Show und Schein

Corona Wie verheerend eine Mischung aus ungezügeltem Kapitalismus und Populismus tatsächlich wirken kann, sieht man während der Pandemie in den USA und Großbritannien
Show und Schein
Hauptsache, es wirkt groß, Rest egal

Foto: Ralph Freso/Getty Images

Hinter der Ironie verbirgt sich etwas Profunderes. Die höchsten Coronavirus-Todeszahlen werden in zwei Ländern verzeichnet, deren Staatschefs mit dem Versprechen an die Regierung kamen, die ihre Länder wieder „groß“ zu machen – die USA und Großbritannien. Keiner der beiden Staaten kann sich damit herausreden, überrascht worden zu sein: Beide hatten einen Zeitvorsprung, detaillierte wissenschaftliche Warnungen und abschreckende Beispiele aus China und Italien.

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Die Ähnlichkeiten zwischen den Staaten und dem Königreich sind frappierend – die Schlussfolgerungen unvermeidlich. In Großbritannien hatte man sich der Illusion hingegeben, dass der possenreißende rechte Staatschef Boris Johnson zwar seine Fehler hat, aber zumindest kein Donald Trump ist. Doch am Ende gelang es ihm, sogar über die kleinsten Herausforderungen zu stolpern. Der Umgang der britischen Regierung mit der Krise hat sich als fast genauso leichtsinnig und schlecht vorbereitet erwiesen wie der der USA.

Zwei Nationen, die sich ihres außergewöhnlichen wirtschaftlichen, historischen und politischen Status rühmen, sind in die Knie gezwungen. Dabei ist ihr Fall das Ergebnis einer angeknacksten politischen Kultur und der spezifischen Form des anglo-amerikanischen Kapitalismus.

In beiden Ländern wurden in den vergangenen vier Jahren rücksichtslose politische Entscheidungen gerechtfertigt, indem man die Realität der Rhetorik unterordnete. Die Kosten für den Austritt aus der EU wären „praktisch Null“, wurde da etwa behauptet, angesichts eines auszuhandelnden Freihandelsabkommens, das zu den „einfachsten in der Geschichte der Menschheit“ gehöre. Gleichzeitig wurden imaginäre Feinde erschaffen und Scheingefechte ausgetragen, während beide Länder streitbereit daran gingen, ihre Verbindungen zu anderen Nationen und internationalen Institutionen zu kappen.

„Es gibt kein Weißes Haus mehr“

Der politische Diskurs konzentrierte sich derweil so auf große abstrakte Ideen von Wiedergeburt und Wiederaufbau, dass er wenig konkrete Ergebnisse erforderte. Die britische Tory-Regierung musste nichts weiter zu tun, als den Brexit durchzubringen, ganz gleich, wie schlampig sie diesen Job erledigte. In den USA brauchte Trump unterdessen nur ab und zu eine Mauer an der mexikanischen Grenze zu fordern, ein rassistisches Reiseverbot zu erlassen und verschiedene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens im Sport zu attackieren, um die Loyalität seiner Anhänger zu erhalten.

So etwas wirkt sich zersetzend aus – nicht nur auf die Qualität der öffentlichen Debatte, sondern auch auf das Kaliber der amtierenden Politiker. Werden die Regierungsgeschäfte zu populistischen Kulissen degradiert, verschwinden Macher unter den Politikern und werden durch Cheerleader ersetzt. So ist man zu der aktuellen Besetzung an vom Scheinwerferlicht geblendeten Tory-Kabinettmitgliedern gekommen. In den USA ist der Begriff „Regierung“ selbst nicht mehr ernszunehmen. Wie es der Journalistikprofessor an der New York University Jay Rosen formulierte: „Es gibt kein Weißes Haus mehr. Nicht in dem Sinne, in dem Journalisten den Begriff immer benutzt haben. Es gibt nur Trump – und Leute, die in dem Gebäude arbeiten.”

Als Covid-19 ihr Staatsgebiet traf, fehlten Großbritannien und den USA nicht nur die Politiker, sondern auch die Institutionen, um effektiv reagieren zu können. Vor der Krise hatte Trump wiederholt versucht, den Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) die Gelder zu kürzen. In Großbritannien kam die Pandemie einem Tory-Kabinett ungelegen, das sich in einer Fehde mit seinem eigenen öffentlichen Dienst verstrickt hatte. Die intellektuelle und praktische Infrastruktur zum Umgang mit Fakten war schlicht zerstört.

Aber die Unfähigkeit beider Nationen, adäquat auf die Pandemie zu reagieren, ist auch auf eine lange, nicht an eine spezifische Partei gebundene Geschichte zurückzuführen. Die spezielle Beziehung zwischen den beiden Ländern ist nicht nur durch sprachliche und kulturelle Nähe geprägt, sondern auch durch eine ideologische Partnerschaft, die in der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg geschmiedet wurde. Der anglo-amerikanische Kapitalismus wurde sowohl von rechten wie Mitte-links-Parteien verfolgt. Auf geringe Eingriffe der Regierung setzend und angetrieben durch Ausnahmeregelungen hatte er den Rückbau des Staates zur Folge. Keine Ankündigung oder Warnung hätte die Regierungsmaschinerie schnell genug umgestalten können, um Leben zu retten. Ein von Privatisierung, Liberalisierung und der Einschränkung von Arbeitnehmerrechten abhängiges ökonomisches und politisches System ist anfällig für regelmäßige Krisen, auch wenn solche Schocks als Ausrutscher dargestellt werden.

Krisen sind Teil des Systems

Ihre wirtschaftliche und regulatorische Verwandtschaft wurde des Weiteren durch die Anpassung des britischen Finanzsektors an die aggressiven Märkte der USA gestärkt. London holte zur Wall Street auf.

Dazu kam eine nach außen hin moralistische, aber insgeheim zynische, interventionistische Außenpolitik. Sie gab dem Modell einen expansionistischen Ansatz, der beiden Nationen half, im Ausland Macht auszuüben und ihre eigenen finanziellen und politischen Interessen zu schützen. Zwar führten die Kriege in den Morast und die schnell wachsenden Finanzsektoren zu wirtschaftlichen Nahtod-Erfahrungen. Aber nichts von dem löste ein entscheidendes Umdenken oder Reflektion aus. Nach der Finanzkrise von 2008 entschieden zwei Mitte-Links-Staatschefs, die Infrastruktur zu stützen, die ihre Ökonomien an den Rand des Abgrunds gebracht hatten. Sie statteten die Banken mit neuem Kapital aus, belebten die Märkte und wählten stärkere Regulierung anstatt einer grundlegenden Reform.

Der Finanzcrash wurde als ein nicht funktionierender, nicht überwachter Programmfehler betrachtet – anstatt als fixer Bestandteil des Systems. Ebenso wird das Versagen, mit der Pandemie klarzukommen, als unvorhersehbares, von außen vorgegebenes Ereignis dargestellt – anstatt als Ergebnis einer Ideologie, die es dem Staat ermöglicht, nie da gewesene große Ressourcen zusammenzukratzen, wenn es darum geht, Banken, aber eben nicht um Leben, zu retten. Krankenschwestern werden in den USA länger Müllbeutel als persönliche Schutzausrüstung tragen müssen, als eine Pleite-Bank ohne frische Finanzmittel auskommen muss.

Ein derartiges System ist zunehmend prädestiniert für leeren Triumphalismus – sei es über ein erstarktes Amerika oder Großbritanniens wiedergewonnene Macht. Trump und die Tories beriefen sich auf diese Formeln nicht nur aus Verlogenheit oder ideologischen Gründen. Wollen sie den anglo-amerikanischen Kapitalismus nicht radikal verändern, haben sie ihren Wählern nichts anderes zu bieten. Und so müssen sie die wirtschaftliche Misere von der Politik trennen und versuchen, Immigranten und Fremden die Schuld zu geben. Und für das Gefühl der Hilflosigkeit ihrer eigenen Bürger müssen sie andere Länder und internationale Institutionen, wie die EU, die Weltgesundheitsorganisation WHO oder die Nato, verantwortlich machen. Die Prahlerei ist nichts als Fassade. Dahinter verbirgt sich zunehmend der Verfall eines Landes.

Während Leichen sich stapeln, wird Versagen in den USA und Großbritanniens irgendwie zu einem Sieg gesponnen werden. Der Triumphalismus wird weiter zunehmen, so viel ist sicher. Die Frage ist nur, wie viele noch an ihn glauben werden.

Nesrine Malik ist Kolumnistin des Guardian

Übersetzung: Carola Torti
17:20 15.05.2020
Geschrieben von

Nesrine Malik | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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