Sing mir das Lied vom Tod

Tirili Die Frevler kommen in der Nacht: Für ihren Erfolg schrecken einige Wellensittich-Züchter in Großbritannien selbst vor Mord nicht zurück

Mick Freakley hatte mich gewarnt: „Schreiben Sie bloß nicht den selben Mist, den alle immer schreiben. Die Aussteller mögen es gar nicht, wenn Presseleute nur über den Wellensittich auf dem Finger schreiben und wissen wollen, wie der heißt und ob er reden kann.“

Nun stehe ich mit Freakley – immerhin zweifacher Weltmeister im Wellensittich-Züchten – im großen Versammlungssaal eines Freizeitzentrums in Doncaster. Hier treffen sich Wellensittich-Freunde aus aller Welt zur Leistungsschau bei der britischen Wellensittich-Gesellschaft. In alle Himmelsrichtungen ragen Spezialregale in den Raum. Auf ihnen stehen identische weiße Ausstellungskäfige. In jedem Käfig sitzt ein einzelner Wellensittich, das Resultat mehrerer Jahre, in manchen Fällen sogar Jahrzehnte, sorgfältiger Zucht. In diesem Raum sind vielleicht die schönsten Wellensittiche des Planeten versammelt – mehr als 2.000 Vögel.

„Ich schwöre Ihnen, ginge es bei der Sache nicht um einen Wettstreit, dann würde ich keine Vögel halten“, sagt Freakley. Zusammen mit seinem Kollegen Ian Ainley ist er der erfolgreichste Wellensittichzüchter der vergangenen 25 Jahre. Zusammen haben die beiden seit 2007 jedes Jahr einen der vier wichtigsten Preise dieser Schau abgeräumt. Sie sind die einzigen Züchter, denen es in den vergangenen 30 Jahren gelungen ist, mit unterschiedlichen Vögeln zweimal hintereinander den Titel „Best in Show“ zu erringen. Als Besitzer einer der wertvollsten Volieren des Landes sind sich Freakley und Ainley bewusst, wie gefährlich die Zucht von Weltmeistern ist.

Am Morgen des 20. August 2010 musste der 58 Jahre alte Züchter Andrew Pooley feststellen, dass er Opfer eines Attentats geworden war. An diesem Tag stand die Wellensittich-Schau in Cornwall an. Er sollte dort seinen Champion zusammen mit anderen Spitzenvögeln ausstellen, die er in seiner 40-jährigen Karriere als Züchter herangezogen hatte. Stattdessen musste er an diesem Morgen entdecken, dass 21 seiner besten Wellensittiche gestohlen worden waren und sein Champion, der unter dem Namen „Penmead Pride“ berühmt geworden war, tot auf dem Käfigboden lag. „Wer auch immer sie gestohlen hat, wusste genau, was er tat“, sagte Pooley damals. „Sie haben die Besten der Besten mitgenommen.“ Für ihn steht fest: „Es war ein vorsätzlicher Sabotage-Akt.“ Der Fall wurde bis heute nicht aufgeklärt. Die Polizei teilt aber Pooleys Verdacht: „Es wäre ein großer Zufall, wenn einer willkürlich die besten Vögel aussortiert hätte“, sagt der Leiter der Ermittlungen.

Löwenzahn mit Flügeln

Was in Pooleys Voliere geschah, ist kein Einzelfall. In der Welt der Wellensittich-Züchter sind Diebstähle und Morde ein einträgliches Geschäft. „Das sind keine Leute, die Vögel befreien wollen“, sagt Züchter Ainley. „Wahrscheinlich wurden diese Vögel auf Bestellung gestohlen, nicht um sie bei Schauen zu zeigen, sondern allein zu Zucht-Zwecken.“

Er und Freakley sind für den Fall der Fälle gerüstet: „Wir haben Überwachungskameras und Alarmanlagen, die Räume sind mit Draht umzäunt. Man muss sie schützen.“ Denn der Verlust von Vögeln ist nicht nur ein finanzielles Ärgernis. „Das Wichtigste ist der Stammbaum“, sagt James Theobald, ein Neuling, den Freakley und Ainley unter ihre Fittiche genommen haben. „Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich Nachkommen der Vögel von den beiden erhalte. Sie können wählerisch sein, wem sie ihre Vögel verkaufen. Es gibt Millionäre, die würden mir den Arm ausreißen, um an diese Vögel zu kommen.“

Theobald arbeitet als Feuerwehrmann in Norfolk. Er züchtete schon als Teenager Wellensittiche, gab das Hobby jedoch als junger Erwachsener auf. Vor zwei Jahren kehrte er zurück, als eine Knieverletzung es ihm unmöglich machte, seinen beiden anderen Hobbys – Rugby und Motorrad-Rennen – nachzugehen. „Mir war immer klar, dass ich irgendwann zu den Vögeln zurückkehren würde, jetzt ist es eben 20 Jahre früher geschehen als gedacht.“

In einem Büro im hinteren Teil des Saales treffe ich den Zeremonienmeister Ken Whi­ting. Er hat alles über den Mord an Penmead Pride gelesen. „Ich fühle mit“, sagt er. „Du hast die Vögel gezüchtet, aufgezogen, du hast dich um sie gekümmert, hast ihnen beigebracht, wie sie stillhalten. Mir ist so etwas nie passiert, aber ich wäre am Boden zerstört. Bei diesen Vögeln kommt es auf einen lückenlosen Stammbaum an, wenn der einen Bruch bekommt, wirft einen das um Jahre zurück.“

Whiting kommt seit mehr als 30 Jahren zu der Vereinsschau und es ist seine Aufgabe, die Sieger vorzustellen. Heute können 90 Preise gewonnen werden, die Kategorien umfassen alle Stufen – vom Anfänger bis zum Meister – und Vögel jeder Farbe: albino, zimtfarben, himmelblau und opalgrün. Eine 15-köpfige Jury beratschlagt stundenlang über die Ergebnisse. Erst nach 13 Jahren Mitgliedschaft und drei Examen kann man sich als Preisrichter der Wellensittich-Gesellschaft qualifizieren.

Meine Einführung in die Ästhetik des Wellensittichs bekomme ich von einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Zunft. Geoff Capes, zweifach zum stärksten Mann der Welt gekürt und einstmals Olympiateilnehmer im Kugelstoßen, ist unter Wellensittichfreunden besser als Züchter eines seltenen Wellensittichs bekannt, der als „rezessiv gefleckt“ beschrieben wird. Von ihm erfahre ich, woran man einen Weltmeister-Vogel und einen Weltklasse-Züchter erkennt: „Der Schlüssel ist die richtige Balance des Vogels. Die Haltung muss von Kopf bis Fuß stimmen. Ein echter Mann ist, wer einen Champion von einem gewöhnlichen Vogel unterscheiden kann.“ Es ist eine Definition von Männlichkeit, die aus dem Mund eines 1,95 Meter großen Mannes etwas seltsam klingt. Doch mit 61 Jahren – und „etwas außer Form“, wie er sagt – ist das Wellensittichzüchten wohl seine einzige Möglichkeit, seiner Freude am Wettbewerb zu frönen.

„Im Moment besitze ich etwa 200 Vögel – damit liege ich im Schnitt. Einige der Spitzenjungs bringen es vielleicht auf 300 bis 500 Vögel.“ Wie wertvoll ist denn nun so ein Top-Wellensittich? „Würden Sie diesen Vogel kaufen wollen“, sagt er und zeigt auf den neuen Weltmeister, „hätten Sie wenig Chancen. Er ist unbezahlbar. Andererseits gibt es für alles natürlich einen Preis. Wenn Sie mir einen Rolls-Royce anbieten würden, nähme ich den Rolls-Royce. Ich hänge an diesem Hobby, dumm bin ich aber nicht.“

Allerdings ist es nicht an ihm, den Vogel zu verkaufen. Der diesjährige Sieger der Show, ein grau-grünes Männchen mit aufgeplusterten gelben Kopffedern, gleicht einem Löwenzahn mit Flügeln und gehört Les Martin. Der millionenschwere Bauunternehmer im Ruhestand züchtet mit diversen Unterbrechungen seit den vierziger Jahren Wellensittiche. Während des Zweiten Weltkrieges begann er, seinem Vater zu assistieren. Ein anderer Züchter erzählt mir, Martin habe die Halle mit Tränen in den Augen verlassen, als sein Sieg verkündet wurde.

In der Regel herrscht der Neid

Ich treffe Martin eine Stunde bevor er seinen Preis abholen soll. Er ist gerne bereit, in Erinnerungen zu schwelgen. „Während des Krieges bekamen wir kaum Körner. Aber es ging darum, den Stammbaum zu erhalten. Also fütterten wir sie mit dem Ausschuss der Dreschmaschinen und jedem einzelnen Korn, das wir irgendwie ins Land kriegen konnten. Es gab Soldaten, die aus dem Krieg, etwa aus Marokko, Körner in ihren Seesäcken mitbrachten.“

Damals war das Hobby noch beliebter als heute. Inzwischen hat die Wellensittich-Gesellschaft gerade mal noch 3.000 Mitglieder. Zu ihren Hochzeiten in den 50er Jahren waren es mehr als 20.000 und die jährliche Vereins-Schau erzitterte unter dem schrillen Tschilpen von bis zu 6.000 Vögeln. Heute befindet sich das Hobby im Niedergang. Das durchschnittliche Alter der teilnehmenden Züchter liegt um die 60 und die wenigen neuen Rekruten stammen fast ausschließlich aus Züchter-Familien. Es stimmt: Bei der Wellensittichzucht ist der Stammbaum alles.

„Es ist beängstigend, wenn Sie sich ansehen, wie dieses Hobby zurückgeht“, sagt Richard Miller. „Aber wie zum Teufel wollen Sie in einer Anzeige fürs Wellensittichzüchten werben?“ Mit seinen 27 Jahren ist der Anwalt einer der jüngsten Weltmeister-Züchter. Die Wellensittichzucht wurde sein Hobby als er acht war, schon als Teenager war er Regionalmeister unter den Junioren, 2006 gewann er mit seinem Vater den „Best in Show“.

„Ich fühlte mich ein wenig zitterig als wir gewannen“, erzählt er mir. „Man hat mit so vielen Frustrationen zu kämpfen. Wir haben uns oft gefragt, warum wir das eigentlich machen, aber es sind Momente wie dieser, für die man es tut.“ Also geht es nur um den Wettbewerb? „Nein, ich bin kein Trophäen-Jäger. Ich mache es aus Freude an den Vögeln. Es ist nicht so, dass es mein Leben wäre“, sagt er. „Es ist mein Hobby. Wenn Wellensittiche alles sind, was man im Leben hat, dann hätte man ein ziemlich beschissenes Leben.“

Nicht jeder hier würde ihm zustimmen. Einer der ersten professionellen Wellensittichzüchter ist der 69-jährige Terry Pilkington. Seit 20 Jahren ist er mit Leib und Seele dabei. „Ich habe mit LKWs und Bussen gearbeitet“, sagt er. „1982 bin ich arbeitslos geworden, im selben Jahr habe ich die Weltmeisterschaft gewonnen. Ich lebte von Arbeitslosenunterstützung, dann erkannte ich, dass ich aus dem Hobby ein Geschäftsmodell machen konnte. Es erwies sich als das Beste, was mir und meiner Frau passieren konnte.“

Pilkington und seine Frau Claire gewannen 1982 und 1986 den Titel Best in Show, vier Mal belegten sie den zweiten Platz. Was die kleineren Preise betrifft, so haben sie längst aufgehört zu zählen. „Ich habe die Vögel, mit denen ich meinen Weltmeister-Stammbaum gezüchtet habe, für 10 oder 20 Pfund gekauft. Ich hatte viele Neider. Es gab Leute – größtenteils Millionäre – die sich ärgerten, weil sie mich nicht schlagen konnten. Das hat mir die größte Befriedigung verschafft: Dass ich diese wohlhabenden Leute als Arbeiter schlagen konnte. Als wir auf die Bühne traten, war das als hätten wir die Fußball-WM gewonnen.“

1981 verkaufte Pilkington einen preisgekrönten Wellensittich an einen Händler aus dem Ausland für einen Preis von 3.000 britischen Pfund. Diese Summe wurde inzwischen erheblich übertroffen. Doch astronomische Preise sind selten. Im Verkaufsteil des Saales werden Vögel aus Stammbäumen mit Ausstellungs-Qualität ab 15 Pfund angeboten. Selbst die besten Vögel gehen unter 75 Pfund weg. Wenn ein Champion sich aus solch bescheidenen Anfängen züchten lässt, und wenn das, wie Capes behauptet, einen echten Mann auszeichnet – warum bezahlen dann manche Züchter so hohe Preise, um an gute Vögel zu gelangen? Und warum gehen manche sogar so weit, diese zu stehlen?

„Ich würde sagen, dass es in der Regel um Neid geht“, sagt Pilkington. „Jemand denkt: Wenn ich sie nicht selbst züchten kann, dann lasse ich sie eben mitgehen.“ Pilkington kommt immer noch Jahr für Jahr zur Weltmeisterschaft, doch er selbst züchtet keine Wellensittiche mehr. Nach 32 Jahren hat er 2004 seine Vögel verkauft. „Als ich Schluss machte, verkaufte ich sie an den Höchstbietenden. Sie gingen an einen Typen aus Indien und sind einfach verschwunden. Es ist oft ein Geheimnis, wo die Leute ihre Vögel kaufen. Es kommt vor, dass ich Vögel sehe und denke: Der hat die gleichen Merkmale wie meine.“ Ich frage ihn, ob er den Ruhm nicht vermisst. „Der Stammbaum gewinnt immer noch“, versichert er mir. „Er ist hier immer vertreten.“

Tom Meltzer ist Autor des Guardian

Übersetzung: Christine Käppeler

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14:00 09.01.2011
Geschrieben von

Tom Meltzer | The Guardian

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The Guardian

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