Sie zieht’s durch

Porträt Caster Semenya wird seit Jahren als Mann verhöhnt, weil ihr Körper viel Testosteron produziert. Bei Olympia könnte sie den Weltrekord im 800-Meter-Lauf brechen
Donald McRae | Ausgabe 32/2016 3
Sie zieht’s durch
Caster Semenya ist zurück – und damit die Feindseligkeit
Foto: Marca/Imago

„Das Ganze ist eine tickende Zeitbombe“, sagt der Sportjournalist Daniel Mothowagae bei unserem Treffen in Johannesburg. Er meint damit den Aufruhr, der losbrechen dürfte, wenn Caster Semenya bei den Olympischen Spielen an den Start geht. Abgesehen davon, dass Südafrikas Mittelstreckenläuferin in Rio als sichere Siegerin des 800-Meter-Laufs der Frauen gilt, wird sie erneut zu leiden haben: An Semenya werden all die komplexen Fragen festgemacht, die in Zusammenhang mit Geschlechtstests im Sport stehen. Wer eine Weile in Südafrika unterwegs war, versteht, was Daniel Mothowagae meint: Im Fall Caster Semenya gehen die Meinungen weit auseinander.

Mothowagae ist mit Semenya befreundet und klingt arglos, wenn er sagt: „Caster ist doch nur ein Tomboy“, ein burschikoses Mädchen. Sein Sportjournalistenkollege Wesley Botton, der Semenyas Karriere so genau verfolgt hat wie kein anderer, seit sie 2009 in Berlin überraschend Weltmeisterin wurde, beklagt, dass sie zum „weiblichen Aushängeschild für Hyperandrogenämie“ geworden sei, die körpereigene erhöhte Produktion männlicher Hormone.

Ihr Trainer Jean Verster sagt, Caster sei „ein fantastischer und bodenständiger Mensch und eine große Athletin. Für einige Mädchen in unserer Trainingsgruppe ist sie wie eine Mutter.“ Derweil bedauert der südafrikanische Sportwissenschaftler Ross Tucker die starke Personalisierung des Themas. Ihm graut vor Olympia, „denn Caster Semenya wird gewinnen. Und das wird ziemlich ungute Auswirkungen haben.“

Ein offenes Geheimnis

Alle vier sind überzeugt, dass Semenya in Rio ihr ganzes Leistungsvermögen abrufen und den seit 33 Jahren bestehenden Weltrekord brechen wird. Und sie sind sich einig, dass Semenya ganz allein unter Beobachtung stehen wird, ohne jede Rücksicht auf ihre Privatsphäre, und das, obwohl es als offenes Geheimnis gilt, dass mehrere potenzielle Finalistinnen über 800 Meter in Rio intersexuell sein könnten. „Sie sagt immer zu mir, dass sie antreten wird, solange es ihr die Regeln erlauben“, sagt Mothowagae. „Rio wird zeigen, wie viel die Verantwortlichen aus ihrem Martyrium bei der Weltmeisterschaft von 2009 gelernt haben. Wenn Caster das mit 18 durchstehen konnte, steckt sie heute, mit 25, alles weg.“

Im August 2009 hatte Semenya in Berlin mit der fulminanten Zeit von 1:55,45 Minuten den Weltmeistertitel geholt. Der Weltleichtathletikverband (IAAF) hatte tags zuvor bereits verkündet, dass Semenyas spektakulärer Auftritt auf der Weltbühne des Sports nichts mit Doping zu tun habe, und bestätigte, dass sie in Südafrika und Deutschland „Geschlechtstests“ unterzogen worden war. Ein Endokrinologe, ein Gynäkologe und ein Psychologe hatten versucht herauszufinden, ob Semenya, die ihr ganzes Leben als Mädchen gelebt hatte, nicht in Wirklichkeit ein Mann war. Sie wurde für das Finale zugelassen. Der IAAF ließ durchblicken, dass weitere Tests durchgeführt worden waren, gab die Ergebnisse aber nie bekannt.

Eine andere Finalistin, Elisa Cusma aus Italien, verhöhnte Semenya als Mann. Der südafrikanische Verband warf dem IAAF Rassismus und Sexismus vor, Südafrikas Sportminister warnte vor einem „dritten Weltkrieg“, sollte Semenyas Status als Intersexuelle bestätigt werden. „Ich habe gehört, dass sie beschlossen hatten, sie noch vor den Vorläufen herauszunehmen“, erzählt Wesley Botton. „Aber die Politiker zwangen sie zu laufen. Sie wollten den ersten internationalen Titel einer schwarzen Südafrikanerin in der Leichtathletik. Also warfen sie Caster den Wölfen zum Fraß vor.“

Der Sport und die Frage nach dem Geschlecht

Die ersten Tests in Bezug auf das Geschlecht gab es in der Leichtathletik 1966. Frauen mussten sich nackt vor ein Gremium aus Ärzten stellen, um ihre Genitalien abtasten zu lassen – wer nach Meinung der Ärzte eine Vagina hatte, war eine Frau. Die spätere Goldmedaillengewinnerin im Fünfkampf, Mary Peters aus Großbritannien, beschrieb dies als „die härteste und demütigendste Erfahrung meines Lebens“.

Bei den Winterspielen 1968 in Grenoble führte erstmals das Internationale Olympische Komitee (IOC) Geschlechtstests durch – wegen des vor-herigen Protests von Athletinnen per Speichelabstrich. Wer zwei X-Chromosomen hatte, durfte offiziell als Frau teilnehmen. Aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Vielzahl von Geschlechterfaktoren wurde es in der Folgezeit immer schwieriger, eine klare Trennlinie zwischen „männlich“ und „weiblich“ zu ziehen. Das IOC aber rang sich erst vor der Olympiade in Sydney 2000 dazu durch, die generelle Überprüfung von Frauen zu beenden. 2004 in Athen war transsexuellen Sportlerinnen und Sportlern erstmals offiziell der Start erlaubt, der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) zog mit einer ähnlichen Regel nach, doch Überprüfungen in Einzelfällen wie dem Caster Semenyas blieben möglich.

2011 führte der Verband den Testosterontest mitsamt einer Obergrenze von zehn Nanomol pro Liter Blut ein; der Durchschnittswert bei Frauen beträgt bis zu 3,3 Nanomol. 2015 verbot der Internationale Sportgerichtshof einstweilen den Test: Der IAAF soll bis zum Jahr 2017 erst einmal belegen, dass sich mit dem Verfahren Leistungssteigerungen durch hohe Testosteronwerte wissenschaftlich nachweisen lassen. Marisa Janson

Was damals neben einer erst nach elf Monaten aufgehobenen Sperre geschah, beschreibt Botton so: „Caster benötigte Hilfe und geriet an Leute, denen sie nicht hätte vertrauen sollen. Für den Artikel in einem Magazin steckten sie sie in ein Kleid, wie eine Puppe, obwohl sie so etwas sonst nie trägt. Es war unmöglich. Caster wurde völlig aus der Bahn geworfen. Im Lauf der nächsten Jahre ließen ihre Leistungen aus verschiedenen Gründen nach, nicht allein wegen der Medikamente, zu deren Einnahme sie gezwungen war, um den Testosteronspiegel zu senken. Sie war weit weg von zu Hause, einer ländlichen Gegend im Norden Südafrikas, und stand auf einmal im internationalen Rampenlicht. Dann überwarf sie sich mit ihrem alten Trainer und fing allem Anschein nach an, in der Hauptstadt Pretoria richtig Party zu machen. Ihr Ex-Trainer sagt, sie habe mehr Zeit mit ihrer Freundin verbracht als beim Training.“

Doch alles veränderte sich schlagartig, als sie nach Potchefstroom zog, knapp 200 Kilometer nördlich von Pretoria. Die kleine und abgelegene Universitätsstadt gilt als ideales Trainingszentrum, bei Athleten aus aller Welt beliebt, nicht zuletzt, weil Jean Verster dort arbeitet. „Im Oktober 2014 rief Caster mich an und fragte, ob sie bei uns mit trainieren könne“, erzählt er. „Ich sagte ‚Kein Problem‘ – wusste aber nicht, was mich erwartet. Ich hatte von ihrer Knieverletzung gelesen, und es war schrecklich, mitanzusehen, wie sie sich abmühte. Sie hinkte regelrecht, wenn sie rannte, litt an Übergewicht und machte eine schwierige Zeit durch. Ich war überrascht, als sie anrief, und erstaunt, was für ein großartiger Mensch sie ist. Sie brachte neuen Schwung in die Gruppe, hatte immer ein Lächeln im Gesicht, obwohl sie so außer Form war.“

Die zuvor oft mürrische Athletin, die so viel über sich hatte ergehen lassen müssen, schien wie ausgewechselt. Botton erinnert sich: „Ich hatte sie seit Ewigkeiten nicht mehr lächeln sehen. Sie war überhaupt nicht mehr ruppig und aggressiv. Manchmal war sie mir gegenüber recht unhöflich gewesen, aber ich habe ihr das nie wirklich übelgenommen, weil ich wusste, was sie durchgemacht hat. Sie kann aggressiv sein und dich wüst beschimpfen. Aber seit sie bei Jean Verster ist, wirkt sie wie befreit.“ Im Dezember gingen Bilder von Semenyas Hochzeit mit ihrer langjährigen Freundin durch die sozialen Netzwerke.

Endlich ohne Medikamente

Dieses Jahr ist Semenya in blendender Form. An einem unvergesslichen Nachmittag im April, bei den südafrikanischen Meisterschaften, gewann sie souverän die 400, die 800 und die 1.500 Meter. Im Juli lief sie die 800 Meter in Monaco in 1:55,33 – die schnellste Zeit einer Frau seit 2008.„Sie ist der Beweis dafür, dass intersexuelle Athletinnen von Testosteron profitieren“, sagt der Sportwissenschaftler Tucker.

Am 27. Juli 2015 war Semenya von den Auflagen zur Einnahme von Testosteron unterdrückenden Medikamenten befreit worden. An jenem Tag gewann Dutee Chand, eine 19-jährige indische Sprinterin, ihren wegweisenden Fall beim Internationalen Sportgerichtshof CAS und wurde wieder zu Wettkämpfen zugelassen. Ihre Anwälte hatten argumentiert, es sei diskriminierend, sie aufgrund von Geschlechtstests auszuschließen, die allein auf ihrem Testosteronspiegel basierten. Alle Bestimmungen in Bezug auf Hyperandrogenämie wurden bis Juli 2017 ausgesetzt. Semenya konnte nun wieder ganz normal und natürlich laufen – ohne Medikamente.

Caster Semenya gilt als klare Favoritin für den 800-Meter-Lauf in Rio
Foto: Olivier Morin/AFP/Getty Images

Tucker ist mit dem Urteil des CAS nicht einverstanden, aus wissenschaftlichen und aus sportlichen Gründen. „Die grundsätzliche Frage lautet, warum es überhaupt getrennte Wettbewerbe für Frauen gibt. Wenn es die nicht gäbe, hätten Frauen keinerlei Chance, im Sport jemals etwas zu gewinnen. Es geht nicht nur um Testosteron. Aber die meisten Unterschiede zwischen Männern und Frauen – fettärmere Muskelmasse, größeres Lungen- und Herzvolumen – können auf Testosteron zurückgeführt werden. Es wird immer Frauen geben, die schneller sind als manche Männer. Aber die besten Männer sind immer schneller als die besten Frauen.“

Von 2:01 Minuten 2015 auf 1:55 in diesem Jahr – Tucker ist sich sicher, worauf Semenyas Leistungsexplosion zurückzuführen ist: „Sie durfte die Medikamente absetzen. Seitdem die Auflagen aufgehoben sind, ist sie etwa sechs Sekunden schneller als in den vergangenen zwei Jahren.“ Andere führen eher persönliche Gründe für Semenyas verbesserte Form an. Botton erinnert an ihren Durchbruch in Mauritius im Juli 2009: „Sie kam aus dem Nichts und lief 1:56“, erinnert sich der Sportjournalist. „Ich bemühte mich um ein Interview und war zunächst recht verwirrt. Sie hat eine derart tiefe Stimme, besonders am Telefon, dass ich dachte, ich spreche mit einem Mann. Erst als ich ihren Namen im Internet suchte, stieß ich auf all die kontroversen Informationen über sie. Das erste Interview mit ihr gestaltete sich schwierig, weil Caster nicht nur sehr jung, sondern auch sehr schüchtern war.“

War sie selbst von ihrer Zeit überrascht? „Nein, sie wusste, dass sie solche Zeiten laufen konnte. Caster läuft immer eher für sich, bis ein großer Wettkampf kommt. Erst dann gibt sie richtig Vollgas und geht ganz aus sich heraus.“ Auch Trainer Jean Verster argumentiert gegen die Behauptung, allein das Absetzen der Medikamente sei ausschlaggebend. „Die Leute fragen, warum Caster 2015 nicht gut gelaufen sei – dabei lief sie gut, wenn man alles bedenkt. Wir haben Fortschritte gemacht, aber im April verletzte sie sich am Knie und konnte dann den ganzen Mai und Juni über kaum trainieren. Im Juli flogen wir für zwei Rennen nach Europa. Caster überraschte sich selbst, als sie sich für die WM in Peking qualifizierte.“ Jetzt, in Rio, besteht die Möglichkeit, dass Caster auch die 400 Meter läuft. Verster allerdings tut alles, um ihr das auszureden. „Ich habe ihr schon vor Monaten gesagt, dass wir bei südafrikanischen oder afrikanischen Meisterschaften zwei oder drei Wettkämpfe bestreiten können. Aber das hier ist Olympia.“

Seiner Meinung nach sollte sich Semenya allein auf die 800 Meter konzentrieren. „Die Olympischen Spiele finden nur alle vier Jahre statt, und wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir werden in Kürze endgültig entscheiden. Ich hoffe, dass es nur die 800 Meter werden.“

Verster zweifelt nicht, dass sie über diese Distanz den Weltrekord der tschechischen Läuferin Jarmila Kratochvílová von 1983 schlagen kann: 1:53,28. „Aber unser Hauptziel ist die Goldmedaille.“ Zwar liegt Caster Semenya mit ihrer persönlichen Bestzeit derzeit nur auf Platz 22 der Liste der schnellsten 800-Meter-Läuferinnen aller Zeiten. Doch die meisten der schnelleren Zeiten kamen durch Doping zustande. Die Südafrikanerin ist sauber. Doch ihr eigener, natürlicher Testosteronspiegel wird dafür sorgen, dass sie angefeindet werden wird.

„Caster ist da sehr klar und unverblümt, ,Wir ziehen unser Ding durch, pfeif auf den Rest‘, das sind ihre Worte“, sagt Verster. „In Rio werden wir uns abschotten. Ich glaube, es ist wichtig, so spät ins olympische Dorf zu ziehen wie möglich.“ Am 17. August starten die 800-Meter-Vorläufe, am 21. August findet das Finale statt.

Zurück in Johannesburg, spricht Daniel Mothowagae in warmen Worten von seiner Freundschaft zu Semenya. „Sie hat einen weiten Weg zurückgelegt – wie wir alle. Die meisten Südafrikaner werden sie unterstützen. Wir hier wissen, dass sie einfach nur ein Tomboy ist. Und die Leute sind begeistert, weil sie jedes Mal gewinnt, wenn sie antritt. Es ist ihnen egal, was die Wissenschaft über Caster Semenya sagt.“

Donald McRae ist Sportjournalist. Der Südafrikaner schreibt für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 16.08.2016
Geschrieben von

Donald McRae | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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