Spiel mir das Lied vom Tod

Radiohörer Wie die Mafia kommuniziert (2): In Kalabrien soll die 'Ndrangheta eine lokale Radiostation zur Überbringung geheimer Botschaften an inhaftierte Mafiosi benutzt haben

„Ich werde einen kleinen Brief schreiben und ihn an den DJ des Senders meiner Stadt schicken“, sang Chuck Berry. Der mutmaßliche Pate Salvatore Pesce folgte diesem Beispiel, wobei es ihm allerdings um etwas anderes zu tun war, als um „eine Portion Rhythm and Blues.“ Der vor fünf Jahren wegen des Verdachts auf internationalen Drogenhandel inhaftierte Pesce und seine Gangsterkollegen stehen vielmehr im Verdacht, eine örtliche Radiostation dazu benutzt zu haben, sich gegenseitig Botschaften zukommen zu lassen.

Am Mittwoch schloss und beschlagnahmte die Polizei in der Mafia-Hochburg Rosarno neben vier weiteren Geschäften auch die ohne Lizenz sendende Rundfunkstation Radio Olimpia. Die Operation führte zu 30 Festnahmen mutmaßlicher Mitglieder der auch 'Ndrangheta genannten kalabrischen Mafia. Weitere zehn Haftbefehle konnten nicht vollstreckt werden. Die Gesuchten sind weiter flüchtig.

Der stellvertretende Generalstaatsanwalt von Reggio Calabria, Michele Prestipino, der die Operation leitete, erklärte gegenüber Reportern, Radio Olimpia sei „ein wichtiges Kommunikationsmittel im Kontext der Strategie des Clans“ gewesen. Es war insbesondere geeignet dafür, inhaftierten Gangstern wie Pesce Botschaften zukommen zu lassen. Dieser hatte nach Ansicht der Polizei großes Interesse daran zu erfahren, wie der Antrag seines Anwaltes auf Haftentlassung beschieden wurde. Die Polizei hatte mitangehört, wie Pesce im Gespräch mit seiner Frau im süditalienischen Palmi-Gefängnis von Plattenwünschen sprach und wähnte, dass dahinter mehr stecken könnte als die Liebe zur Musik. Der Mitschrift des Gesprächs zufolge, die der Tageszeitung Il Giornale zugespielt wurde, schrieb Pesce seiner Frau den Namen des Liedes auf und sagte ihr dann: „Wenn der Bescheid positiv lautet, grüßt du mich heute Abend mit diesem Lied im Radio, wenn er negativ ausfällt, sendest Du mir ein anderes.“

Mit den Razzien dieser Woche kamen die vor vier Jahren begonnenen Ermittlungen zweier Unterwelt-Morde zu einem vorläufigen Ende. Der Pesce-Clan ist einer von zwei Familien, die die Stadt seit jeher beherrschen, in der es im Januar zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Einheimischen und Arbeitsmigranten gekommen war. Wie in vielen 'Ndrangheta-Familien spielen Frauen auch hier eine wichtige Rolle. Sieben bei der Operation Verhafteten waren Frauen, von denen eine im Verdacht steht, die Finanzen des Clans verwaltet zu haben. Dieser Schlüsselposten wird ansonsten normalerweise von einem hochrangigen männlichen Mafioso bekleidet.



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Übersetzung: Holger Hutt
Geschrieben von

John Hooper | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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