

Prince erschreckte und faszinierte mich, weil er jeden einzelnen der Widersprüche verkörperte, die ich spürte. Schon sein Anblick machte mich nervös, zugleich konnte ich nicht wegsehen. Was würde es heißen, alle Regeln über Bord zu werfen, so wie er es offenbar tat? Seine lila Kleidung, die hochhackigen Schuhe, die Rüschenhemden: War er stolz auf seine weibliche Seite, oder war er sich seiner Männlichkeit so sicher, dass es ihn nicht kümmerte, ob jemand sie anzweifelte? „Shaking that ass, shaking that ass“ – bei seinem zierlichen Wuchs und mit dem kleinen, knackigen Hintern schien sich das an Frauen und Männer gleichzeitig zu richten. Wen wollte er heißmachen mit Sexy MF oder Cream? Und was, wenn jemand auf die Idee kam, dass mich mit meiner Begeisterung nicht seine Tänzerinnen erregten, sondern er selbst?

Prince war ein Paradox, indem er einerseits neue Möglichkeiten des Mannseins erschloss und andererseits den Begriff Gender selbst dekonstruierte. Ähnlich wie Michael Jackson lebte er eine Art der schwarzen Männlichkeit aus, die weder unterdrückt wirkte noch überbetont wie im Hip-Hop, der zur selben Zeit aus Los Angeles kam. Diese Männlichkeit schien so fließend und sinnlich wie seine langen Wimpern, so köstlich wie seine Lippen – eine Einladung an alle. Sein Blick war so schlüpfrig, selbstsicher und neugierig wie seine Musik, und wenn diese Augen in Kombination mit dem Hauch von Bart um seinen Mund dich von einer Plattenhülle ansahen, schienen sie zu wissen, dass du ihnen nicht widerstehen konntest. Sexy motherfucker, shaking that ass, shaking that ass, shaking that ass

Gelang es einem, beim Zuhören die Augen zu schließen, so konnte man sich auch in seiner Musik verlieren. In meinen ersten Highschool-Jahren wusste ich mit Rap nicht viel anzufangen, wohl aber mit der schwarzen Musik, die damals weniger im Trend lag: Gospel, Motown, Jazz und R&B. Und ich liebte Prince. Sexy MF konnte ich den ganzen Tag in Endlosschleife hören. Der soulige Rhythmus, die üppige Basslinie, die fetten Bläser, die nach Memphis schmeckten. Dazu die brausende Orgel, die direkt aus einem Sonntagsgottesdienst in Harlem zu kommen schien. Und wenn Prince schnurrte: „Come here, baby“, verknüpfte er Sex und Erhabenheit ebenso mühelos, wie es die Gospel-Meister Andraé Crouch und Kirk Franklin taten.

Sein Umgang mit Sexualität machte mich nervös, doch wirklich schockierend fand ich seinen Umgang mit ethnischen Zuschreibungen. In der Schule fürchtete ich immer den Vorwurf, ich würde mich „wie ein Weißer“ benehmen, aber das Etikett des wütenden schwarzen Mannes war nicht minder gefährlich. Als Prince dann seinen Namen gegen ein Symbol eintauschte, seine Plattenfirma Warner Bros. zum Teufel schickte und sich „Sklave“ auf die Wange schrieb, hatte ich große Angst um ihn – und war hingerissen.

Jenseits der Archetypen

Mein Vater war ein lauter, sich gern zu Wort meldender Schwarzer, doch er hatte wenig materiellen Erfolg vorzuweisen. Von Schwarzen, die „es geschafft hatten“, wurde erwartet, dass sie sich der Kommerzmaschine, die sie reich gemacht hatte, so dankbar zeigten wie Oprah Winfrey. Doch ähnlich wie der Baseballspieler Curt Flood, von dem der Ausspruch „Ein gut bezahlter Sklave ist immer noch ein Sklave“ stammt, wollte Prince über die Ausbeutung der schwarzen Künstler reden. Er weigerte sich, ein vorgegebenes Spiel mitzuspielen oder sich vor irgendwem zu verneigen. Sein Symbol, in dem die Zeichen für männlich und weiblich verschmolzen, bedeutete, dass Journalisten nicht einmal mehr seinen alten Namen drucken konnten. Es war das erste Mal, dass ich mitbekam, wie sich jemand dem repressiven dualen Geschlechterschema und den Regeln der Herrschenden konsequent entzog. Shaking that ass, shaking that ass

Am College, wo ich Ende der 90er Jahre Film studierte und die meisten meiner Kommilitonen weiß waren, fiel mir auf, dass Prince oft deren Verbindung zum schwarzen Amerika war. Prince-Fan zu sein galt damals für weiße Heteros als Nachweis, dass sie die Schwarzen verstanden – so wie sie heute Beyoncé preisen.

Tagsüber besuchte ich die Kurse von Donald Bogle, Autor des Buches Toms, Coons, Mulattoes, Mammies and Bucks, und lernte bei ihm, wie man die fünf Archetypen bei der Darstellung Schwarzer in den Massenmedien dekonstruiert. Prince fügte sich in keine dieser Schablonen ein, mit seiner ganz eigenständigen Sexualität und seiner lautstarken Weigerung, für seine Plattenfirma den Hofnarren zu spielen. Nachts teilte ich das Zimmer mit meinem besten Freund Peter, einem Weißen aus New Jersey, der Prince verehrte. Prince war der Soundtrack unserer Abende, unsere Filme und der Feste, die wir gaben, als wir in eine Wohnung außerhalb des Campus umgezogen waren. Let’s go crazy orchestrierte unsere Videos, wenn wir einen Film im Kasten hatten, Little Red Corvette begleitete unsere Party-Vorbereitungen, und 1999 schien immer noch über eine ferne Zukunft zu fantasieren (das Lustigste an den Untergangsszenarien zur Jahrtausendwende war, sich vorzustellen, wie viele Leute als letzte Musik in ihrem Leben Prince hören würden).

Viele dieser weißen, heterosexuellen Filmstudenten liebten Prince mit einer Zärtlichkeit, die ziemlich schwul wirkte. Auf meine Frage, warum er Prince derart mochte, sagte mein Freund Jason: „Er ist so sexy. Du willst neben ihm stehen, weil du hoffst, dann könnte ein bisschen von dem, was ihn so attraktiv macht, auf dich übergehen.“ Schwarz, weiß, schwul, hetero, Mann, Frau: Jeder Mensch, den ich kannte, schien entweder mit Prince schlafen oder selbst Prince sein zu wollen. Oder beides.

Meine schönste Prince-Erinnerung aus der Collegezeit ist aber, wie wir spät nachts noch Peters Purple-Rain-Platte hörten, mit dem neunminütigen Titelsong am Ende. Manchmal begleitete er mich in den Schlaf. Die Single-Version endet mit Princes monumentalem Gitarrenriff, das tief ins Weltall vorzudringen und dann zurückzukehren scheint. In der Langfassung aber fand Purple Rain nicht wieder auf die Erde. Es entschwebt in sinfonischer Instrumentierung ganz und gar in den Kosmos. Nie habe ich mich glücklicher und geborgener gefühlt, als wenn ich zu diesen großartig sanften Geigen in den Schlaf hinüberglitt.

In den letzten Jahren, lange nachdem ich herausgefunden hatte, dass ich schwul bin, begann ich Prince auf Vinyl zu kaufen. Fünf Platten haben mich durch diesen Text gebracht: 1999, Parade, Controversy, For You und Around the World in a Day. Prince war mir so weit voraus, als ich zu begreifen lernte, was es heißt, ein Schwarzer in den USA zu sein. Eine Sexualität und Gender-Identität zu haben, die nicht den von weißen Männern vorgeschriebenen Regeln entspricht. Sich zum Amorphen zu bekennen, zum schwer Einzuordnenden. Zum Schönen und Unbekannten.

Stephen W. Thrasher ist Kolumnist der US-Redaktion des Guardian

Übersetzung: Michael Ebmeyer

10:30 27.04.2016
Geschrieben von

Steven W. Thrasher | The Guardian

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