Sieg über das Aids-Virus?

Aids-Impfung Eine Studie aus Thailand behauptet, erstmals die Wirksamkeit eines Impfstoffs gegen Aids nachgewiesen zu haben. Wir beantworten die wichtigsten Fragen

Bedeutet die Impfung das Ende der Aids-Epidemie?

Definitiv nicht. Die wirkliche Bedeutung der Ergebnisse der Alvac-AidsVax-Studie in Thailand besteht darin, dass die Wissenschaft nach zwanzig Jahren Arbeit erstmals positive Ergebnisse aus einem Aids-Impfungs-Versuch vorweisen kann. Es gibt allerdings noch eine Menge zu tun, bevor irgendeine Art von Impfung auf den Markt gebracht werden kann.

Wie gut waren die Ergebnisse?

Der Nutzen der Impfung war bescheiden. Die Geimpften waren zu 31 Prozent geschützt, was bedeutet, dass sie eine Chance von eins zu drei hatten, nicht infiziert zu werden, wenn sie dem Risiko ausgesetzt waren.

Hat eine Impfung, die nur 31-prozentigen Schutz bietet, überhaupt irgendeinen Nutzen?

Ja, wegen der hohen Zahl von Aids-Neuinfektionen – die betrug im Jahr 2007 immer noch 2,5 Millionen. Daher ist eine Impfung, die das Potential hat, diese Zahl um ein Drittel zu senken, durchaus von Interesse. Aus selbigem Grund befindet sich derzeit eine partiell wirksame Malaria-Impfung in der letzten Phase von Tests, die in Afrika an Kindern durchgeführte werden.

Wie viele Menschen wurden bei den Tests in Thailand infiziert?

Nur sehr wenige. Von den 16.000 Freiwilligen wurden 125 HIV-Positiv. 51 von ihnen hatten den Impfstoff erhalten, 74 ein Plazebo-Präparat. Diese Differenz ist statistisch signifikant –die Wissenschaftler gehen also davon aus, dass sie nicht durch Zufall zustande kam.

Hatte man mit den positiven Ergebnissen gerechnet?

Nein. Die Impfung besteht tatsächlich aus der Kombination zweier unterschiedlicher Impfstoffe namens Alvac und AidsVax, von denen keiner für sich selbst vielversprechend gewesen war. AidsVax war schon einmal unter 2.500 Personen mit intravenösem Drogenkonsum in Bangkok getestet worden. Die Auswertungen der Ergebnisse im Jahr 2003 zeigten dann, dass keiner der Teilnehmer durch das Mittel geschützt worden war. Die Wissenschaftler werden nun mit Nachdruck daran arbeiten, herauszufinden, warum die Kombination der beiden Stoffe einen Schutz bietet, während die einzelnen Stoffe dies nicht vermögen.


Warum wurde der Test in Thailand durchgeführt? War es ethisch korrekt, ein solches Experiment dort durchzuführen, statt in Europa oder den USA?

Sowohl Alvac als auch AidsVAx wurden vor ihrer Einführung im Rahmen einer groß angelegten Untersuchung in Thailand in Europa und den USA auf ihre Sicherheit und ihre Wirksamkeit geprüft. Auf Thailand fiel die Wahl dann aus zwei Gründen: Erstens war der dort vorherrschende Stamm des HI-Virus bereits ausführlich erforscht worden. Zweitens besteht in Thailand für einen großen Teil der Bevölkerung die Gefahr sich mit HIV zu infizieren, weil der intravenöse Drogenkonsum dort weit verbreitet ist und weil die Ansteckung häufiger unter heterosexuellen Menschen stattfindet, als im Westen. Die Kombinations-Impfung konzentriert sich daher spezifisch auf den thailändischen Stamm des HI-Virus . Die Menschen in Thailand sind also auch diejenigen, denen der Impfstoff oder etwas Ähnliches zu Nutzen kommen wird, sollte er massenhaft produziert und auf den Markt gebracht werden können.

Wird die Aids-Impfung auch in Afrika wirken?

Wahrscheinlich nicht. Sie beweist allerdings ein Prinzip, anhand dessen die Wissenschaft hofft, etwas entwickeln zu können, dass auch gegen afrikanische Stämme des Virus wirksam ist – und natürlich auch gegen amerikanische und europäische Stränge.

Warum war die US-Armee an den Tests beteiligt?

Das US-Militär beteiligt sich seit langem an der Erforschung von Infektionskrankheiten – ursprünglich zum Zweck des Schutzes amerikanischer Soldaten. Als die Aids-Epidemie sich in den frühen 1990ern in der heterosexuellen Bevölkerung Thailands zu verbreiten begann, halfen Forscher der Armee aus dem Walter Reed Army Medical Center in Washington die in Thailand verbreiteten Virusstämme zu isolieren und für Firmen verfügbar zu machen, die sich an der Entwicklung einer HIV-Impfung versuchen. Die Tests, um die es nun geht, wurden von Wissenschaftlern der US-Armee in Zusammenarbeit mit dem thailändischen Gesundheitsministerium geleitet. Die Finanzierung erfolgte durch die Armee und die US National Institutes of Health, einer US-Behörde für biomedizinische Forschung.

Werden die US-Soldaten als erste geimpft werden?

Die thailändische Bevölkerung sollte als erste dran sein. Zudem müsste die Impfung angepasst werden, wenn sie in den USA eingesetzt werden soll.


Übersetzung: Zilla Hofman

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17:35 25.09.2009
Geschrieben von

Sarah Boseley, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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