Sie stinken vor Hass

Pakistan Die wegen Blasphemie zum Tode verurteilte Christin Aasia Bibi kann dem Henker entgehen, aber auch dann wird sie von der Pogromstimmung in ihrem Heimatdorf bedroht sein

Aasia Bibi ist nicht zuhause. Kinder spielen vor dem Eingang zu ihrer bescheidenen Wohnung im verschlafenen Punjab-Dorf Itanwali. Die Frau, deren Fall in Pakistan eine Blasphemie-Hysterie ausgelöst hat, sitzt im Gefängnis und betet verzweifelt dafür, nicht hingerichtet zu werden. Ihre Nachbarn dagegen hoffen dies sehr wohl. „Warum hat man sie noch nicht umgebracht?“, fragt die 20-jährige Maafia Bibi aus der Tür des Nachbarhauses. Ihre Augen funkeln hinter dem Schal, der das Gesicht bedeckt. „Ihr Journalisten kommt noch immer hierher und stellt Fragen, dabei hat sich die Angelegenheit doch erledigt. Warum hat man sie noch nicht gehängt?“

Maafia gehörte zu den vier Frauen, die Aasia Bibi beschuldigen, als Christin den Propheten Mohammed während eines Streits draußen auf dem Feld beleidigt zu haben. Maafia will nicht wiederholen, welche Worte genau gefallen sind. Dies zu tun, käme abermals einem blasphemischen Akt gleich. Aus diesem Grund soll Bibi allein nach dem Hörensagen am Galgen sterben – ein kafkaesker Umstand, der an diesem Ort, 30 Meilen von der Metropole Lahore entfernt, nur wenige zu stören scheint.

Ein paar Schritte weiter bereitet Maulvi Muhammad Saalim das Freitagsgebet vor. Der 31-jährige Mullah mit gekräuseltem Bart, den wilden, mit Kajal umrandeten Augen und einer wollenen Weste spielte bei der Anklage eine entscheidende Rolle. Als ein Gericht Aasia Bibi im November als erste Frau in der Geschichte Pakistans zum Tode verurteilte, habe er „vor Freude geweint. Da wir befürchtet hatten, das Gericht könnte eine mildere Strafe verhängen, feierte das ganze Dorf.“

Ein Glas Wasser

Der junge Geistliche entschuldigt sich – es ist Zeit für das Freitagsgebet. Er tappt auf Socken über den Marmorboden, schaltet einen knisternden Lautsprecher ein und sendet einen monotonen Ruf aus, der durch das ganze Dorf schallt. Ein Madrasa-Student befördert eine streunende Gans aus dem Hof der Moschee, und in Decken gehüllte Dorfbewohner schieben sich herein. Nach seiner Predigt zu urteilen, ist es nicht das Christentum, das Salim an diesem Freitag Sorgen bereitet. 30 Minuten lang wettert er gegen die Trink- und Spielsucht, gegen Karten und – sonderbarerweise – auch gegen das Versicherungswesen. Alles sei „Werk des Teufels“.

Muhammad Saalim kam 1979 zur Welt, zwei Jahre nach dem Militärputsch von ­General Zia ul-Haq, den viele für die islamische Radikalisierung Pakistans verantwortlich machen – sein Leben spiegelt die Einflüsse, denen seine Generation ununter­brochen ausgesetzt war. Saalim stammt aus Bahawalnagar, in der Nähe von Zia ul-Haqs Heimatort, studierte acht Jahre lang an einer Koranschule in der Stadt Multan. Was er dort gelernt hat, gibt Saalim inzwischen an 150 Studenten in seiner eigenen Madrasa weiter, die in der strengen Deobandi-Tradition steht. „Es ist der Weg Gottes.“

Pakistan haftet das Unglück an den Fersen, das Land rattert von einer Krise in die nächste. Nach den Ereignissen der vergangenen Tage scheint die Frage nicht zu lauten, ob das Glas halb voll oder halb leer ist, sondern vielmehr, wer das Wasser überhaupt erst eingegossen hat. Denn Streit um ein Glas Wasser war die Ursache für die Anklage gegen Aasia Bibi, die 46-jährige Mutter von fünf Kindern, und damit indirekt auch für den Mord an Salman Taseer, den Gouverneur des Punjab, am 4. Januar. Der wurde an jenem Tag von einem Polizisten, der ihn eigentlich schützen sollte, vor einem Szene-Café in Islamabad erschossen.

Der Streit um ein Glas Wasser beginnt an einem heißen Sommertag im Juni 2009, als Aasia Bibi zusammen mit ihren muslimischen Nachbarinnen dabei ist, Phalsa-Beeren zu ernten, aus denen Saft gewonnen wird. Als Bibi Wasser zum Trinken bringt, wollen die anderen das Glas einer Christin nicht anrühren. Ein böser Streit entbrennt, auch wenn das, was genau gesagt wird, nie bis ins letzte Wort hinein zu klären ist. Bibis Ankläger behaupten, sie habe den Islam und den Propheten Mohammed aufs Übelste beleidigt. „Sie wurde sehr wütend“, erinnert sich die bereits erwähnte Maafia. „Die Sache war doch klar – wir konnten nicht aus dem Glas einer Christin trinken. Wir sind Muslime, und da gibt es einen großen Unterschied. Unsere Religion hat einen höheren Wert.“

Bibis Unterstützer dagegen beschwören, sie habe nichts Despektierliches über die fremde Religion geäußert, sondern sich lediglich geweigert, zum Islam zu konvertieren: „Bibi sagt, die anderen Frauen hätten sie ständig bedrängt, bald überzutreten. Und eines Tages hatte sie schlicht die Nase voll“, so Shehrbano Taseer, die 21-jährige Tochter des ermordeten Gouverneurs, die Bibi im Gefängnis besucht hat.

Nachdem das Todesurteil gefällt war, wurde Salman Taseer, der selten ein Blatt vor den Mund nahm, auf den Fall aufmerksam. Zum Entsetzen der Konservativen besuchte er Bibi zusammen mit seiner Frau Aamna, ließ sich dabei fotografieren und versicherte der von Todesangst gezeichneten Gefangenen, er werde eine Begnadigung durch das Staatsoberhaupt erreichen. Kein leeres Versprechen. Präsident Asif Ali Zardari gab Taseer zu verstehen, er stehe „völlig hinter ihm“.

Religiöse Führer gerieten endgültig außer sich, als Taseer das Blasphemie-Statut als „schwarzes Gesetz“ bezeichnete. Vor seinem Sitz in Lahore verbrannten Demonstranten das Bild des Gouverneurs, ein Geistlicher aus Peschawars ältester Moschee setzte eine Belohnung von 500.000 Rupien (4.580 Euro) aus, die erhalten sollte, wer Aasia Bibi tötete. Am 4. Januar richtete dann Mumtaz Qadri, der 26 Jahre alte Leibwächter Taseers, die Waffe gegen seinen Schutzbefohlenen und durchsiebte ihn mit Kugeln.

Verdient den Tod

Ein Attentat, das Pakistan erschüttert hat wie kein anderes Ereignis seit der Ermordung Benazir Bhuttos Ende 2007. Zugleich haben die Reaktionen auf den Anschlag eine Seite der pakistanischen Gesellschaft offenbart, die den Eindruck erweckt, das Fieber des Islamismus habe von diesem Land endgültig Besitz ergriffen.

Am Tag nach dem Mord an Taseer untersagen 500 Geistliche von der Gemeinschaft der Barelvi ihren Anhängern, seiner Familie ihr Beileid zu bekunden. Eine andere religiöse Gruppe demonstriert eine Woche nach dem Mord in Karachi gegen eine Reform des Blasphemie-Gesetzes. Auf ihren Plakaten wird Sherry Rehman namentlich genannt und angegriffen – eine mutige Abgeordnete der regierenden Pakistan People’s Party (Volkspartei/PPP), die Taseers Ansichten teilt. Ein örtlicher Prediger versieht sie mit dem Label Wajib ul Qatil (Verdient den Tod). Die Furcht, sie könnte das Schicksal Taseers teilen, ist kaum übertrieben.

Trotz alledem steckt weniger Religion hinter dem Blasphemie-Furor als es zunächst scheinen mag. Nicht eben selten dient das Gesetz als Vehikel, um ganz andere Konflikte auszutragen. Viele Opfer des Blasphemie-Gesetzes sind Muslime. Geraten Christen in dessen Visier, ist dies häufig durch uralte Vorurteile motiviert, denn Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft arbeiten traditionell als Reinigungskräfte, so dass sie von vielen Muslimen als „unrein“ betrachtet werden. „Dieses ganze Gewese um die Religion ist nur ein Vorwand“, sagt Ali Dayan Hasan von Human Rights Watch. „Oft geht es schlicht um Ressentiments zwischen verschiedenen Milieus.“

Zurück nach Itanwali, dem Dorf von Aasia Bibi, das von Zuckerrohr, Getreide und Gemüsefeldern umgeben ist, die aus einem Kanal bewässert werden, der noch aus der britischen Kolonialzeit stammt. Die Einwohner wählen hier traditionell die Volkspartei, der auch Gouverneur Taseer angehörte. Doch nach seinem tragischen Tod ist in Itanwali wenig Sympathie für ihn zu spüren. „Wir sind traurig“, sagt der Dorfälteste Chaudhry Muhammad Tufail nach dem Freitagsgebet und grinst, während die Menge kichert, die sich hinter ihm im Hof der Moschee versammelt. Mit 18 Morgen Land und dem Job des Lumbardar – des Mannes, der die Landverkäufe und die Verteilung des Wassers kontrolliert – ist Tufail einer der Mächtigsten dieser Gemeinde. Und er spielt eine Hauptrolle im Blasphemie-Verfahren gegen Aasia Bibi. Deren Unterstützer sagen, der Anklage sei ein erbitterter Streit zwischen beiden vorausgegangen. „Sie sind wegen der Bewässerung aneinander geraten. Seine Büffel würden ihren Gänsen das Futter wegfressen, war Aasia überzeugt“, erinnert sich Shehzad Kamran, ein christlicher Priester, der die Verurteilte in ihrer Zelle besucht hat. Tufail bestreitet das kategorisch. Solchen Hader habe es nie gegeben, stattdessen „das Gesetz seinen Lauf genommen“.

Alles kann passieren

Diskriminierung ist für Pakistans christliche Minderheit nichts Neues. Brutale Angriffe in kleinen Punjab-Städten haben ein Gefühl der Isolation verstärkt. Seit dem Tod Salman Taseers – ihres prominentesten Verteidigers – fühlen sie sich gefährdeter denn je. In einem Haus in Lahore, das ausreichenden Schutz verspricht, beschreibt eine christliche Familie, wie das Blasphemie-Gesetz ihr Leben zerstört hat – Yusuf Masih und seine Frau Suria sind seit Juli gegen Kaution auf freiem Fuß. Ein Mullah aus ihrem Wohnort hatte sie der Blasphemie beschuldigt. Ihr Verbrechen bestand darin, das Dach der Außentoilette mit einem Stück Folie zu versehen, um den Regen abzuhalten. Dass auf diesem Stück Plastik ein religiöser Vers geschrieben stand, wussten sie nicht. „Wir hatten keine Ahnung,“ sagt Yusuf Masih, ein Koch mit Bartstoppeln, der weder lesen noch schreiben kann.

Während Yusuf und Suria auf die Verhandlung warten, leben sie wie Menschen auf der Flucht, ziehen heimlich hin und her, zwischen Verwandten und einer von christlichen Wohltätern betriebenen Unterkunft. Beide hoffen inständig auf einen Freispruch, auch wenn sich ihnen – wie allen Opfern des Blasphemie-Statuts – die Frage nach Heimkehr gar nicht erst stellt. Als sie vor zwei Wochen kurz ihr kleines Haus aufsuchen wollen, um ein paar Habseligkeiten einzusammeln, finden sie es geplündert vor. „Sie haben alles mitgenommen“, sagt Yusuf.

Aasia Bibi dürfte kaum dem Henker übergeben werden – in Pakistan ist noch nie eine wegen Blasphemie verurteilte Person hingerichtet worden. Viele Klagen werden ohnehin von den Berufungsgerichten aufgehoben, die bis zu einem gewissen Grade immun sind gegen den Druck des Mobs, dem lokale Richter ausgesetzt sind. Für gewöhnlich wird zugunsten des Angeklagten entschieden, weil es keine klaren Beweise gibt. Das bedeutet mitnichten, die Beschuldigten seien keiner Gefahr ausgesetzt.

Das Blasphemie-Gesetz bleibt in Kraft und entfaltet seine Wirkung. Aus Angst, sich auf der falschen Seite der Debatte um die Verdikte dieses Statuts wiederzufinden, geben die Oppositionsparteien nach dem Tod Salman Taseers nur zaghafte Worte der Verurteilung von sich. Am 30. Dezember schon hat die Regierung verkündet, sie werde dieses Gesetz nicht aufheben. Tage später versichert Innenminister Rehman Malik, er werde jeden mit eigener Hand erschießen, der wegen Blasphemie schuldig gesprochen sei.

Liberale Pakistani mussten entsetzt erleben, wie der Mörder Taseers vor dem Gerichtsgebäude von seinen Anwälten mit Rosenblättern beworfen wurde. Diese Leute stinken vor Hass, schreibt der Kommentator Nadeem Farooq Paracha. Aber solche Stimmen des Protests kommen bestenfalls von einer Minderheit, während radikale Mullahs samt der ihnen ergebenen Medien einen langen, dunklen Schatten werfen.

Aasia Bibi hat entfernte Chancen, irgendwann wieder auf freien Fuß gesetzt zu werden, meinen Experten, doch könne es Jahren dauern, bis ihr Einspruch vor Gericht verhandelt werde. Derzeit dürfte sie im Gefängnis sicherer sein. In der Itanwali-Moschee nämlich prophezeit Prediger Saalim, Bibi werde getötet, sollte sie je auf freien Fuß kommen. Könnte er selbst zum Täter werden? „Es gibt überall gute Muslime“, antwortet er mit einem Schulterzucken. „Alles kann passieren.“


Declan Walsh kommt aus Irland und schreibt momentan als Guardian-Korrespondent über Afghanistan und Pakistan

Übersetzung: Holger Hutt / Zilla Hofman

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09:25 26.01.2011
Geschrieben von

Declan Walsh | The Guardian

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