Sinnbild des Ausnahmezustandes

Panik Israels Staatspräsident Shimon Peres hat in Jaffa ein "Peace House" errichten lassen. Entstanden ist eine Mischung aus Avantgardearchitektur und Prestigeprojekt

Bei all der Ironie, die das Peres Peace House umgibt, grenzt es fast schon an ein Wunder, dass es überhaupt noch steht. Frieden soll ausgehen von diesem in den Nachwehen des verheerenden Gazakonfliktes eröffneten neuen Hauptquartier des Peres Centre for Peace. Die Beziehungen zwischen Israel und seinen Nachbarn sollen verbessert werden.

Benannt ist es noch dazu nach Shimon Peres, Elder Statesman der israelischen Politik, Friedensnobelpreisträger und Gründer des Centers. Dass er auch Israels Ministerpräsident ist, macht die Angelegenheit nicht eben einfacher. Während das Peres Center for Peace die Behandlung verletzter palästinensischer Kinder organisiert, verteidigt sein Gründer öffentlich die Militäraktionen, durch die sie überhaupt erst verletzt wurden.

Der Frieden in der Region müsse von den Menschen, nicht den Regierungen geschaffen werden, lautet die Maxime der Nicht-Regierungsorganisation, deren Aktivitäten von der Ausrichtung von Fußballturnieren mit israelisch-palästinensischen Mannschaften bis zur Schaffung einer grenzübergreifenden Handelskammer reichen. In der neuen Stätte sollen zudem Konferenzen, Diskussionsrunden und andere Veranstaltungen ausgerichtet werden.

Der italienische Architekt Massimiliano Fuksas konnte für den großen und prestigeträchtigen Auftrag gewonnen werden, ein Bauwerk zu entwerfen, das den abstrakten Begriff des Friedens auch dinglich-konkret repräsentiert. Der expressive Neuerer, der lieber den Pinsel benutzt als den Computer, hat einmal mehr ein poetisches und einzigartiges Gebäude geschaffen, dabei aber eine für seine Verhältnisse ungewöhnliche, dem Vorhaben jedoch angemessene Zurückhaltung walten lassen.

Eine Front aus klarem Glas

Im Grunde ist das Haus in der antiken Hafenstadt Jaffa unweit von Tel Aviv, in der israelische Araber und Juden friedlich zusammenleben, ein länglicher schlichter Kasten. Das kurze Ende, das zum Meer hinaus geht, hat eine Front aus klarem Glas. Die übrigen drei Seiten sind aus Glas verschiedener Stärke und schlanken Planken kupfergrünen Betons gebaut, die scheinbar zufällig horizontal übereinander liegen.

Diese an Sedimentgestein erinnernden Schichten sind Referenzen an „Zeit und Geduld, an die Überlagerung der Geschichte der beiden Völker.“ Auch die verwendeten Materialien – fester Beton für Zeiten der Stabilität, zerbrechliches Glas für Konflikt und Chaos – stehen für „Schauplätze schweren Leids“. Aus dem Innern ist einzig der Blick auf das Meer – und damit auf die Zukunft - frei und unverstellt. Fukas selbst bezeichnet das Haus als „Sinnbild des Ausnahmezustandes“.

Das klingt alles äußerst kopflastig, funktioniert aber auch in der Realität hervorragend. Von außen betrachtet wirkt das Friedenshaus zugleich monumental und leicht. Die Wände – an den Außenseiten glatt und eben – erhalten an den Innenseiten durch unregelmäßig hervorstehende Betonlagen eine wellige, beinahe natürliche Textur. Das durch die Betonfliese in das Innere des Gebäudes dringende Licht erleuchtet den Raum magisch, mystisch gar.

Am dramatischsten ist wohl die Peres-Bibliothek an der Hinterseite des Gebäudes. Hier steht man eigentlich unterirdisch, da das Gebäude halb in den Hügel hinein gebaut wurde, doch ein Atrium an der Hinterseite gibt den Blick auf den Himmel frei. Dass hier metaphorisch das Aufwärtsstreben, das Sich-Erheben aus den Untiefen gemeint ist, liegt auf der Hand, der Raum an sich vermag aber auch aus sich selbst heraus zu beeindrucken.

Die Innenausstattung des Hauses tut ihr Bestes, den Gesamteindruck nicht zu zerstören. An einigen Stellen reicht der Fußboden nicht ganz an die Wände heran, die Lücken sind mit Glas gefüllt. Wo immer es möglich ist, bestehen auch die inneren Trennwände aus Glas. Treppen und Rohre sind in einem Betonkern untergebracht, der auch eine einmalige Besonderheit der israelischen Architektur birgt: Auf jeder Etage befindet sich ein gepanzerter „Panikraum“, der im Falle eines Bomben- oder Gasangriffes Schutz bietet.

Der Bau des Friedenshauses, ursprünglich eine gemeinsame Initiative Peres’ und des inzwischen verstorbenen Jassir Arafat, zog sich über einen Zeitraum von zehn Jahren. Die zermürbende Ironie, die sich aus der Person seines Namensgebers ergibt, ist nicht der einzige Widerspruch, der dem Projekt innewohnt. So will das Haus Präsidentenbibliothek im Stile der US-Vorbilder und Graswurzel-NGO zugleich sein, teils Geschenk an die Menschheit, teils Prestigeprojekt.

Ron Pundak, der Direktor des Friedenshauses, weiß um diese Problematik: „Wir unterschieden ganz genau zwischen seinen (Peres’) Aktivitäten als Präsident und unseren Aktivitäten als Peres Friedenszentrum.“ Pundak gesteht auch ein, dass ihm unwohl bei dem Gedanken sei, in seinem neuen, glanzvollen Hauptquartier etwa einen seiner palästinensischen Partner zu empfangen.

Kein normaler Bauort

Derzeit operiert das Peres Center von einem unscheinbaren Bürogebäude in Tel Aviv. „Ich werde mich dort wahrscheinlich nicht sehr wohl fühlen“, sagt Pundak und meint das Friedenshaus. „Es steht nicht für das, wofür das Peres Center for Peace steht – sondern spiegelt die Vision, das Leben und die Zukunft von Herrn Peres. Für seinen innovativen Ansatz. Er ist eben kein normaler Politiker.“

Und Israel ist kein normaler Bauort. Die Architektur ist hier fast schon zum Instrument der Kriegsführung geworden. Man denke nur an die berühmt-berüchtigte Mauer, welche Israel unilateral um die palästinensischen Gebiete baut. Sie habe, so heißt es in Israel, dazu beigetragen, terroristischen Angriffe von jenseits de Grenze zu verhindern, auf palästinensischer Seite hingegen ist man der Meinung, ihre Errichtung laufe auf Landraub hinaus, reiße die Gemeinden auseinander und sperre die Menschen ein.

Als Waffe findet die Baukunst auch in territorialen Disputen Einsatz. Bekanntestes Beispiel sind die israelischen Siedlungen, die in den vergangenen vierzig Jahren in der Westbank errichtet wurden, weniger bekannt ist, dass auch die Araber an verschiedenen Orten, vornehmlich in der Gegend um Jerusalem gebaut haben, um zukünftigen Gebietsansprüchen Nachdruck zu verleihen.

Über allem steht natürlich die Zerstörung von Gebäuden und Infrastruktur in Gaza und die Sysyphos-Aufgabe, diese wiederzuerrichten. In diesem Kontext stellt das Friedenshaus einen notwendigen Gegenpol dar, denn ob es den Frieden nun kultiviert oder nicht, bietet doch zumindest seine Botschaft eine Alternative. Der Architekt ist sich darüber bewusst, dass derartige Aussagen schnell als hoffnungsloser Idealismus abgetan werden, fügt aber sogleich hinzu, dies dürfe einen nicht davon abhalten, sie doch zu äußern: „Wir dürfen nie aufhören, den Frieden für möglich zu halten.“


Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Geoffrey Arsonson, The Guardian | The Guardian

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