Sonderlings Schicksal

Enthüllungen Whistleblowern wird das Leben oft komplett zerstört. Warum trauen sich trotzdem noch Menschen, auf Missstände hinzuweisen?
Sonderlings Schicksal
Pfff ...

Foto: blickwinkel/imago

Was sind Whistleblower für Menschen? Was treibt sie an? Die meisten von ihnen entsprechen kaum dem Hollywood-Klischee vom scheuen Außenseiter mit rebellischem Herzen. Sie sind eher konservativ. Sie packen aus, weil ihr Gewissen ihnen keine andere Wahl lässt. Aber damit beginnt ihre Geschichte erst.

C. Fred Alford, Professor für Politische Philosophie an der Universität Maryland, hat über die persönlichen Auswirkungen des Whistleblowings geforscht. Von den gut drei Dutzend Whistleblowern, die er befragte, hatten die meisten ihren Job verloren und fanden nie wieder Arbeit in derselben Branche. Bei vielen zerbrach die Familie. Eine Mehrheit litt an Depressionen, Alkoholismus war weit verbreitet. Einer anderen Studie zufolge führt für die Hälfte der Whistleblower die Entscheidung gegen das Schweigen in den finanziellen Ruin. Selbst prominente Enthüller wie Erin Brockovich, Julian Assange oder Edward Snowden würden nach dem „Nuts and sluts“-Muster abgestempelt – als „Spinner und Schlampen“. So eine Kategorisierung gebe uns das erleichternde Gefühl, dass sie ihr Schicksal selbst verschuldet hätten.

Der Whistleblower Paul Moore leitete die Abteilung Risikovorsorge bei der schottischen Bank HBOS. 2008 verzockte sie mit Schrotthypotheken und Restschuldversicherungen zehn Milliarden Pfund. Sie wurde dann von der Großbank Lloyds übernommen und mit 37 Milliarden Pfund aus öffentlichen Mitteln gerettet. Auf die HBOS entfiel so die Hauptverantwortung für den Zusammenbruch des britischen Bankensystems, dabei war sie gewarnt gewesen.

Bei der Risikovorsorge, sagt Moore, gehe es zwar durchaus um die Bereitschaft, unangenehme Wahrheiten zu verkünden: „Aber nicht darum, Dinge wirklich zu überdenken, sondern bloß darum, Risiken zu verwalten, während man mit Vollgas weiterprescht. Wenn wir uns das Ganze als Autorennen vorstellen, bin ich jemand, der dem Fahrer zur Not sagen muss: Pass auf, sonst jagst du den Motor in die Luft.“

Und hat er das oft sagen müssen?

„Nur selten. Bei HBOS aber schon.“

Erregung und Enttäuschung

Die Alarmglocken schrillten 2003, als Moor feststellte, dass zwölf Prozent des Konzerngewinns aus dem Verkauf von Restschuldversicherungen für Hypotheken stammten. Er forschte nach und fand Manager außer Rand und Band, die ihren Untergebenen absurde Umsatzziele setzten, dazu einen Aufsichtsrat, dem das Fachwissen fehlte, um diese Manager zu bremsen.

Hätte die zuständige Regulierungsbehörde FSA in dieser Situation, wie vorgeschrieben, öffentlich eine Erhöhung der Bargeldreserve bei der HBOS gefordert, so hätte sich dies negativ auf die Marktlage der Bank auswirken können. Deren Direktor James Crosby aber war gerade in den Aufsichtsrat der FSA gewählt worden. Die Bank ließ die Beraterfirma KPMG für 1,2 Millionen Pfund einen Bericht über Moore anfertigen, in dem nicht nur seine Feststellungen in Zweifel gezogen wurden, sondern auch seine fachliche Qualifikation, Lauterkeit und psychische Stabilität. Er habe geweint, als er den Bericht las, sagt Moore. Zu dem Zeitpunkt hatte ihn Crosby schon gefeuert, und die Kollegen schnitten ihn.

Er begann unter Schweißausbrüchen zu leiden, so heftig, dass er sich vor Meetings Tücher unter die Arme stopfte, und er wurde zum schweren Trinker, der eine Flasche Wodka in einer halben Stunde leeren konnte. Erst jetzt, zehn Jahre später, kommt Moore langsam wieder auf die Beine. „Wenn ich sage, es hat mich fast umgebracht, ist das nicht bildlich gesprochen. Ich war ein stabiler, selbstbewusster Mensch. Mich zu zerstören ist schon eine Leistung.“

Er verklagte die HBOS wegen ungerechtfertigter Entlassung und akzeptierte eine Abfindung von einer halben Million Pfund – im Tausch für sein Schweigen. So begann die schlimmste Phase seiner Krise: „Ich lag auf meinem Bett und sah einerseits die Verantwortung für meine Familie, andererseits diese Zocker, die nun unbehelligt weitermachen konnten.“

Warum hat Whistleblowing so extreme psychische Folgen? Der Psychoanalytiker David Morgan hat sich auf solche Enthüller spezialisiert. Kann man von einem typischen Verlauf sprechen? „Es gibt drei Stufen. Die erste: ‚Ich tue es‘ – das erregende Gefühl, die Stimme zu erheben. Dann die Enttäuschung, wenn sie merken, sie stehen allein – von den Kollegen im Stich gelassen, die sagten, sie wären an ihrer Seite. Und auf der dritten Stufe wird jegliches unterschwellige psychische Problem massiv verstärkt. Das Gefühl, alles verloren zu haben, wird übermächtig.“

Die meisten von uns glauben zwar, sie würden die Stimme erheben, wenn sie mit Unrecht konfrontiert wären. Aber die traurige Wahrheit ist, dass viele es doch nicht tun. Warum sind Whistleblower anders? Morgan sagt, die meisten von uns begegneten moralischen Konflikten mit einer „Spaltung“ – wir denken also einfach nicht zu viel darüber nach. Whistlerblowern aber steht dieser Mechanismus nicht zur Verfügung; gerade jene, die das Schweigen brechen, sind für die psychischen Folgen am schlechtesten gerüstet.

Der Schweizer Christoph Meili arbeitete als Nachtwächter bei einer großen Versicherungsgesellschaft. Auf einem seiner Rundgänge stieß er in einem Archivraum auf Akten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Weil er historisch interessiert war, sah er sich die Ordner näher an. Sie enthielten Versicherungspolicen deutscher Juden, die allesamt im Jahr 1945 einseitig von dem Unternehmen ausgesetzt worden waren. Hinzu kamen bündelweise Briefe, in denen mittellose Holocaust-Überlebende und Hinterbliebene von Ermordeten Auszahlungen beantragten – sämtlich aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt. Meili versteckte einen Stoß Papiere unter seinem Mantel und suchte einen Fotokopierer, doch in der Zeit, die das Gerät zum Aufwärmen brauchte, verlor er die Nerven.

Zwei Wochen später fand er, nun bei der Schweizerischen Bankgesellschaft (heute die UBS), abermals historische Dokumente. Darunter zwei schwarze Hauptbücher mit den Details zu Darlehen an deutsche Firmen vor und während des Krieges. Zu diesen Firmen zählten der Zyklon-B-Hersteller Degesch und weitere Firmen, die für Auschwitz gearbeitet hatten. Kurz vor Kriegsende hatten sie ihre Papiere an Schweizer Banken übergeben, um ihr Vermögen dem Zugriff der Alliierten zu entziehen.

Meili stellte fest, dass diese Dokumente für den Schredder bestimmt waren. Er entdeckte auch Auflistungen von Gewinnen aus Zwangsverkäufen von Berliner Immobilien zur Zeit des Nationalsozialismus – wovon die Banken stets jede Kenntnis abgestritten hatten. Er wusste, dass die Regierung in Bern die Zerstörung von Kriegsdokumenten gesetzlich verboten hatte, aber auch, dass es Diebstahl war, die Akten mitzunehmen. Trotzdem schaffte er sie nach Hause. Auf Anraten seiner Frau übergab er die Akten an eine örtliche jüdische Kulturgruppe und dachte, damit sei die Sache für ihn erledigt.

Am nächsten Tag tauchte ein Anwalt bei ihm auf und lud ihn zu einer Aussage vor. Zugleich erhielt er von seinem Arbeitgeber die Nachricht, er sei beurlaubt. Eine Pressekonferenz wurde einberufen. Meili sagte den Reportern, die Informationen gehörten nicht nur der jüdischen Gemeinde, sondern der gesamten Öffentlichkeit: „Die Schweizer sollen wissen, dass ihre Banken mit Nazi-Firmen zusammengearbeitet haben.“ Nun, da die Weltpresse bei ihm Schlange stand, ging es ihm wie den meisten Whistleblowern – er fühlte sich beschützt und unterstützt. Für drei Wochen war er ein Held, und die Banken sicherten einen 200-Millionen-Dollar-Fonds für Holocaust-Opfer zu. Meili traf einige Überlebende, die nun auf Hilfe hoffen konnten, und es ging ihm gut. Doch nicht lange.

Die Probleme begannen, als die in den USA ansässige Antidiffamierungsliga ihm eine Auszeichnung zusprach, 36.000 Dollar für seine Strafverteidigung bereitstellte und zugleich die Banken im Namen der Holocaust-Opfer auf 28 Milliarden Dollar verklagte. „Mit dem Geld kam die Politik ins Spiel“, sagt Meili. In der Öffentlichkeit galt er nun als reich – obwohl er arbeitslos war und Stütze bezog. Die Stimmung schlug um. Medien begannen ihn als Lügner und Verräter darzustellen, und Behörden leiteten ein Ermittlungsverfahren ein. Nach Morddrohungen gewährten ihm am 1. Januar 1997 die USA Asyl. Er erhielt finanzielle Unterstützung von jüdischen Gruppen. Er erhielt jede Menge Auszeichnungen für seinen Mut, aber einen Job fand er nicht. Seine Frau verließ ihn und nahm die Kinder mit. Später heiratete er erneut und wurde wieder Vater, aber auch die zweite Familie zerbrach.

Vor fünf Jahren überredete ihn seine Mutter zur Rückkehr in die Schweiz. Das Onlineportal Swissinfo titelte daraufhin: „Meili kommt zurück – als Held oder Schuft?“ Seitdem hat er an drei Arbeitsbeschaffungsprogrammen teilgenommen und war zwischenzeitlich in der Psychiatrie. Seine älteste Tochter, die inzwischen 21 ist und in den USA studiert, habe ihn gerade besucht, erzählt er, doch ihr Bruder rede nicht mit ihm. Er arbeitet nun Teilzeit als Verkäufer. Eine dritte Ehe läuft bisher gut. Zumindest kann er wieder lachen. Aber ein Happy End ist das längst nicht.

Der Wunsch, dazuzugehören

Warum idealisieren wir Whistleblower abstrakt und machen ihnen konkret das Leben schwer? Die Einsamkeit, in die ihr Mut sie führt, scheint uns nur darin zu bestärken, sie als Sonderlinge abzustempeln. Warum?

Mit dieser Frage wende ich mich an den Psychologen Philip Zimbardo, der 1971 das Stanford-Gefängnis-Experiment leitete. Zimbardo teilte eine Studentengruppe in Häftlinge und Wärter ein und überwachte ihr Verhalten. Nach sechs Tagen musste das Experiment abgebrochen werden, weil die Wärter zu sadistischwurden und die Häftlinge verzweifelten. Die größte Überraschung war, dass sich aus den zuvor durch Tests ermittelten Persönlichkeitstypen kaum ableiten ließ, wie die Einzelnen handelten. Viel prägender war die Situation selbst. Man nehme noch den Befund von Zimbardos Kollegen Solomon Asch hinzu, dass selbst Menschen mit großer Willenskraft es nicht dauerhaft ertragen, aus der Menge herauszustechen, und wir erhalten ein klares Bild: Der Mensch als soziales Wesen tut lieber etwas Falsches, als allein zu bleiben. Unser Wunsch nach Zugehörigkeit kann also missbraucht werden. Wo er mit unseren moralischen Werten kollidiert, da „strengen wir uns erheblich an, um das eigentlich Unvereinbare in irgendeine funktionale Übereinstimmung zu zwängen“, so Zimbardo. Genau diese schützenden Rationalisierungen aber erlauben sich die Whistleblower nicht.

Andrew Smith lebt als freier Autor in London und schreibt für den Guardian, The Face und Sunday Times

Übersetzung: Michael Ebmeyer

06:00 29.12.2014
Geschrieben von

Andrew Smith | The Guardian

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