Silver Writer

Porträt James Salter gilt als großer Unbekannter unter Amerikas Autoren. Nach 34 Jahren legt er nun einen neuen Roman vor. Und ärgert sich, dass alle nur über sein Alter sprechen
| Ausgabe 39/2013
Silver Writer

Foto: Redux / laif

Vor acht Jahren erhielt James Salter einen Anruf von einem Bewunderer: Es war ein amerikanischer General, dem Salters Kriegsroman The Hunters so sehr gefallen hatte, dass er für jeden seiner Kommandeure ein Exemplar bestellt hatte. Ob er Lust hätte, einen F-16-Kampfjet zu fliegen, fragte er den ehemaligen Luftwaffenpiloten Salter. Das Flugzeug war zehnmal leistungsstärker als die F-86er, die Salter einst im Koreakrieg geflogen war. Er dachte kurz über das Angebot nach. Es war 44 Jahre her, dass er zuletzt in einem Cockpit gesessen hatte. Schließlich antwortete er: "Ich schätze schon."

Also flog er nach Texas. „Und, naja, der General war sehr jung. Zuerst gab er mir eine Einweisung. In einer F-16 ist einiges ein bisschen anders. Ich musste lernen, wie man mit dem Fallschirm abspringt, und an einem Computersimulator fliegen.“ Anschließend ging er in den Bereitschaftsraum, wo ein paar Piloten warteten. Der General stellte Salter vor: „Das hier ist James Salter. Er hat The Hunters geschrieben und ist in Korea mit Boots Blesse geflogen.“ Bleese ist eine Fliegerlegende. Die Männer kamen alle rüber, weil sie den Namen Boots Blesse kannten, erzählt Salter.

Der Looping klappt noch

„Ein Oberstleutnant brachte mich dann in die Luft. Ich hatte so etwas in seinem Alter natürlich auch gemacht.“ Scherzhaft senkt Salter seine Stimme: „Alte Leute rumfliegen. Ich bemerkte, dass er mich ansah, mein Alter. Ich sah ja nicht aus wie 40. Ich war 79. ‚Ich werde den Start machen‘, sagte er. ‚Fassen Sie nichts an.‘ ‚Okay, cool‘, sagte ich.“ Sie stiegen also ein, hoben ab und flogen los. „Bei 1.500 Meter fragte er: ‚Wollen Sie ein bisschen fliegen?‘. ‚Klar‘, sagte ich und übernahm. ‚Wollen Sie ein paar Rollen machen?‘, fragte er. ‚Klar.‘ ‚Möchten Sie einen Looping versuchen?‘ ‚Klar.‘ Wir stiegen auf 3.000 Meter. Für einen Looping muss man auf knapp 790 Kilometer pro Stunde, man führt ihn bei vierfacher Beschleunigungskraft durch. Also zog ich das Flugzeug hoch. Dabei hörte ich den Leutnant sagen: ‚Großartig. Großartig!‘“ Salter lächelt.

Fand er es auch großartig? „Nein, nicht sonderlich“, sagt er sacht. „Aber ich habe mich gefreut, dass ich dazu imstande war. Es ist, wie beim Baseball den Ball zu treffen. Fliegen ist etwas Gutes, etwas Körperliches. Wie einen Ball zu treffen. Was so gut daran ist, kann ich nicht beschreiben. Machen Sie es selbst, dann verstehen Sie es.“

Großartig, großartig. Salter hütet sich vor Worten wie diesen, so gut gemeint sie auch erst einmal sein mögen. Er liebt Lob, aber es darf nichts mit seinem Alter zu tun haben. Er will nicht noch gut für seine 88 Jahre sein. Er will einfach nur gut sein. Das gilt für das, was er im Cockpit noch leisten kann, wenn man ihm eine Chance gibt – und viel mehr noch fürs Schreiben.

Nach 34 Jahren Pause hat er nun wieder einen neuen Roman veröffentlicht. Auf einige der Rezensionen reagierte er mit jungenhafter Freude, in manchen hat er aber auch einen gönnerhaften Ton ausgemacht: „‚Es ist ein Wunder‘, sagen sie, ‚unglaublich‘. Der alte Saftsack kann kaum noch stehen und schreibt einen Roman.“ Der New Yorker etwa wählte für ein übellauniges Porträt den unverblümten Titel: „Sein letztes Buch“. Salter sagt: „Es ist wohl nicht ganz unwahrscheinlich, dass dies mein letztes Buch sein wird, aber ...“ Er bricht den Satz ab, seine Hände flattern durch die Luft.

Er hält sich sehr aufrecht, seine Augen sind nicht trübe, sondern außergewöhnlich blau. Vor allem aber ist er höchst interessiert. Auf das Risiko hin, so schlimm zu wirken wie alle anderen, sage ich ihm, dass er für mich nicht wie 88 aussieht. „Es kommt auf die Tageszeit an“, sagt er. „Morgens, beim Frühstücken hier in der Sonne fühlt man sich jünger. Ich habe die Fähigkeit verloren, mich lange zu konzentrieren, manche dieser verdammten Wörter entgleiten mir einfach. Aber deswegen bin ich nicht außerstande zu schreiben.“

Salter mag Jahre gebraucht haben für Alles, was ist, aber die Geschichte, die über einen Zeitraum von 40 Jahren aus dem Leben des Navy-Veteranen und Literaturlektors Philip Bowman erzählt, hat eine ganz eigene Erhabenheit. Der Umgang mit Zeit, die verknappte, andeutungsweise Weisheit, die gelegentlichen beklemmenden Grausamkeiten sind meisterhaft erzählt. Überdies: Auf Papier kann jeder jung sein. Alles, was ist ist ein ungeheuer kraftvolles Buch. So viel Gefühl, so viel Sex. Wer es in die Hände bekommt und nichts über James Salter weiß, wird annehmen, der Autor sei ein junger Mann. Salter lächelt.

Er ist nicht so berühmt wie Philip Roth und John Updike. Und auch nicht halb so produktiv: Sein Renommee gründet auf zwei Kurzgeschichtensammlungen, fünf, nun sechs Romanen und seinen Memoiren Verbrannte Tage. Trotzdem wird er häufig als großer Autor bezeichnet. Ein Stilist und Purist, einer, der richtig austeilt, allerdings mit großer Eleganz. Seine Bücher, in denen es um Tapferkeit geht, um Männer, Frauen und die Traurigkeit, die dem Alltag so hartnäckig innewohnt, sind eigentümlich zeitlos. Sie meiden Tagespolitik und Markennamen, als handele es sich dabei irgendwie um etwas Schmutziges.

Salter fühlte sich lange unbeachtet, vernachlässigt, zweifelte daran, ob aus dem Schreiben jemals etwas werden würde. Mit der Veröffentlichung von Alles, was ist genießt er nun seinen späten Ruhm. Zu seiner Lesung gemeinsam mit Richard Ford kamen in Manhattan mehr als 500 Leute.

„Die Bedeutung des Romans im kulturellen Verständnis des Landes hatte an Kraft verloren“, denkt Bowman am Ende von Alles, was ist. „Es war allmählich passiert. Es war etwas, das jeder wusste, aber ignorierte. Alles lief weiter wie zuvor, das war das Schöne daran. Der Glanz von einst war verschwunden, aber es tauchten immer neue Gesichter auf, wollten daran teilhaben, in einem der Verlage arbeiten, die eine Aura von Eleganz bewahrten wie die blank polierten Schuhe eines Mannes, der bankrott gegangen war.“ Sieht Salter das auch so? „Jedenfalls habe ich bis gestern so gedacht“, sagt er. „Dann aber habe ich begonnen, im Internet einen langen Text zu lesen, und dachte mir, dass diese Vorstellung vielleicht doch ziemlich spießig ist. Im Netz schreibt jeder, es gibt eine große Blüte des Schreibens. Auf Bowmans Art des Verlegertums trifft es aber wohl zu. Wenn ich heute zu meinem Verleger gehe, sehe ich dort nicht mehr den Glanz von früher.“

Endloser Drill

Die Vorstellung von Größe hat Salter schon immer beschäftigt. Sie hat ihn überhaupt erst zum Schreiben gebracht: „Ich wusste schon immer, dass das Verfassen eines Romans etwas Großes ist.“ Salter wurde 1925 als James Horowitz in New Jersey geboren. Er war Einzelkind. In seinem Elternhaus wurde nicht viel gelesen. Sein Vater war Makler. Als Salter zwei Jahre alt war, zog die Familie nach New York, wo der Junge eine Highschool in der Bronx besuchte. Er wollte dann an die Universität nach Stanford gehen, doch sein Vater, der die Militärakademie West Point besucht und dort als Klassenbester abgeschlossen hatte, hatte andere Vorstellungen. Er übte Druck auf seinen Sohn aus – und der gab nach.

In seinen Erinnerungen schreibt er darüber, wie wenig er für diese Art Ausbildung vorbereitet war: „Es war eine harte Schule, eine Schmiede. Man trat in ein Inferno. Befehle, viele davon unverständlich, regneten herab. Immer in steifer Habachtstellung, mit frisch geschnittenem Haar, zurückgezogenem, zitterndem Kinn, angeschrien von unsichtbaren Stimmen, standen wir oder rannten wie Insekten von einem Ort zum anderen.“ Es war ein Ort des endlosen Drills. Salter erinnert sich an „das Gefühl, auf einer hoffnungslosen Reise zu sein, in einem Exil, das Jahre andauern würde.“ Allein war man in West Point nie. Schwierige Bedingungen für einen Schreibenden.

Anfangs war er widerwillig, genügte nicht. Im zweiten Jahr aber wurde es besser. Entweder hatte das System ihn gebrochen oder er sich auf dessen Leistungsethos eingelassen – er weiß es selbst nicht genau. Er trat der Luftwaffe bei und lernte fliegen. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er nach Manila und Honolulu versetzt. Er flog Transportflugzeuge und verliebte sich in die Frau eines anderen Offiziers, der sein bester Freund war.

1951 wurde er zum Kampfflieger befördert und meldete sich bald darauf freiwillig für einen Koreaeinsatz. Während des Einsatzes führte er ein Notizbuch. Aus jenen Aufzeichnungen entstand später The Hunters. Er schrieb heimlich: „Ich würde eher sagen, ich habe im Privaten geschrieben. Das wäre zutreffender. Bücher und Autoren wurden damals nicht geschätzt.“ Er verwendete auch nicht seinen richtigen Namen: James Salter wurde geboren. Als er 1956 die Zusage für eine Veröffentlichung erhielt, erzählte er es nur seiner Frau. Als The Hunters dann als Fortsetzungsroman in einem Magazin erschien und ein Pilotenkollege ihn darauf aufmerksam machte, tat er unbeteiligt: „Lass es mich auch mal lesen, wenn du fertig bist.“

Damals, erzählt er, habe er sich noch nicht für die Existenz als Autor entschieden. Eine Beförderung zum Staffelkapitän stand für ihn an. Er habe einfach nur dieses eine Buch schreiben wollen. „Ich wollte als Autor bewundert werden, aber unbekannt bleiben.“ Nach und nach vollzog sich ein Wandel. „Ich erinnere mich deutlich an diese Zeit. Ich war zuversichtlich, gleichzeitig aber auch verwirrt.“ Erst als die Filmrechte verkauft waren, trat er aus dem Militärdienst aus. „Emotional“ sei die Trennung gewesen, „schlimmer als eine Scheidung“.

Er schrieb einen weiteren Air-Force-Roman. Danach kam eine Auszeit. Erst 1967 veröffentlichte er mit Ein Spiel und ein Zeitvertreib sein nächstes wichtiges Buch, sein Meisterwerk Lichtjahre folgte erst 1975. Dazwischen war er abgelenkt, weil er Drehbücher schrieb. „Mit den Drehbüchern habe ich Zeit verschwendet“, sagt er. „Ich betrachte diese Jahre nicht als verloren. Aber es war nicht das, was ich eigentlich hätte tun sollen. Ich hätte gern mehr Romane geschrieben. Die meisten Autoren schaffen es, dreimal so viele Bücher zu schreiben und trotzdem noch ein Leben zu haben.“

Es war keine einfache Zeit für Salter. Ein Spiel und ein Zeitvertreib, das auf einer Affäre beruhte, die er in den frühen Sechzigern in Frankreich gehabt hatte, fand keinen Verleger. Wahrscheinlich zu viel Sex. Lichtjahre verkaufte sich nur 7.000 Mal, die Kritiken waren durchwachsen. Auch heute noch lieben oder hassen die Leute es. Und dann, 1980, fünf Jahre, nachdem Salter und seine Frau sich scheiden ließen, fand er seine Tochter Allan tot in der Dusche einer Blockhütte. Sie war durch einen Stromschlag ums Leben gekommen. „Über diese Geschichte habe ich niemals schreiben können“, sagt er. „Der Tod von Königen kann rezitiert werden, nicht aber der des eigenen Kindes.“

Nach unserem Gespräch in seinem Haus in Long Island führt Salter mich zum Essen in ein nahe gelegenes Restaurant. Hier speiste einst Truman Capote. Sein Bild hängt über der Bar. Salter bestellt ein Eiweiß-Omelette ohne Eigelb. Als ich darüber staune, dass es so etwas überhaupt gibt, warnt er mich, ihn in meinem Porträt nicht wirken zu lassen wie „einen dieser Gesundheitsverrückten“. „So etwas essen alte Leute halt“, sagt er und lacht herzhaft.

Rachel Cooke arbeitet für den Observer als Kulturreporterin

James Salter galt in den USA lange als "Writer’s writer" – ein Schriftsteller, der von Kollegen und Literaturexperten geschätzt wird, aber beim breiteren Publikum kaum bekannt ist. Er wurde am 10. Juni 1925 als James Horowitz geboren und wuchs in New York auf. Sein Großvater war aus einem polnischen Schtetl in die USA ausgewandert. Auf Wunsch seines Vaters, der in West Point studiert hatte, schreibt Salter sich 1942 ebenfalls an der Militärakademie ein. 1945 tritt er in die US Air Force ein, für die er zwölf Jahre Transportmaschinen und Kampfjets fliegt. Seine Erfahrungen als Jagdpilot mit mehr als 100 Einsätzen im Koreakrieg verarbeitet er in seinem ersten Roman The Hunters (1956), den er als James Salter veröffentlicht, weil er seine literarische Arbeit vor den anderen Soldaten geheim halten will. Später ändert er seinen Nachnamen amtlich zu Salter.

1957 quittiert er den Dienst, um sich ganz aufs Schreiben zu konzentrieren. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten und Drehbücher, unter anderem für mehrere Filme mit Robert Redford. Auf Anerkennung als Romancier und großer Stilist muss Salter aber lange warten. Die Erstausgabe seines Romans Lichtjahre, die 1975 in den USA erscheint, verkaufte sich gerade einmal 7.000 Mal. Erst als der Roman 1998 ins Deutsche übersetzt (Berlin Verlag) und ein Überraschungserfolg wird, beginnt man Salter neu zu entdecken.

Nach über 30 Jahren Pause hat Salter nun einen neuen Roman veröffentlicht, der von Kritikern gefeiert wird. Alles, was ist (Berlin Verlag) ist gerade auf Deutsch erschienen. Salter erzählt darin die Geschichte von Philip Bowman, der im New York der Fünfziger und Sechziger als Lektor arbeitet. jap

Übersetzung: Zilla Hofman

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06:00 09.10.2013
Geschrieben von

Rachel Cooke | The Guardian

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