Sie warten ab, ob Obamas Worten Taten folgen

Pakistan Millionen Menschen suchen Zuflucht in den Flüchtlingscamps im Swat-Tal. Hier entscheidet sich das Schicksal des Landes – und der Krieg gegen die Taliban

Präsident Asif Ali Zardari glaubt zu wissen, was er zu tun hat. Er lässt in Islamabad eine Erklärung verbreiten, wonach Hunderttausende von Vertriebenen im umkämpften Swat-Tal auf Beistand rechnen dürfen. Neben der Hilfszusage erscheint die Offerte wie ein Eingeständnis, dass bei den Operationen der Armee gegen die Taliban und ihre Alliierten Millionen obdachlos geworden sind. Zardaris Erklärung wird von den Gotteskriegern prompt mit einem Bombenanschlag auf ein Fünf-Sterne-Hotel beantwortet, diesmal in der Millionenstadt Peschawar. Die Attentäter legen es darauf an, dass die Bemühungen des UN-Welternährungsprogramms in den Flüchtlingslagern am Rande der Swat-Region zum Erliegen kommen, lässt sich doch seit längerem ein Phänomen beobachten. Diese Camps der gestrandeten Existenzen stellen so etwas wie ein letztes Refugium für die Extremisten dar. Der Anschlag auf das Hotel in Peschawar verfolgt vermutlich auch das Ziel, den versprengten Taliban-Milizen Zeit zu verschaffen, sich neu zu formieren. Es heißt, Anhänger der verbotenen Jamat-du-dawa und der Gruppierung Falah-i-Insaniat durchkämmen die Flüchtlingscamps nach jungen, unzufriedenen Männern, um diese für den Kampf um Kaschmir zu rekrutieren.

Endlose Shanty Towns

Währenddessen nimmt in Pakistans Nordwestregion die Zahl der in provisorischen Unterkünften lebenden Menschen dramatisch zu. Oft müssen sich 20 und mehr ein Zelt teilen. Eine Versorgung mit sauberem Trinkwasser gibt es nicht, von Medikamenten ganz zu schweigen. In symbolischer Mittellage zwischen dem Indus, dem wichtigsten Fluss des Subkontinents, und Afghanistans Kabul-Fluss, leben die Obdachlosen, bei denen es sich größtenteils um Frauen und Kinder handelt, in dem Bewusstsein: Es gibt kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren können. Die Armee hat ihre Dörfer in Swat dem Erdboden gleich gemacht, jetzt vegetieren sie in brütender Hitze unter unerträglichen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen. Ein Ärzteteam aus Islamabad befürchtet, die Kinder könnten an Cholera erkranken, wenn nicht für mehr sauberes Wasser gesorgt wird. Und zwar unverzüglich.

Was kann unter diesen Umständen die 200-Millionen-Dollar-Hilfe bewirken, die Barack Obama jüngst für die Flüchtlinge versprochen hat? Wie kann sie überhaupt die Menschen erreichen, wenn die Vereinten Nationen kapitulieren und ihre Infrastruktur für Pakistan kaum mehr zur Verfügung steht? Die letzten amerikanischen Feldlazarette wurden nach dem Erdbeben im Kaschmir-Tal vor vier Jahren aufgestellt, und es sieht ganz so aus, als müssten sie wieder zum Einsatz kommen.

Gerade in Swat ist es dem pakistanischen Staat nie gelungen, das Gros der Bevölkerung aus unterentwickelten, feudalistisch bigotten Verhältnissen zu befreien. Inzwischen entgleitet der Regierung die in den Operationsräumen der Taliban ausgebrochene Flüchtlingskrise vollends.

Schon in den Jahren 2006 und 2007 verließen Monat für Monat Tausende die Berge im Norden Waziristans. Inzwischen ziehen sich die improvisierten Shanty Towns den ganzen Weg von der nordwestlichen Grenze bis in die Außenbezirke der Metropolen in Belutschistan und Punjab. Sollten zu viele Flüchtlinge wegen der mangelnden Versorgung sterben – es lässt sich absehen, dass es dazu kommt –, wird die Armee die Operationen gegen die Taliban einstellen, den Aufständischen große Gebiete und die Verantwortung dafür überlassen.

Bis es soweit ist, wird der illegale Einsatz amerikanischer Drohnen am Himmel Pakistans die Taliban nicht aufhalten. Es heißt inzwischen, eine schlagkräftige Taliban-Guerilla würde sich in einem afghanischen Flüchtlingslager verstecken, das nur wenige Kilometer von der Start- und Landebahn der Drohnen entfernt liegt.

Der Gesten müde

Doch davon hängt das Schicksal Pakistans nicht ab – das entscheidet sich im Moment durch die Antwort auf eine einzige Frage: Reichen die Hilfen der Amerikaner und die Ressourcen der pakistanischen Regierung aus, die Flüchtlinge am Leben zu erhalten? Wenn das misslingt, werden die USA den Krieg gegen den Terror und die Pakistani ihr Land verlieren.

Fernab von Obamas pathetischer Kairoer Rhetorik, seinen Gesten und Appellen an die muslimische Welt interessieren sich die Menschen auf den Straßen von Lahore nicht für den Präsidenten der USA. Sie sind damit beschäftigt, zu leben und zu überleben. Ein LKW-Fahrer sagt: „Ein neues Amerika, das am Schicksal der Muslime Anteil nimmt? Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.“

Wichtiger noch als alle Hilfe und alles von den Taliban zurückgewonnene Territorium ist es für Obama und Pakistan, den Menschen, die durch den Krieg gegen den Terror ihr Zuhause verloren haben, wieder die Aussicht auf eine erträgliche Existenz zu geben. Wenn es gelingt, die Flüchtlinge und Millionen von Pakistani, denen das Schicksal der Entwurzelten nicht verborgen bleibt, davon zu überzeugen, dass im pakistanisch-amerikanischen Verhältnis ein wirklicher Wandel stattfindet, würde das den Taliban und al Qaida einen wirklich empfindlichen Schlag versetzen. Aber nur dann.

Flucht ohne Wiederkehr

Ende 2008 lag die Gesamtzahl der durch Bürgerkrieg und Verfolgung entwurzelten Existenzen weltweit bei 42 Millionen Menschen. Davon schlugen sich 16 Millionen als Flüchtlinge und Asylbewerber durch 26 Millionen waren innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben worden.

Allein in Kolumbien sind durch den schwelenden Bürgerkrieg zwischen den nationalen Streitkräften und den Guerilla-Armeen FARC und ELN seit 1980 drei Millionen Menschen aus ihren Heimatgebieten geflohen. Im Irak hat seit 2003 mehr als 2,8 Millionen Menschen das gleiche Schicksal ereilt. Über zwei Millionen Binnenflüchtlinge verließen seit 2005 die sudanesischen Region Darfur.

Ungefähr zwei Millionen Flüchtlinge und intern Vertriebene sahen 2008 ihre verlorene Heimat wieder. Dies signalisiert einen Fall der Rückkehrquote um 17 Prozent bei den Flüchtlingen und 34 Prozent bei den Vertriebenen die niedrigste Rate seit 15 Jahren, in der sich die schlechte Sicherheitslage in Afghanistan, im Sudan oder im Irak spiegelt.

Begehrte Zielstaaten für Flüchtlinge im Nahen Osten sind Syrien (1,1 Millionen Zuwanderer) und der Iran (980.000 Zuwanderer).

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Geschrieben von

Basim Usmani, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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