Spiel, Satz, Sotschi

Porträt Billie Jean King ist eine Tennis-Ikone der Siebziger. Jetzt fährt die Homosexuellen-Aktivistin für ihr Land zu Putins Olympischen Winterspielen. Ausgerechnet
Kira Cochrane | Ausgabe 02/2014 1

Am Abend vor dem zuschauerreichsten Match ihrer Karriere – und der Tennisgeschichte überhaupt – rief Billie Jean King ihren Bruder an. Es war der September 1973 und das Spiel, das King bevorstand, war mehr als wichtig. Eine Niederlage hätte nicht nur ihren Ruf als Tennis-Ikone zerstört, sondern auch für die aufkeimende Frauenbewegung einen Rückschlag bedeutet. Dessen war sie sich bewusst. Als ihr Bruder sie fragte, ob sie gewinnen würde, sagte sie daher nur knapp: „Darauf kannst du wetten.“

Das Tennismatch ist als „Battle of the Sexes“, als Kampf der Geschlechter, in die Geschichte eingegangen. Am 20. September 1973 besiegte die 29-jährige Kingden den einstigen Weltranglistenersten Bobby Riggs in Houston glatt in drei Sätzen. Die Idee zu dem Schaukampf stammte von Riggs. Er war damals bereits 55. King wusste aber, mit wem sie es zu tun hatte. Als Kind konnte sie alle Wimbledonsieger aufsagen. Und sie wusste, dass Riggs 1939 in Wimbledon die Titel im Einzel, im Doppel und im gemischten Doppel – die Triple Crown – errungen hatte.

Sport und Politik

King selbst hatte es mit ihrem Talent und ihrem Selbstbewusstsein ganz nach oben geschafft. Mit 29 hatte sie bereits zehn Grand-Slam-Einzeltitel gewonnen, fünf in Wimbledon. Im Lauf ihrer Karriere sollten es 39 Grand-Slam-Titel werden. Zudem war sie eine treibende Kraft im Kampf für Gleichberechtigung. Sie gründete die Women’s Tennis Association, und es ist zum großen Teil ihr Verdienst, dass Tennis heute eine der wenigen Sportarten ist, in denen Frauen und Männer gleich bezahlt werden. Seit ihrem Outing 1981 kämpft sie zudem für die Rechte von Lesben und Schwulen. Als Barack Obama sie bat, als Teil der USA-Delegation der Eröffnungsfeier der olympischen Winterspiele in Sotschi bei zuwohnen, wurde das daher auch als deutliches Statement gegen die homosexuellenfeindlichen Gesetze Russlands interpretiert (siehe Kasten).

Wer ist diese Frau, für die Sport und Gesellschaftspolitik seit Langem untrennbar zusammengehören?

Heute ist King 70 Jahre alt. Im Gespräch sprudelt sie aber vor Energie, springt von einer Idee zur nächsten. In der einen Minute sprechen wir noch über Mikrokredite, in der nächsten schon über meine Mutter. Nach vielen Jahren als Mentorin junger Tennisspielerinnen ist sie ebenso daran interessiert, Fragen zu stellen, wie welche zu beantworten.

Wir treffen uns im Backstage-Bereich einer BBC-Talkshow in London. King ruft noch einmal den zeitlichen Kontext des Battle-of-the-Sexes-Matchs auf. Mit seinen Schaukämpfen war Riggs damals als Abzocker bekannt. Er forderte Gegner zu Spielen heraus, bei denen er sich unterhaltsamen Handicaps aussetzte. So spielte er einmal mit einer Bratpfanne als Schläger. Aber dann entdeckte er etwas Neues. Ganz Amerika sprach von der Frauenbewegung, die 1963 von Betty Friedans Buch Der Weiblichkeitswahn angestoßen worden war und 1966 zur Gründung der „National Organization for Women“ geführt hatte.

Der Feminismus machte Schlagzeilen, und Riggs witterte eine Gelegenheit. Also begann er, die besten Spielerinnen zu kontaktieren. Diejenige, die er eigentlich wollte, war aber King – er nannte sie „die Anführerin der revolutionären Bande“. Als King eine Unterhaltung wiedergibt, die die beiden 1970 führten, senkt sie ihre Stimme um eine Oktave und geht zu einer Imitation seines beschwatzenden Tonfalls über: „Komm schon, Baby! Lass es uns machen, los geht’s! Es wird aufregend, die Leute werden drauf abfahren, und wir können jede Menge Geld machen.“ Sie entgegnete ihm damals, sie sei erschöpft. „Außerdem fragte ich mich: ‚Was gibt es für mich zu gewinnen? Er ist so alt wie mein Dad. Würde ich gewinnen – kein großes Ding. Würde ich dagegen gegen einen 55-Jährigen verlieren, würde ich mir das nie verzeihen.“

Dabei hatte sie den Ruf des Frauentennis ebenso im Kopf wie ihren eigenen. In den USA hatte sie seit 1959 große Turniere gespielt. Zwei Jahre später, mit 17, hatte sie in Wimbledon erstmals auf internationalem Rasen gestanden. Sie hatte zu jenen gehört, die sich für eine Öffnung der Turniere einsetzten, damit auch Profis teilnehmen konnten. 1968 begann dann die „Open Era“. King hatte zuvor quasi unentgeltlich bei großen Turnieren gespielt – als sie 1967 drei Wimbledon-Titel errang, erhielt sie dafür einen Geschenkgutschein über 45 Pfund. Zunächst freute sie sich also, endlich vom Sport leben zu können. Dann aber stellte sie fest, dass die Preisgelder für Spielerinnen sehr viel niedriger waren als für Männer. Als sie Wimbledon 1968 zum dritten Mal gewann, bekam sie 750 Pfund. Bei den Männern gab es 2.000 Pfund.

Bei anderen Turnieren fiel der Unterschied noch größer aus – die Männer bekamen zehn, elf, zwölf Mal so viel wie Frauen. King wusste, dass einige Männer planten, eine Profi-Organisation zu gründen. „Ihr nehmt uns doch mit rein?“, fragte sie. Die Antwort kam prompt: „Auf keinen Fall.“ Als sie später erneut das Thema ansprach, sagten einige: „Niemand würde einen Groschen dafür geben, euch Mädels spielen zu sehen“. King macht eine Pause, bevor sie in ihrer Erzählung fortfährt: „‚Euch Tussis‘, sagten sie. Das war echt nicht lustig. Es kam ja von meinen Freunden. Ich mochte sie. Aber das tat wirklich weh.“

Rebellion war angesagt. King und ein paar andere Spielerinnen kontaktierten Gladys Heldman, die einflussreiche Gründerin des World Tennis Magazin. Sie entschieden, eine eigene Frauen-Turnierserie ins Leben zu rufen. Der Entschluss bedeutete zugleich einen Boykott des Tennis-Establishments. Der US-Verband drohte ihnen mit dem Ausschluss von Turnieren wie Wimbledon und den US-Open. Sie machten es trotzdem und spielten überall, wo sie ein Publikum fanden – manchmal an Orten, an denen es nicht einmal Tennisbälle gab.

King sagt, ihr sei bewusst gewesen, dass sie ein enormes Risiko eingingen. Und auch wenn sie sich wünscht, die anderen Gründungsmitglieder der „Original 9“ erhielten mehr Anerkennung, sagt sie: „Wir waren ein Team, und sie hatten mich zur Anführerin gewählt. Sie drängten mich dazu, und ich nahm die Rolle gerne an. Wenn ich mich einmal in etwas gestürzt habe, gibt es auch kein Zurück mehr.“

Sie warb bei Politikern für einen Gesetzesentwurf, der 1972 verabschiedet wurde. Darin heißt es, kein Mensch in den Vereinigten Staaten dürfe bei einer öffentlich geförderten Bildungseinrichtung aufgrund seines Geschlechts diskriminiert werden. Das Gesetz veränderte das Leben junger US-Athletinnen. Sie konnten nun Stipendien von Colleges in Anspruch nehmen, die King verwehrt geblieben waren. Sie hatte während ihrer Studienzeit, in der sie auch internationale Turniere spielte, zwei Jobs nebenher machen müssen. Seit der Gesetzesänderung ist die Zahl der Hochschulsportlerinnen um 622 Prozent gestiegen.

Unter Kings Führung gründeten die Frauen während des Wimbledon-Turniers 1973 die Women’s Tennis Association – die Organisation, die ihnen eine gemeinsame Stimme verlieh. Alles lief gut. Nur Riggs stichelte weiter. Am Muttertag 1973 wurde King zum Handeln gezwungen. Die australische Spielerin Margaret Court, damals Kings größte Rivalin, ging auf Riggs Angebot ein. Court hielt sich von der feministischen Bewegung fern und erklärte, sie „trage nicht das Banner der Emanzipation“. Vor Beginn des Matches überreichte Riggs seiner Gegnerin Rosen. Court bedankte sich zum Entsetzen vieler Zuschauerinnen mit einem Knicks.

Das „Muttertagsmassaker“

Und dann ließ sie sich von Riggs Prahlerei aus dem Konzept bringen. Er brauchte nur 57 Minuten, um sie 6-2 und 6-1 zu schlagen. Das Match ging als „Muttertagsmassaker“ in die Annalen ein. King wusste: Würde sie es bei Riggs Sieg belassen, würde dieser auf ewig von Kritikern benutzt, um ihren Sport zu verspotten. Das konnte sie nicht akzeptieren. King, die als Tochter eines Feuerwehrmanns im kalifornischen Long Beach aufgewachsen war, hatte im Alter von zwölf Jahren den Entschluss gefasst, die Nummer eins zu werden. „Damals habe ich zum zweiten Mal im Leben Tennis gespielt, in einem Park. Mir wurde dabei klar, was ich mit meinem Leben mache wollte.“

Sie beschloss damals, den Tennissport zu verändern. „Ich schaute mich um und sah, dass alle, die Tennis spielten, weiße Socken, weiße Schuhe, weiße Outfits trugen und alle weiß waren. Ich als Zwölfjährige fragte mich: ‚Wo sind all die anderen? Hier gibt es nur Weiße. Irgendetwas stimmt hier nicht.‘“ Später als Teenager las sie das Buch der schwarzen Tennisspielerin Althea Gibson und erfuhr, dass erst 1950 erstmals jemand bei den US-Open mitgespielt hatte, der keine helle Haut hatte.

Kings Verständnis der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern vertiefte sich an der California State University in Los Angeles. Mit 18 lernte sie dort Larry King kennen. 1965 heirateten sie. Eines Tages sagte er ihr in Bezug auf ihren Frust, sie sei ein Bürger zweiter Klasse. Auf ihre Frage, was er meine, entgegnete er: „Hältst du dich für einen Bürger zweiter Klasse?“ „Ich sagte: ‚Ja, eigentlich bin ich das.‘ Und er sagte: ‚Weil du ein Mädchen bist.‘ An diesem Tag verfestigten sich all die Gefühle, die in mir brodelten, alle die Dinge, die ich gefühlt hatte. Er hatte es nur einfach ausgedrückt.“

Nach Courts Niederlage willigte King ein, gegen Riggs zu spielen. Eines von Riggs’ T-Shirts trug die Aufschrift: „Männliches Chauvinistenschwein“. Journalisten gegenüber sagte er, er spiele zur Verteidigung der jungen Männer, die von Frauen versklavt würden: „Wenn Jungs heiraten, können sie bald nicht mal mehr einmal die Woche für ein Pokerspiel ausgehen. Wir müssen diese Frauen aufhalten – jetzt.“

Die viele Aufmerksamkeit war für King aber auch in anderer Hinsicht gefährlich. Ende der Sechziger war ihr bewusst geworden, dass sie Gefühle für Frauen hegte. 1969 hatte sie Larry um die Scheidung gebeten. Sie hatte eine Beziehung mit ihrer Assistentin Marilyn Barnett begonnen und hatte große Angst, dies könnte öffentlich werden. Die geballte Aufmerksamkeit der Presse war das Letzte, was sie zu diesem Zeitpunkt brauchte.

In der Halle in Houston trugen viele Männer T-Shirts mit der Aufschrift vom chauvinistischen Schwein, Frauen unterstützten King mit Transparenten. Weltweit sahen 100 Millionen Fernsehzuschauer zu. King wurde auf den Schultern von Männern in die Halle getragen, während Riggs von weiblichen Models hereingefahren wurde. Sie tauschten Geschenke aus. Riggs überreichte King einen Lolli und bekam ein Schwein mit rosa Schleife. King wusste, dass man sie für den Rest ihres Lebens mit diesem Spiel in Verbindung bringen würde. Ihr Sieg war eines der großen Spektakel der Frauenbewegung.

Heute kann sie freier sprechen als damals. 1981 wurde sie geoutet, als Marilyn Barnett sie auf Unterhaltszahlungen verklagte. Als eine der ersten offen homosexuellen Athleten verlor sie über Nacht alle Werbeverträge. Seitdem engagiert sie sich für die Rechte von Homosexuellen. Sie weiß, wovon sie spricht, wenn über deren Diskriminierung im Sport geredet wird.

Manchmal wird sie von der Women’s Tennis Association gebeten, vor den heutigen Spielerinnen zu sprechen. Sie hebt an, um ihre Rede nachzustellen: „Jeder nimmt Einfluss. Nicht nur auf dem Tenniscourt. Wisst ihr, welchen Einfluss ihr auf die Menschen in eurer Stadt, eurem Land und auf der ganzen Welt nehmt? Ihr schlagt einen Ball mit einem Schläger über ein kleines Netz. Denkt nur einmal darüber nach, was ihr damit alles anfangen könnt, abgesehen von dem Versuch, Wimbledon zu gewinnen.“ So spricht eine, die es weiß.

Für Barack Obama in Sotschi

Als das Weiße Haus im Dezember bekannt gab, wer der US-amerikanischen Olympia-Delegation angehören wird, die das Land bei den Winterspielen im russischen Sotschi offiziell repräsentiert, applaudierten Homosexuellen-Verbände und Menschenrechtsgruppen. Barack Obama bat zwei prominente und offen lesbisch lebende Ex-Sportlerinnen, die USA zu vertreten. Neben der 28-jährigen ehemaligen Eishockey-Spielerin Caitlin Cahow sorgte vor allem die Nominierung von Billie Jean King für Aufsehen. King ist aufgrund ihrer 39 gewonnenen Grand-Slam-Titel eine Tennis-Legende und hat sich als Kämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen einen Namen gemacht. Wegen der in Gesetzesform gegossenen Diskriminierung Homosexueller in Russland haben Verbände im Vorfeld zum Boykott der am 7. Februar beginnenden Spiele aufgefordert. Obama hatte aber bereits vor der Nominierung erklärt, dass für ihn Erfolge von homosexuellen Athleten bei den Wettbewerben die besseren Antworten seien. jap

Kira Cochrane arbeitet als Reporterin für den Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman

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06:00 10.01.2014
Geschrieben von

Kira Cochrane | The Guardian

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