Spannender als Seepferdchen

Apples Neuer Alle warten auf Apples neuen E-Reader. Wenn die Mac-Bauer den Erfolg von iPod und iPhone wiederholen können, dürften Kindle und Konsorten bald im Technikmuseum landen

Mit Spannung wird das neueste Produkt aus dem Hause Apple erwartet: ein E-Reader. Allerdings weiß niemand genau, welche Funktionen das neue Gerät haben wird, und ob es den sensationellen Erfolg seiner Vorgängerprodukte iPod und iPhone wiederholen kann. Was also dürfen wir erwarten?

Von dem Gerät, das der Vorsitzende und Mitbegründer von Apple, Steve Jobs, im Yerba Buena Center for the Arts am Mittwoch, den 27. Januar in San Fransisco vorstellen will, wird behauptet, es werde die Art und Weise verändern, wie wir elektronische Bücher, Zeitungen und Magazine lesen und wie wir fernsehen und Videos konsumieren – von einem „kritischen Wendepunkt in der allgemeinen Mediennutzung“ und „Apples Neukonzeption der persönlichen Computernutzung“ ist die Rede. Der Medienkolumnist David Carr schrieb in der New York Times: „Ich war seit meinem achten Lebensjahr nicht mehr so aufgeregt und gespannt darauf, mir etwas zu kaufen, wie damals, als ich mir diese kleinen Seepferdchen bestellt habe, für die auf der Rückseite eines Comic-Heftes geworben wurde.“

Harper-Collins und andere Verlage sollen bereits mit Apple in Verhandlungen darüber stehen, ihre E-Books, Magazine und Zeitungen sofort auf dem neuen Gerät verfügbar zu machen. Das Neue soll in jeder Hinsicht eine Weiterentwicklung der bisherigen E-Reader sein. Der im November 2007 für 300 britische Pfund auf den Markt gekommene Kindle von Amazon könnte mit seinem einfarbigen Bildschirm und seinen eingeschränkten Online-Möglichkeiten nie als Apple-Produkt durchgehen. Gerüchten zufolge hat sich der Kindle weltweit lediglich eine Million Mal verkauft. „Sollten große Namen wie Harper-Collins und das Time Magazine mit einsteigen, dann könnte der Apple Tablet die digitale Publizistik in einer Weise verändern, wie dies mit dem Kindle bislang noch nicht gelungen ist“, sagt Peter Moore, Direktor des Fachverlags PSP Rare.

Ein guter E-Reader allein reicht nicht

Um unser Leben aber wirklich zu revolutionieren, müsste Apples Neukreation aber mehr sein als lediglich der beste E-Reader, den es derzeit zu kaufen gibt. Sie müsste die Art und Weise verändern, wie wir uns Videos ansehen und Spiele spielen. Und da taucht dann immer wieder die Frage auf, worin denn überhaupt der entscheidende Unterschied zu einem gewöhnlichen Laptop bestehen soll – davon abgesehen, dass es mehr kostet und keine Tastatur besitzt. Denn schließlich stellen Lenovo, Asus und Apple selbst bereits superdünne Laptops her, die kaum mehr wiegen als ihre Schutzhüllen.

Aus dieser Perspektive entgeht einem aber der wesentliche Punkt an den meisten Apple-Produkten. Diese greifen nämlich (fast immer) eine bereits existierende Idee auf und machen diese cool und begehrenswert. Sowohl der iPod, als auch das iPhone und der Flatscreen-all-in-one-I-Mac definierten allesamt die Idee neu, was ein Gerät können muss – und zwangen damit alle ihre Mitbewerber, den neuen Maßstab zu übernehmen.

Denken Sie nur an den iPod – er war nicht der erste MP3-Player, als er im Oktober 2001 auf den Markt kam, veränderte aber sofort das Verständnis von transportabler Musik, weil er kleiner ist als andere Abspielgeräte und weit mehr Lieder speichern kann. Die eigentliche Revolution bestand aber in dem Drehrad, mit dem man sich durch diese ganzen Liedermassen scrollen kann. Die Coolness, die er ausstrahlt, machte den iPod im Handumdrehen zum Marktführer. Ähnlich verhielt es sich mit dem iPhone. Auch dieses war nicht das erste Smartphone, mit dem man mailen und im Netz surfen konnte. So etwas gab es bereits seit acht oder neun Jahren.

Das Zauberwort heißt virtuelle Tastatur

Und so, hofft man bei Apple, wird es sich dann auch mit dem iPad/iSlate verhalten. Tablet-PCs vom Erzrivalen Microsoft gibt es bereits sei 2001. Sie haben heute aber einen Marktanteil von unter einem Prozent aller verkauften Computer, weil sie für gewöhnlich eher unhandlich und ungefähr 20 Prozent teurer sind als ein vergleichbarer Laptop. Dies dürfte daran liegen, dass man die meisten als Tablet und als Laptop benutzen kann. Hierzu muss man aber meistens den Bildschirm drehen oder abnehmen – das ist wenig elegant. Die Alternative „Slate“ arbeitet mit virtuellen Tastaturen, die man mit einem speziellen Eingabestift bedient oder mit Handschriften-Erkennungsprogrammen, die allerdings nur manchmal halten, was sie versprechen.

Apple hat mit dem iPhone bereits gezeigt, dass es in der Lage ist, eine funktionierende, virtuelle Tastatur anzubieten, die große Neuerung besteht im Multi-Touch – die Möglichkeit, den Rechner direkt über den Bildschirm, ohne Tastatur und Maus, mit einem oder zwei Fingern zu steuern, sich seine ganz persönliche Benutzeroberfläche zusammenzustellen, die Größe der Tastatur variabel zu gestalten sowie mühelos und stilvoll von einer Funktion zur nächsten zu wechseln. Vielleicht hat Apple mit dem großen Bildschirm, dem mühelosen Multitouch-Handling, dem eleganten Aussehen und den unzähligen Applikationen ja tatsächlich den heiligen Gral der Mediennutzung gefunden und hat das Gerät entwickelt, auf dem die Leute in Zukunft fernsehen, Videos schauen, Bücher lesen, im Netz surfen und Spiele spielen wollen. Ab Mittwoch wissen wir mehr.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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13:00 26.01.2010
Geschrieben von

Charles Arthur | The Guardian

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The Guardian

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