Sieg mit Nebenwirkungen

Naher Osten Vor 50 Jahren führte Israel den Sechs-Tage- Krieg. Bis heute sind die Folgen der Konfrontation in der Region sichtbar

Palästinensische Ladenbesitzer im muslimischen Teil der Jerusalemer Altstadt halten die Rollläden ihrer Geschäfte wegen einer Ausgangssperre weitgehend geschlossen. Unter einem Himmel, blau wie eine angelaufene Stahlglocke, ziehen sich die Anwohner in ihre Häuser rund um die Via Dolorosa und die Al-Wad-Straße zurück. Es sind Tausende israelische Polizisten in die engen Viertel rund um die hohen Kalksteinwände und -tore der Altstadt ausgeschwärmt. Sie sollen Konfrontationen mit israelischen Nationalisten verhindern, die jedes Jahr um diese Zeit mit blau-weißen Fahnen und dumpfem Trommelschlag – manchmal auch in ein Schofarhorn blasend – durch die Straßen Jerusalems ziehen.

In diesem Jahr ist die Anspannung noch größer, fällt der Aufmarsch doch mit dem 50. Jahrestag des Sechs-Tage-Krieges vom 5. bis 10. Juni 1967 zusammen, bei dem einst israelische Truppen durch blitzschnelle Vorstöße Ostjerusalem, Palästinensergebiete wie die Westbank und den Gazastreifen, dazu die syrischen Golanhöhen und den ägyptischen Sinai einnahmen. Israels Nationalisten feiern den Jahrestag als „Befreiung“. Sie habe den Weg geebnet für jüdische Siedlungen und den Anspruch auf Souveränität über ganz Jerusalem.

Für die Palästinenser dürften die ersten Junitage von völlig entgegengesetzten, bittereren Emotionen geprägt sein. In ihren Gedanken wird es um 50 Jahre Militärbesatzung und die Tatsache gehen, dass trotz des Osloer Friedensprozesses von 1990, des israelischen Rückzugs aus Gaza 2005 und endlosen Lippenbekenntnissen aus der internationalen Gemeinschaft eine Zwei-Staaten-Lösung in so weite Ferne gerückt ist wie nie zuvor.

Insofern bleibt der Sechs-Tage-Krieg ein Ereignis, über dessen Bedeutung in der israelischen Gesellschaft – geschweige denn außerhalb – heute nicht mehr Einigkeit besteht als vor einem halben Jahrhundert, als sich israelische Fallschirmjäger in Jerusalem bis zur Klagemauer vorkämpften. Für die israelische Rechte bescherten die Schlachten um den Golan und den Sinai „einen der größten Siege in der Geschichte Israels“. Für Premier Netanjahu wurden dadurch „Teile unserer Heimat“ zurückerobert.

Messianischer Imperativ

Noch unumwundener äußert sich die extrem rechte Kulturministerin Miri Regev: Man sei seinerzeit in Gebiete vorgedrungen, „die immer der Kern von Eretz Israel bleiben. Das sind die Gebiete, in denen Abraham die Wurzeln der hebräischen Nation legte. Sie sind erfüllt von jüdischer Geschichte von damals bis heute. Jeder Israeli muss diese Orte als Wiege der jüdischen Nation und Kultur kennen und in Ehren halten.“

In vielerlei Hinsicht ein Konflikt des Kalten Krieges, zeichnete der Sechs-Tage-Krieg die Karte des Nahen Ostens neu. Israel erhob sich zur Regionalmacht und beendete das Trauma, als Staat von der Stärke der arabischen Armeen hinweggefegt zu werden, womit damals die Streitkräfte Ägyptens, Syriens und Jordaniens gemeint waren. Sie mussten erste schwere Verluste hinnehmen, als am 5. Juni 1967 gut 200 israelische Jets mit einem Präventivschlag die am Boden stehende ägyptische Luftwaffe auslöschten, sich parallel dazu israelische Einheiten nach Ostjerusalem vorkämpften und Stellungen überrannten, die jordanische Truppen hielten. Am 7. und 8. Juni gelang es im Norden, die syrische Armee zurückzudrängen und die Golanhöhen einzunehmen, während im Süden der ägyptische Sinai besetzt wurde. Auch wenn der Krieg kurz war, wirkt er tief in die Gegenwart hinein.

Im August 1967, drei Monate nach dem Ende des Konflikts, zählte der junge Amos Oz, derzeit einer der gefeiertsten israelischen Schriftsteller, zu denen, die vor nationaler Feierstimmung warnten, schließlich bedeutete Eroberung auch Besatzung, und das nicht zuletzt in den dicht bevölkerten palästinensischen Gebieten. „Wir sind nun dazu verurteilt, über Menschen zu herrschen, die nicht von uns beherrscht werden wollen“, schrieb Oz damals in der mittlerweile eingestellten sozialdemokratischen Tageszeitung Dacar. „Ich mache mir Sorgen um die Art des Samens, den wir in die Herzen der Besetzten säen werden. Noch mehr sorge ich mich darum, welchen Samen wir in die Herzen der Besatzer säen.“

Shai Agnon, 1966 Träger des Nobelpreises für Literatur, vertrat hingegen die Auffassung, „keine israelische Regierung“ habe „das Recht, diese Vollständigkeit israelischer Gebiete je wieder aufzugeben“. Dieser messianische Imperativ hat sich über die Jahrzehnte hinweg gehalten und immer weiter verhärtet. Wer sich dem nicht unterwirft, glaubt daran, das 1967 eroberte Land lasse sich gegen einen dauerhaften Frieden eintauschen, wie dies mit Ägypten geschah und mit Syrien vorgesehen war. Wer diesem Imperativ folgt, gehört nicht selten zur rechten Siedlerbewegung, die ein Großisrael zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer als historischen Indikativ betrachtet. Dazu schrieb die linke Tageszeitung Haaretz am 7. April: „Aus militärischer Sicht war es in der Tat ein ‚ruhmreicher‘ Krieg, der als gerechtfertigt angesehen wurde.“

Traum des Zionismus

Gleichzeitig habe dieser Krieg die israelische Gesellschaft grundlegend transformiert und eine ungezügelte nationale Arroganz befördert, die in den letzten 50 Jahren einen schrecklichen Blutzoll gefordert und einen militärischen Sieg in eine moralische Niederlage verwandelt habe. Haaretz-Kolumnist Gideon Levy glaubt jedoch, dass dieser 50. Jahrestag überwiegend von Apathie geprägt sein wird. „Wir wurden zu einer Gesellschaft, die vollends die Augen vor ihrer eigenen Wirklichkeit verschließt und sich gänzlich privaten Dingen hingibt. Außer den Siedlern wird niemand feiern. Es wird aber auch niemand trauern. In Tel Aviv könnten die Menschen nicht gleichgültiger sein, daran ändern auch künstliche Anstrengungen der Regierung nichts.“

Zu denen, die vor 50 Jahren an der Front standen, gehörte Israels heutiger Präsident Reuven Rivlin, dessen Familie schon 1809 nach Jerusalem kam und der sich noch gut an den Juni 1967 erinnert. Wie viele seiner Generation – Säkulare wie Religiöse – habe er die Nachricht von der Eroberung Ostjerusalems und der Klagemauer mit viel Euphorie aufgenommen. „Ich war Reserveoffizier in der Jerusalem-Brigade und gerade auf einem Geländewagen unterwegs von Bethlehem nach Hebron, als ich über Funk die Stimmen meiner Kameraden hörte. Wir konnten es kaum glauben. Der Tempelberg ist in unserer Hand. Ich werde das nie vergessen. Wir alle spürten, dass die Geschichte Israels und des jüdischen Volkes auf unseren Schultern ruhte. Wir waren nach Hause zurückgekehrt.“

Inzwischen spricht Rivlin von der Notwendigkeit einer Koexistenz in der Stadt. „Seit 50 Jahren gehört Jerusalem nun uns“, so Rivlin, „aber wir haben die Stadt nicht zur Ruhe kommen lassen. Manche wollen sie teilen, manche wollen sie wachsen sehen, wieder andere wollen, dass sie schrumpft. Wenn wir das halbe Jahrhundert begehen, seitdem die Stadt vereint ist, glaube ich, dass die Zeit gekommen ist, Jerusalem Frieden zu bringen. Es genügt nicht, die Stadt zu einen, solange ihre Bürger weiter voneinander getrennt sind.“

Yair Lapid, der gemäßigt-konservative Vorsitzende der Partei Jesch Atid, sieht eine andere Dynamik am Werk. „Wir haben es mit widerstreitenden Ansichten zu tun. Die eine geht davon aus, dass der zionistische Traum ohne die Vereinigung Jerusalems nicht hätte vollendet werden können. Mein Vater war der säkularste Mensch, den man sich nur vorstellen kann. Als es nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schiff gab, das ihn hierherbringen konnte, entschloss er sich, nicht in die USA oder nach Großbritannien zu gehen, sondern seiner Sehnsucht nach dem Tower of David und der Klagemauer nachzugeben. Die andere Ansicht besagt, dass wir – sagt man uns die nötige Sicherheit zu – kein Interesse daran haben, über 2,9 Millionen Palästinenser zu herrschen. Wir haben in Nablus und Ramallah nichts zu suchen, nicht weil es ihnen gehört, sondern um uns aus einer Lage zu befreien, die den jüdischen Charakter Israels bedroht. Deshalb können wir das Ergebnis des Sechs-Tage-Krieges nicht als ein eindimensionales Resultat diskutieren. Es ist – wie alles in diesem Land – kompliziert.“

Diese Komplexität untersuchen Historiker wie Avi Shlaim, Autor des Buches The Iron Wall, einer vielgelobten Studie über Israels Militärpolitik. Er hat die Unterlagen des Generalstabs aus der Zeit des Krieges genau untersucht und argumentiert, dass – mit der Leichtigkeit des Sieges und dem nationalen Glücksgefühl – Chancen verloren gegangen seien, nicht zuletzt für einen weitreichenden Frieden. „Das Hauptziel der zionistischen Bewegung bestand einst darin, in Palästina einen unabhängigen jüdischen Staat zu errichten. Vor dem Sechs-Tage-Krieg hatte man das bereits erreicht. Der Triumph von 1967 aber warf die alte Frage nach den territorialen Zielen des Zionismus erneut auf.“

Für Benny Morris, Gastprofessor an der Georgetown University, war der Sieg noch auf andere Weise umstritten. „Der Krieg brachte wohl einen Frieden mit den Arabern näher, untergrub ihn allerdings zugleich. Denn der errungene Sieg fiel so eindeutig aus, dass er die arabischen Regimes davon überzeugte, Israel militärisch nicht schlagen zu können. Der Krieg gab Israel Verhandlungsmasse in Form von Land, das es im Fall des Sinai gegen Frieden mit Ägypten eintauschen konnte. Auf der anderen Seite erhielten ein messianischer Expansionismus und eine Ideologie Auftrieb, die so vor 1967 nicht existiert hatten.“

Das Denkmal auf Jerusalems Ammunition Hill ist der bekannteste nationale Gedenkort des Sechs-Tage-Krieges. Am 7. Juni 1967 haben sich hier jordanische und israelische Fallschirmjäger die erbittertsten Kämpfe geliefert. Die darauf folgende schnelle Eroberung Ostjerusalems durch die Israelis hat die Geschichte der Region seit einem halben Jahrhundert bestimmt. Ein paar Gräben und ein Bunker blieben für die Nachwelt erhalten, zur Erinnerung betreut von Alon Wald, dem Marketing-Manager der Gedenkstätte. Er ist bemüht, politisch-ideologischen Debatten über den Krieg aus dem Weg zu gehen. Sein Vater Rami war unter den 36 israelischen Soldaten, die im Gefecht auf dem Berg getötet wurden, 50 Meter von Alons heutigem Büro entfernt. Das habe ihn natürlich stark geprägt. „Ich bin jetzt 50 Jahre alt und gehöre zu der Generation, die auf die Männer des Sechs-Tages-Krieges folgt.“ Er wünsche sich, das diesjährige Jubiläum möge sich – wenn auch nur für einen Augenblick – über die Politik erheben. „Es geht um Zugehörigkeit, um ein Gefühl von Verbundenheit.“

Peter Beaumont ist der Jerusalem-Korrespondent des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman, Holger Hutt

06:00 14.06.2017
Geschrieben von

Peter Beaumont | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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