Sozialismus mit Ipad

Zukunft Erfindergeist kann nur in neoliberalen Gesellschaften gedeihen, heißt es häufig. Es ist Zeit, dass die Linken mit diesem Vorurteil aufräumen
Sozialismus mit Ipad
Steve Jobs stellt 2010 das Ipad vor

Foto: Justin Sullivan/AFP/Getty Images

Wie sind New Economy und eine sozialistische Gesellschaft miteinander vereinbar? Also die zunehmende Arbeiterschaft aus jungen, technikaffinen, zukunftsorientierten und oftmals selbstständig arbeitenden Menschen aus der Digitalbranche einerseits – und die Ideen von Gewerkschaften, Arbeitnehmerkampf und großen Industriebetrieben andererseits?

In Großbritannien gab John McDonnell, Schatzkanzler im Schattenkabinett des neuen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn, dazu kürzlich eine Losung aus. Das Vereinigte Königreich werde eines der weltweit wichtigsten Technologiezentren werden, kündigte er an, und plädierte für einen „Sozialismus, mit einem Ipad“. Damit wollte er den vermeintlichen Staub der achtziger Jahre abschütteln, den viele auf dem Corbyn-Projekt liegen sehen. Aber wäre eine sozialistische Gesellschaft in der Lage, ein Ipad zu entwickeln? Oder würde der Sozialismus die Unternehmer so lange besteuern, bis ihre Innovationsfähigkeit und -Lust am Boden wäre?

Fördert der Sozialismus zwangsläufig immer eine gleichmacherische Kultur, die dem Menschen sein Streben nach Höherem austreibt? Ist Sozialismus untrennbar mit einem bürokratischen Apparat verbunden, der den Menschen die Luft zum Atmen nimmt?

Von allen neoliberalen Vorstellungen der Thatchers und Reagans dieser Welt war wahrscheinlich kaum eine so erfolgreich wie diejenige, dass die Menschheit durch Innovation fortschreitet; dass Innovation eine Sache herausragender Individuen ist und diese ihr Potenzial nur ausschöpfen können, wenn sie die größtmögliche persönliche Freiheit genießen – und dass der Staat, in all seinen Erscheinungsformen, ob durch Steuern oder Gesetze, die größte Beschränkung dieser Freiheit darstellt.

Nach dieser Vorstellung ist Fortschritt immer nur in Opposition zur Gemeinschaft möglich. Die Gesellschaft gedeiht nicht durch Kooperation, sondern dann, wenn sie ihren Besten erlaubt, sich frei zu entwickeln, voranzukommen, und dem Rest von uns Höhlenbewohnern auf diese Weise Licht und Erleuchtung zu bringen.

Äußerst elegant hat die Ökonomin Deirdre McCloskey diese Sichtweise im Titel eines ihrer Bücher auf den Punkt gebracht: Bourgeois Equality: How Ideas, Not Capital or Institutions, Enriched the World (Bürgerliche Gleichstellung: Wie Ideen – nicht Kapital oder Institutionen – die Welt bereichert haben). Diese Sicht auf die Dinge muss sich erst gar nicht mit den konkreten Fallstricken einer sozialistischen Gesellschaft beschäftigen, so klar und eindeutig liegt für sie der Fall: Unternehmer brauchen freie Märkte, und eine Welt ohne Unternehmer sieht aus wie Belgien im 15. Jahrhundert. Überall Stroh und Dreck und Kindersterblichkeit. Die Menschheit braucht freie Märkte und alles, was der Freiheit im Wege steht – sei es Sozialismus, Filz, Demokratie oder Korruption – ist rückwärtsgewandt und reaktionär.

Irgendwie landet man bei dieser Debatte irgendwann immer beim Ipad. Steve Jobs brachte mit seinem genialen Privat-Verstand eine Idee hervor und machte mit ihr ein Vermögen.

Daran ist so ziemlich alles falsch, denn grundsätzlich werden Ideen nur in gesellschaftlichen Kontexten produziert – privat ist nur die Aneignung von dem, was dabei hinten rauskommt. Um das Ipad begehrenswert zu machen, brauchte es zunächst einmal das Internet, das ohne die britischen Universitäten und die US-Army nicht existieren würde. Beide werden von öffentlicher Hand finanziert. Die Idee für eine grafische Benutzeroberfläche erhielt Jobs von Xerox, wo man ihm 1979 einen Besuch erlaubte, weil man insgeheim verstand, dass Erfinderinnen und ihre Innovation in kooperativen Netzwerken besser gedeihen als unter rigidem Protektionismus, strengen Hierarchien und in einem System, in dem jeder auf sich allein gestellt ist.

Wenn man bedenkt, wie oft er als Paradebeispiel dafür angeführt wird, wie stark der Fortschritt angeblich vom Individualismus angetrieben werde, ist es bemerkenswert, dass Jobs selbst vom Teilen fasziniert war. „Wir sprechen eine Sprache, die andere hervorgebracht haben und bedienen uns einer Mathematik, die andere ausgearbeitet und ein Leben lang weiterentwickelt haben. Ich meine, wir verwenden andauernd Dinge“, erklärte Jobs 1983 in einem Interview. „Es ist ein großartiges, ekstatisches Gefühl, etwas zu schaffen und es dem Pool der menschlichen Erfahrungen und des menschlichen Wissens hinzuzufügen.“

Natürlich war das nur Jobs persönliche Meinung. Wir können aus seiner Aussage nicht ableiten, dass alle Erfinder und Entrepreneurinnen von der Faszination angetrieben werden, das kollektive Wissen der Menschheit zu vergrößern. Oder dass sie nach einer sozialistischen Utopie streben, in der das Wissen sich frei zwischen den Individuen hin- und herbewegt und eine Art futuristisches Super-Gehirn erschafft.

Doch die entgegengesetzte Position ist um einiges perverser. Die Unterstellung der Fundamentalisten des freien Marktes besteht darin, dass Erfinder und Erfinderinnen allein von dem Wunsch nach Bereicherung getrieben sind. Dabei ist Geld in großen Mengen ziemlich vulgär und für nichts zu gebrauchen, als für den Konsum, der selbst wiederum recht banal ist.

Wir sprechen hier von den findigsten Denkern unserer Gesellschaft, den klügsten Köpfen und Visionären. Je mehr man darüber nachdenkt, welche intellektuellen Eigenschaften man braucht, um die Grenzen des menschlichen Wissens zu erweitern, desto absurder ist der Gedanke, diesen Leuten komme es darauf an, ob sie eine oder hundert Millionen auf dem Konto haben. Jobs als Vorbild für die Gier nach dem großen Geld anzuführen ist ungefähr so, als würde man mit JK Rowling Werbung für Steuervermeidung machen. Es ist so ziemlich das genaue Gegenteil von dem, wie er sich selbst sieht.

Wenn die Linke zugelassen hat, dass das Ipad als Errungenschaft der Rechten gesehen wird, dann hat sie damit mehr preisgegeben, als nur einen Tablet-Computer – sie hat ihr ureigenstes Terrain geräumt. Schließlich war der Fortschritt seit jeher Sache der Linken, etwas, das sie im Gegensatz zu den Konservativen immer uneingeschränkt bejaht und herbeigesehnt hat.

Seitdem die Mär in der Welt ist, Fortschritt sei nur als Leistung freier Unternehmer denkbar, seitdem Innovation zu einem Mittel der Gewinnmaximierung und des kapitalistischen Wachstums degradiert wurde, ist der Linken das Selbstverständnis dafür verloren gegangen, Statthalter der Modernität zu sein. Und das Neue – auch das technisch Neue – verstehen zu wollen, es sich anzueignen und zu verkörpern.

Doch dieses Terrain lässt sich leicht zurückerobern. Der menschliche Fortschritt lässt sich nicht auf Ipad und Konsum reduzieren. Es geht vielmehr um die Verbesserung der Verhältnisse, unter Menschen zusammenleben. Die Behauptung, der Staat stehe der Kreativität im Wege, entbehrt ebenso jeder Grundlage wie die Annahme, die Aussicht auf unendlichen Reichtum sei der Ansporn, der intellektuelle Höchstleistungen befeuert.

Es gibt keine Entdeckung und keine Erfindung in der menschlichen Geschichte, die nicht durch einen Pool an Ressourcen zustande gekommen wäre. Die von der ganzen Gesellschaft aufgebrachten Steuergelder, die Ansammlung und Weiterentwicklung von Wissen und Erfahrungen … Ungeachtet der Frage, ob in einer sozialistischen Gesellschaft ein Ipad produziert werden könnte, steht zumindest eines fest: Kollektiv hergestellt wird es bereits heute.

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15:54 26.11.2015
Geschrieben von

Zoe Williams | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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