Zoe Williams
14.10.2010 | 17:00 1

Sonnenbrillen von Oakley

Chile Die gelungene Rettung der chilenischen Bergleute führt zum Aufleuchten einer globalen Freude. Alle scheinen davon berührt. Doch warum eigentlich?

Auf die Rettung der chilenischen Bergleute konnte man eigentlich gar nicht übertrieben reagieren. Es konnten nicht genug Präsidenten ihrer Ankunft harren, auch wenn der einzige Bolivianer unter den Geretteten vielleicht ein wenig erstaunt war, seinen Präsidenten Evo Morales zu sehen. Es konnten auch nicht zu viele Journalisten dabei sein – 2.000 warteten am Ort des Geschehens, das macht 61 pro Bergarbeiter. Ein Trauma-Experte schrieb gestern, um psychische Langzeitschäden zu vermeiden, sei es am wichtigsten, dass die Verschütteten das Gefühl haben, sprechen zu können, und dass ihnen zugehört werde. Wahrscheinlich hatte er dabei nicht eine Horde von Fremden aus aller Welt im Sinn. Aber immerhin: Ein Mangel an Gesprächspartnern besteht nicht.

Product Placement

Instinktiv möchte man einer derart emotionalen Resonanz misstrauen, da sie äußerst willkürlich ist. Kann man sich eine bessere Verkörperung des Begriffs „Sentimentalität“ vorstellen, als diese erhöhte, passive Euphorie für die Überlebenden eines Unfalls, der in dieser gefährlichen Branche eigentlich nichts Besonderes ist? Trotzdem fühle auch ich diese Begeisterung. Mir ist es gleichgültig, ob das sentimental ist. Ich kann Oakley nicht vorwerfen, dass die Firma Sonnenbrillen zum Bohrloch geschickt hat, auch wenn es dabei ganz offenbar um Product Placement in einem Film ging, den die ganze Welt sehen würde. Ich kann das Dessous-Geschäft aus Copiapó nicht dafür verurteilen, dass es den Ehefrauen und Freundinnen schicke Höschen geschickt hat, nachdem die Bergarbeiter spitzbübisch gefordert hatten, dass die Wäscheschubladen ihrer Liebsten dringend aufgefrischt werden müssten.

Besonders erfolgreich war dieses Product Placement allerdings nicht. Ich kann Ihnen nicht einmal mehr sagen, wie der Name der Unterwäschen-Firma lautete. Also können wir davon ausgehen, dass es sich nicht um Werbung, sondern einen aufrichtigen Akt der Nächstenliebe handelte. Die japanische Raumfahrtbehörde schickte den Männern Hosen – nicht, weil sie in ihrer Liebe zu versinken drohten, sondern eher in Nässe und Körpergeruch, und darauf sind diese Kleidungsstücke spezialisiert. Die NASA wiederum schickte Raumanzüge für die Reise an die Erdoberfläche. Werbung hat sie nicht nötig, schließlich ist sie die NASA. Aber vielleicht kann ihr etwas Publicity nicht schaden, um darauf aufmerksam zu machen, dass zu ihren weniger bekannten Qualitäten die Menschenliebe zählt? Bei einem Ereignis wie diesem ist es sehr schwer zu sagen, wo die Grenze verläuft: Hat man nur an der globalen Welle des Mitgefühls teil oder springt man auf einen fahrenden Zug?

Gegenreaktion unvermeidlich

Aber ich stelle die falsche Frage. Es geht nicht darum, ob man nun aufspringen soll oder nicht. Man sollte viel mehr fragen: Warum diese Tragödie? Warum diese Männer? Weshalb fesselt ihr Schicksal derart? Ein Aspekt ist der Zeitrahmen: Vom 5. bis zum 22. August wurden die Bergarbeiter für tot gehalten, und das Weltgeschehen nahm – davon unbeeindruckt – weiter seinen Lauf. Als Jose Ojeda seine berühmte Nachricht schrieb: „Wir sind alle im Schutzraum – die 33“, kam das – narrativ gesehen – einer Auferstehung gleich; die Männer waren ins Leben zurückgekehrt.

An diesem Punkt bekam die Geschichte durch die bloße technische Herausforderung, die es mit sich brachte, die Männer aus der Erde zu holen, einen neuen positiven Dreh. Katastrophen erzeugen für gewöhnlich beim Beobachter ein Gefühl der Ohnmacht: Nach einem Tsunami steht eine Aufgabe bevor, die immer größer wird und kein Ende erkennen lässt. Es kann kein Happy End geben, selbst wenn sich unerschöpfliche Kräfte und Güter mobilisieren ließen. Keiner wird am Ende Freudensprünge vollführen. Und davon abgesehen, wird Geld benötigt – also kapselt man sich als Beobachter gegen das Leid bis zu einem gewissen Grad ab, denn wo soll man sonst aufhören? Wenn man das eigene Haus verkauft hat?

Ganz anders jedoch in diesem Fall: Ingenieure brauchen keine Spenden, sie brauchen Cheerleader. Das kriegen wir hin. Dazu kommt, dass die Grubenarbeiter am 22. August weniger entdeckt, denn von den Toten erweckt wurden. Und so kam auch die Rettungsaktion als Ganze einer Erlösung gleich. Die Erfindungsgabe des Menschen wurde auf die Probe gestellt – und sie blieb den Nachweis von Erfolg nicht schuldig.

33 sind überschaubar

Unsere emphatische Reaktion rührt darüber hinaus von einer Art Urangst, wenn wir hören, dass Menschen tief unten in einem Loch feststecken. Eingesperrtsein, Erstickungsgefahr, konstante 35 Grad Hitze – wer nicht vor allen drei Phänomenen Angst hat, fürchtet sich zumindest vor einem. Bergarbeiter sind in der Regel zwar eher nicht klaustrophobisch veranlagt und an Hitze gewöhnt: Doch die meisten anderen kennen diese Ängste – und die Macht, die sie über unsere Vorstellungskraft haben, ist enorm.

Der Umstand, dass es eine relativ überschaubare Gruppe von Arbeitern war, hat dazu geführt, dass wir mit den Menschen gefühlt haben, anstatt sie zu Heiligen zu verklären (Ich denke da besonders an Johnny Barrios mit seinen zwei „Ehefrauen“, obwohl de facto nur eine mit ihm verheiratet war). Je größer die Zahl der Opfer, desto mehr wird das Einzelschicksal unsichtbar. 33 ist eine Zahl, die für uns überschaubar ist: Wären es hundertmal so viel gewesen, dann hätte die Welt nicht stillgestanden. Und es hätte keine japanischen Hosen gegeben.

Dass es eine Gegenreaktion geben wird, ist unvermeidlich. Nicht gegen die Bergleute, sondern gegen die chilenische Regierung, weil die Sicherheitsstandards in den Minen zu schlecht sind; gegen die Medien, die fieberhaft auf die Ereignisse gestiert haben; gegen uns alle, weil unsere Resonanz so unverhältnismäßig war. Kein Ereignis auf der Welt könnte diese aufgeflammte Aufmerksamkeit rechtfertigen. Doch da ist es nun einmal dieses Aufleuchten einer globalen Freude – allein um der Glaubwürdigkeit willen so zu tun, als sei man davon nicht berührt, wäre widernatürlich. 

Übersetzung: Christine Käppeler

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