Sonnenkönig der Schmutzpresse

Großbritannien Rupert Murdoch startet die Herausgabe einer Sonntagsausgabe der "Sun". Die Medienoffensive wurde erstaunlich positiv aufgenommen - eigentlich besteht kein Grund zur Freude

„The Sun also rises … this Sunday“ - das wird man, leider Gottes, ab heute in Großbritannien jeden Sonntag sagen können. Rupert Murdoch hat sein Büßerhemd schnell abgelegt. Sechs Monate nachdem er die News of the World eingestellt hat, schickt er sich mit einer „auf dem stolzen Erbe der Sun“ aufbauenden Sonntagsausgabe des Blattes an, mindestens zwei Millionen seiner Sonntagsleser zurückzuholen.

Dem Medienanalysten Roy Greenslate zufolge wird es Murdoch rund zwanzig Mal billiger kommen, die Sun-Journalisten insgesamt sieben Tage die Woche arbeiten zu lassen, als der Betrieb der Sonntagszeitung News of the World war. Mindestens drei Millionen Pfund sollen für Fernseh- und Plakatwerbung für die neue Sonntags-Sun ausgegeben worden sein, die an diesem Sonntag zunächst mit drei Millionen Exemplaren für wenig Geld an die Kioske gehen soll. Rechtzeitig zu Murdochs 81. Geburtstag geht er damit wieder in die Offensive und beschenkt sich selbst mit einer kleinen Goldgrube.

Die Kommentatoren bewundern geradezu ehrfürchtig die „Chutzpe“ (BBC) des alten Mannes. „Das muss man ihm schon lassen“, heißt es überall bewundernd, was in den Redaktionsräumen der Sun für große Erleichterung gesorgt haben dürfte. Unter Kollegen der etablierten Medien werden neue Titel bzw. Ausgaben erst einmal grundsätzlich begrüßt – bedeuten sie doch in Zeiten des Zeitungssterbens Jobs für Journalisten. Selbst der Guardian schloss sich diesen Willkommensgrüßen in einem Editorial höflich – wenn auch mit Vorbehalten – an.

Ich selbst habe nie von Berufs wegen große Kollegialität zu Leuten verspürt, die angestellt wurden, um die eigennützigen Interessen einiger weniger exzentrischer und äußerst konservativer Milliardäre zu fördern, die weite Teile der britischen Presselandschaft kontrollieren.
In der Gewerkschaft National Union of Journalists oder dem Netzwerk Women in Journalism empfinde ich ausgesprochen wenig Verbundenheit mit vielen, die ihr Handwerk auf der anderen Seite ausüben.

Dem Namen nach sind wir laut Pressekodex alle Journalisten, dabei fehlen diesem rauen Gewerbe dieAttribute eines Berufsstandes. Eine Gilde gibt es nicht, die Leute werden angestellt, um auf das Geheiß ihres Meisters zu arbeiten; auch wenn das möglicherweise bedeutet, Fehlinformationen zu verbreiten und Beweise zu missachten. Die siebte Sun der Woche wird denjenigen Jobs bieten, die bereit sind, Migranten, Traveller, Gewerkschaftler, alleinerziehende Mütter, Frauen, Arbeitslose, Angestellte im öffentlichen Dienst, junge Menschen, Europa, Ausländer und jeden Anderen zu verunglimpfen, der politisch links des Tory-Abgeordneten John Redwood steht. Inzwischen werden selbst Behinderte als Schmarotzer denunziert, um Stimmung für Sozialleistungskürzungen zu machen, die dort, wo ohnehin schon Armut herrscht, für blanke Not sorgen.

Korrupte Standardprozedur

Trevor Kavanagh, jahrelang das Gesicht Murdochs in der Öffentlichkeit, hat die Sun in einem Artikel auf erstaunliche Art gegen die „Hexenjagd“ durch den Guardian, wie er es nannte, verteidigt. Er klagte, seine festgenommenen Kollegen seien von der Polizei wie eine „Gruppe organisierter Krimineller“ behandelt worden. Man weiß noch nicht, ob Journalisten der Sun Polizisten, Armee-Angehörige und Beamte im Verteidigungsministerium bestochen haben. In einem besonders merkürdigen Teil dieser Verteidigung schreibt Kavanagh jedenfalls, manchmal würden zu einer Geschichte eben bezahlte Whistleblower dazugehören. „Manchmal geht Geld von Hand zu Hand. Das ist eine Standardprozedur, seitdem es Zeitungen gibt.“

Dem ist nicht so – nicht beim Guardian, nicht bei der BBC und nicht bei anderen seriösen Nachrichtenorganisationen. Dort bezahlt man nicht für Geschichten: Ein echter Whistleblower enthüllt Geheimnisse aus Gewissensgründen und gibt Informationen aus polizeilichen Ermittlungen nicht für Bares weiter. Doch bei der News of the World scheint es Routine gewesen zu sein, Polizisten zu bezahlen. So kam es der ehemaligen Chefredakteurin Rebekkah Brooks vor dem Culture Select Commitee des Unterhauses gar nicht in den Sinn, die Bestechung zu leugnen. Kavanagh geht es jetzt offenbar genauso. News Corps eigene Ermittler geben zwar Beweismaterial von möglichem Fehlverhalten an die Polizei weiter. Doch nun schließt sich gar der bekannte Anwalt Geoffrey Robertson den Protesten gegen diese Eigendenunziation an, weil dadurch mit der heiligen Pflicht des Schutzes der Quellen von Journalisten gebrochen werden könnte. Dieses Risiko besteht zwar – die Pflicht Quellen zu schützen beinhaltet allerdings nicht, die Bestechung von Polizisten zu vertuschen.

In Andy Coulsons Tagen als Chefredakteur der News of the World erschienen in der Zeitung regelmäßig Anzeigen, in denen den Lesern „ein Haufen Piepen“ für Fotos von Promis angeboten wurde die sich danebenbenehmen. „Wir zahlen viel für heiße Schüsse von Fremdgängern aus dem Showbiz, die tun, was sie nicht tun sollten, verlotterten Promis, oder Fußball-Idolen, die am Abend vor einem wichtigen Spiel auf die Piste gehen“. Der ehemalige BBC-Korrespondent Nicholas Jones hat auf seinem Blog noch einmal auf diese Anzeigen, die später zurückgezogen wurden, hingewiesen.

Eindringlinge und Mülltonnen-Wühler

Solche Schnüffeleien mit allen Mitteln mögen nicht so recht zum erhabenen Ton des britischen Pressekodex passen, in dem es heißt: „Redakteure müssen das Eindringen in die Privatsphäre einer Person ohne deren Einwilligung rechtfertigen können … Es ist nicht akzeptabel, Menschen in privater Umgebung ohne deren Zustimmung zu fotografieren.“ Aber ist irgendjemand wirklich schockiert? In der Öffentlichkeit gelten Journalisten ohnehin längst als das Letzte, als Leute, die beim Ergründen der Abgründe andere abhören, unrechtmäßig bei ihnen eindringen oder in Mülltonnen wühlen.

Marie Colvins tragischer Tod in Syrien hat in dieser Woche zu recht für glühende Tribute an die Heldenhaftigkeit einer der mutigsten Journalistinnen gesorgt. Aber wie eifrig und unverhohlen viele Zeitungen die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um die Krise des britischen Journalismus damit zu übertünchen! Im Leitartikel von Richard Desmonds Express hieß es: „Ihr Verlust sollte jeden daran erinnern, dass eine freie Presse überall der Feind der Tyrannei ist.“ Nun, bis zu einem gewissen Punkt, Lord Copper.

Bevor wir aber völlig scheinheilig werden: Journalismus ist nicht durch und durch ein Sakrament der Wahrheit. Selbst seriöser Journalismus beinhaltet Kunstgriffe beim Niederschreiben einer „story“. Da werden verschiedene Grautöne zu Schwarz und Weiß vereinfacht, man sucht nach einer Perspektive oder einem Aufhänger. Wir pressen eine verworrene Realität in eine Geschichte von wahr und falsch. Wir alle sind hungrig nach Geschichten. Mir war nie besonders wohl dabei, wenn jemand unser Gewerbe als allzu ehrenwert und nobel dargestellt hat.

Polly Toynbee ist Redaktuerin des Guardian. Sie arbeitete zuvor unter anderem für die BBC, The Independent, Washington Weekly und den Observer

Übersetzung: Zilla Hofman
07:00 26.02.2012
Geschrieben von

Polly Toynbee | The Guardian

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