Aditya Chakrabortty
28.05.2013 | 15:30 22

So wenig schwedisch wie nie

Randale in Husby Wir kennen die Klischees von Schweden als zufriedenes und gerechtes Land. Seit den Ausschreitungen ist klar: Sie werden der Realität nicht mehr gerecht

So wenig schwedisch wie nie

Spuren des Aufruhrs in Husby

Foto: Jonathan Nackstrand / AFP

Mehr als 20 angezündete Autos in einer einzigen Nacht, völlig ausgebrannte Klassenzimmer und 50 Rechtsradikale, die in einer Vorstadt Jagd auf Einwanderer machen. Was im Stockholmer Vorort Husby begann, griff zunächst auf andere Außenbezirke der schwedischen Hauptstadt über, bis schließlich auch in anderen Städten des Landes Autos und Gebäude brannten. Die Polizei wurde mit Steinen beworfen, ganze Viertel verwandelten sich in No-Go-Areas – selbst für Rettungswagen. Schweden erlebt seit einer Woche Ausschreitungen von bemerkenswerter Dauer und Intensität, so dass in jedem Artikel über die Ereignisse die Frage aufgeworfen wurde: Warum hier?

Das ist sicher eine gute Frage. Weisen Umfragen Schweden nicht häufig als eines der glücklichsten und zufriedensten Länder aus? Ist es nicht berühmt für seine Gleichheit und die freundliche Aufnahme von Einwanderern? Was ist geschehen mit Stockholm, der Hauptstadt des gesellschaftlichen Fortschritts?

Polarisierung schreitet voran

Wir alle kennen die Klischees. Doch die werden der Realität nicht mehr gerecht. Egal, ob es um die Schere zwischen Arm und Reich, das Sozialsystem oder die öffentlichen Dienstleistungen geht – Schweden ist weniger schwedisch als jemals zuvor. Auch wenn die politischen Eliten sich nach wie vor auf die Stockholmer Version des „europäischen Sozialmodells“ berufen und diese in der Popkultur immer noch nachwirkt – der Sozialstaat präsentiert sich heute auch in Schweden stark ramponiert. Die Polarisierung der Gesellschaft schreitet mit großer Geschwindigkeit voran. Immer mehr öffentliche Dienstleistungen werden an private Firmen ausgelagert – teils mit katastrophalen Folgen. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich nicht so sehr die Frage: Warum hier? Sondern vielmehr: Wenn so etwas in Schweden passiert, was ist dann erst anderswo möglich?

Laut OECD hat die Ungleichheit seit 1985 in Schweden so stark zugenommen wie in keinem anderen der 31 am stärksten industrialisierten Länder weltweit. Man darf das nicht überbewerten. Noch immer sind die Einkommensverhältnisse hier so ausgeglichen wie in kaum einem anderen Land. Doch die Entwicklung geht mit großen Schritten in die falsche Richtung. Einst waren die Schweden stolz auf ihren Sinn für Ausgleich, den sie lagom nennen. Von Premierministern erwartete man das  bescheidene Leben eines Lehrers.

Das steht in starkem Kontrast zur aktuellen Mode des sogenannten vaskning. Das Wort bedeutet „versenken“ und bezieht sich auf eine Mode unter jungen, reichen Schweden: Man kauft zwei Flaschen Champagner und weist den Barmann an, eine in den Ausguss zu schütten. „Stellen Sie sich vor, ein arbeitsloser Jugendlicher in Husby hört davon“, sagt Matilda von Sydow, die diese Manifestation der Verschwendung in den Bars auf dem eleganten Stockholmer Stureplan mitangesehen hat.

Und das ist die andere Seite: Während die wachsende Ungleichheit zunächst lediglich daraus resultierte, dass die reichen Schweden noch reicher wurden, werden nun die ärmeren Teile der Bevölkerung durch den relativen Rückgang von Arbeitslosengeld und von Leistungen bei Berufsunfähigkeit immer weiter zurückgeworfen. Manchen Statistiken zufolge ist jeder vierte schwedische Jugendliche ohne Job. In manchen Städten gibt man den jungen Leuten Geld, damit sie ins reichere Norwegen auswandern.

Westminster weit voraus

Zugleich kann man in Schweden beobachten, dass Parteien jedweder Couleur im Laufe der vergangenen fünf Jahre nach rechts gerückt sind. Die Linken haben 2005 die Erbschaftssteuer abgeschafft, so dass jemand, der eine Million Kronen erbt, heute keine Abgaben mehr zu leisten hat, dafür aber 67 Prozent Steuern zahlen muss, wenn er sein eigenes Unternehmen gründen will.

Wenn es um die Privatisierung des Öffentlichen Dienstes geht, ist man in Stockholm heute selbst Westminster weit voraus. Hierin ist auch der Grund zu suchen, warum Britanniens Bildungsminister Michael Gove das schwedische System aus Privatschulen und Bildungsgutscheinen so sehr bewundert. Schatzkanzler George Osborne lässt sich gern mit seinem schwedischen Pendant Anders Borg fotografieren. Und im erzliberalen Economist war zu lesen: Die Straßen Stockholms seien vom Blut heiliger Kühe geradezu überflutet. Der Artikel fuhr fort, das schwedische Schulsystem zu loben. Es sei ganz so, wie Milton Friedman es sich vorgestellt habe. Nur dass – so der Politologe Joakim Palme – dieses Schulsystem im internationalen Pisa-Ranking zurückgefallen ist.

Etwa zehn Prozent der schwedischen Bevölkerung haben derzeit keine Aussicht, einen Job zu bekommen. Sie müssen von verhältnismäßig geringen Sozialleistungen leben. Einwanderer und deren Kinder tragen hierbei ebenso ein größeres Risiko wie die Bewohner von Vororten wie Husby, wo Banken, Postämter und Jugendclubs aus dem Stadtbild verschwinden. Könnten die Menschen hier das sein, was britische Politiker gern als „underclass“ bezeichnen?

Denkt man nun an das noch immer weitaus ungleichere Großbritannien mit seiner stagnierenden Ökonomie, sind die Schlussfolgerungen beunruhigend, die man in der Erwartung dessen zieht, was sich hier in den kommenden Jahren entwickeln könnte.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (22)

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Ehemaliger Nutzer 28.05.2013 | 16:42

es ist ein alter hut: es kommt nicht auf den stand der entwicklung an, sondern auf ihre tendenz und diese entfernt sich von den menschlichen grundwerten immer weiter - wird "öffentlich" kaum noch in diesen wahrgenommen und reflektiert ... die märkte, die börse, die gewinne und beliebig dafür herhaltende statistiken dienen als massstab für gegenwärtige werte - und da das bei den "wert+chancenlosen" der gesellschaft verzweiflung+angst erzeugt, regt sich ganz natürlich ihr "überlebenstrieb" - was haben sie zu verlieren? wer interessiert sich wirklich für sie? welche hoffnung bleibt ihnen? wer hört ihre stimme??? ... die märkte, die börsen und alle vertreter der profitinteressen wollen eher ihr stück vom kuchen abbekommen, weil sie wissen, diese tendenz der entwicklung selektiert immer mehr in gewinner und verlierer ...

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Ehemaliger Nutzer 28.05.2013 | 16:45

Die verordnete Gleichschaltung von Europäern und korpgeist-artig sozialisierten Moslems ist Ausdruck für die linke Mischung aus Selbstverleugnung und Selbstgerechtigkeit, die sich überall in der EU für die ` bessere` Menschlichkeit hält.

Das Ausweichen auf ein scientologie-artig sich für Gläubigkeit haltendes Ressentiment den sog. Ungläubigen gegenüber ist essentieller Bestandteil des islamischen Selbstverständnisses (nicht bei den Alaviten!). Im Zweifelsfall orientiert man sich an einer Mein-(Glaubens)Kampf-Ideologie, die unbewusst als Rechfertigung für die eigene MENTALITÄT benutzt wird.

Diese Mentalität kann man nicht einbinden (siehe 1933)......Und der (zumal deutsche) Autorassismus, nach dem der faschistoide Mensch -genetisch bedingt- immer nur ein Deutscher sein kann , feiert lustschmerzvoll die Dauer-Apologetik !

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Ehemaliger Nutzer 28.05.2013 | 22:03

Man weiß so wenig. Ich habe schon des Öfteren versucht herauszufinden, wie und was in "den skandinavischen Ländern" vor sich geht. Immerhin werden die gern als Referenz für Schul- und Sozialsysteme benutzt. Aber wenn man der Sprache nicht mächtig ist und nicht gerade Bekannte da hat, erfährt man fast nichts.

Einen Link den ich kürzlich zugesandt bekam (mit deutschem Text):

http://europenews.dk/de/node/56499

Er enthält eine interessante Sichtweise, wenngleich er in erster Linie aus islamfeindlicher Perspektive geschrieben ist. Die ist zwar durchaus legitim (ich bin gegen alle Religionen :-) aber ich halte den Islam trotzdem nur für ein sekundäres Problem, das primäre liegt im Neoliberalismus.

Vathia 29.05.2013 | 11:41

Auch wenn der Hauptgrund für die Krawalle im Artikel subtil übersehen wurde, beziehungsweise mit steigendem wirtschaftlichen Druck erklärt wurde: Das Modell der ungebremsten Zuwanderung ist gescheitert. Auch in Schweden.

Erlauben Sie mir eine kräftige Polemik dazu:

Wie hat denn der Staat und vor allem die Bevölkerung davon profitiert? Das Land hat eine der höchsten Sozialleistungen der Welt, wer von weit her kommt und es in in Schweden nicht schafft, der schafft es nirgendwo. Trotzdem nun diese Bilder?

Dass bei den Krawallen sehr viele gelangweilte Teenies und asoziale Kids mitmischen, kann man als Staat auch nicht mit Geld zukleistern, schon gar nicht mehr in neoliberalen Zeiten.

Die Eltern dieser Kids, fast ausschließlich keine Schweden von Geburt, trifft natürlich keine Schuld, sondern nur den Staat und die Ur-Schweden. Sie sind daran schuld, dass die Kinder nicht gefördert wurden, nur in den üblichen ethnischen und religiösen Milieus verkehrt haben, keinen Job finden und in ihrer Freizeit Autos (die ihrer Nachbarn) anzünden?

Wir unterliegen hierzulande einer sehr ähnliche Doktrin in den Medien. These: der Staat/Urbevölkerung rauben den aggro-kids jede Perspektive, die werden extrem diskriminiert, kein Wunder dass die ausrasten und keine Jobs finden (und bitte nichts anderes öffentlich behaupten).

Vielleicht liegt es ja an den Sprachkenntnissen, oder an den "Skills", benötigt für eine extrem harte und globalisierte Arbeitswelt mit hohem Konkurrenzdruck? Nein, es liegt meistens an den Kartoffeln, die geben uns keine Chance!

Also Lieber Autor verschonen Sie uns bitte mit diesen politisch konformen Erklärungsversuchen über die Krawalle. Lesen Sie doch mal in den schwedischen Nachrichten, viele davon auf Englisch, woher diese Melange aus Frust und Gewalt kam?

Sascha 29.05.2013 | 12:14

Das Schulsystem, das sich die neoliberalen Diktaturfreunde wie Milton Friedman (ein enger Berater von Diktator Pinochet) wünschen, sieht man übrigens noch deutlicher in Chile. Dort wird ja viel dagegen demonstriert und auch randaliert. Zu recht, meine ich.

Was soll gut sein an einem Schulsystem, das die privilegierte Position der Reichen einzementiert und eine profitable Schulindustrie hervorbringt, während auf der anderen Seite Massenarmut verursacht wird? Die Privatisierung des Bildungswesens ist genauso ein Übel wie die Privatisierung des Gesundheitswesens oder anderer lebenswichtiger Bereiche. Daher sind Randale eine angemessene Antwort darauf.

Querdenker 30.05.2013 | 11:37

Ja, die Klischees werden der Realität nicht mehr gerecht. Aber die Autorin verschließt selber hartnäckig die Augen vor der Realität, die ein Politiker schon vor Jahren so definiert hat: "Schweden ist der beste islamische Staat!". Durch die ungebremste Einwanderung von Muslimen aus dem Nahen Osten fährt Schweden ungebremst auf eine Mauer zu. Die Vorkommnisse in Husby scheinen geradezu harmlos im Vergleich zu dem, was in Malmö abgeht. Dort traut sich schon lange kein Jude mehr auf die Straße, bzw. wer kann sucht das Weite.

http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/eurovision-song-contest/juden-in-malmoe-barbara-posner-laesst-sich-nicht-unterkriegen-12184033.html

Maria Jacobi 30.05.2013 | 22:26

Welche vergebliche Liebesmühe, dem Leser zu verbergen, was die wahren Ursachen der Ausschreitungen in Schweden sind. Es sind diese Drehungen und Windungen der Mainstreampresse um die Wahrheit, die einen immer wieder amüsieren. Wieviel vergeudetes Papier, wieviel Tastenschläge umsondt, nur um zu verhindern, dass man sieht, was Sache ist: der Islam ist das Problem. Ob Schweden, Syrien oder der Berliner Alex: verschiedene Erscheinungen aus einer Quelle.

die Realistin 01.06.2013 | 15:10

...Schweden ist nicht schwedisch, Frankreich nicht französisch, England nicht englisch, Deutschland nicht deutsch...

Kapitalismus global!!! Und immer schnell einen Schuldigen suchen, mal den Juden, mal den Russen in Gestalt von Putin, mal den Islam...

Komisch, den Katholizismus hat man nie als Schuldigen ausgemacht!!!

Und der tumbe Mensch läßt sich manipulieren! Man gebe ihm nur Fußball, Bier, Heino (der noch NIE ein Buch gelesen hat - eigene Aussage von ihm!), Fun-Meilen und genügend Drogen...

Spiessbuerger 05.06.2013 | 11:46

Wahrscheinlich ist jedes Land weniger das, was es mal war ... so ist es eben... Niemand scheint sich daran zu stoeren, dass die USA weniger indianisch (oder wie man es ausdruecken soll) sind als sie mal waren. Australien ist auch weniger aboriginal als es mal war. Mexico weniger aztekisch und mayisch als es vor den Spaniern war. Dafuer sind aber die Philippinen wesentlich christlicher als sie waren bevor die Spanier Bibeln und Syphilis brachten ... Vielleicht waren die Schweden schwedischer als sie den Protestantismus gegen den Katholizismus verteidigten ... aber davor... Ich meine vor dem herrlichen 30-jaehrigen Krieg...Wer weiht eigentlich die schwedischen Koenige?

Spiessbuerger 05.06.2013 | 11:47

Wahrscheinlich ist jedes Land weniger das, was es mal war ... so ist es eben... Niemand scheint sich daran zu stoeren, dass die USA weniger indianisch (oder wie man es ausdruecken soll) sind als sie mal waren. Australien ist auch weniger aboriginal als es mal war. Mexico weniger aztekisch und mayisch als es vor den Spaniern war. Dafuer sind aber die Philippinen wesentlich christlicher als sie waren bevor die Spanier Bibeln und Syphilis brachten ... Vielleicht waren die Schweden schwedischer als sie den Protestantismus gegen den Katholizismus verteidigten ... aber davor... Ich meine vor dem herrlichen 30-jaehrigen Krieg...Wer weiht eigentlich die schwedischen Koenige?