Sputnik schon wieder

COVID-19 Russland hat einen Corona-Impfstoff zugelassen. Schon bald sollen Ärzte und Lehrer geimpft werden. Doch angesichts einer verkürzten Testphase gibt es auch einige Bedenken
Sputnik schon wieder
Impfstoff-Forschung in Russland (Symboldbild)

Foto: Olga Maltseva/AFP via Getty Images

Russland hat einen umstrittenen Covid-19-Impfstoff zur breiten Anwendung zugelassen – nach einer nur weniger als zwei Monate dauernden Testphase an Menschen. Das Medikament wurde laut Wladimir Putin auch einer seiner Töchter verabreicht.

Kirill Dmitriev, der Leiter des russischen Staatsfonds RDIF sagte, der Impfstoff werde im Ausland unter dem Markennamen „Sputnik V“ vermarktet. Es gebe internationale Vereinbarungen zur Herstellung von 500 Millionen Dosen und Anfragen nach einer Milliarde Dosen aus 20 Ländern. Der Name des Impfstoffs erinnert an den ersten Satelliten der Welt. „Sputnik“ wurde während des Weltraumrennens im Kalten Krieg, das damals auch als Wettbewerb um internationales Prestige angesehen wurde, in die Umlaufbahn gebracht.

Der russische Präsident Wladimir Putin pries die Entwicklung des Impfstoffs als Zeichen für Russlands wissenschaftliches Können. Bei Anderen sorgte das verkürzte Testverfahren für hochgezogene Augenbrauen, weil dabei die Phase 3 mit groß angelegten Sicherheitsstudien übersprungen wurde. Sie dauert normalerweise Monate. Stattdessen werden Phase 3-Studien parallel zur Massenproduktion des Impfstoffs durchgeführt – unter anderem auch in Brasilien.

Massenproduktion soll bald beginnen

Die Genehmigung ebnet den Weg für Massenimpfungen in Russland, das von der Corona-Pandemie hart getroffen wurde. Die Bereitstellung eines Impfstoffs für den Westen wird es dagegen kaum beschleunigen, da hier die Lizenzanforderungen am strengsten sind. Russland hat mit 897.599 weltweit die viertmeisten Coronavirus-Fälle registriert, außerdem 15.131 Todesfälle.

Die Massenproduktion des Impfstoffs solle bald beginnen, sagte Putin. Zunächst würde Ärzt*innen und Lehrer*innen eine Immunisierung angeboten, wobei der Impfstoff den Ärzt*innen ab Ende August oder September zur Verfügung gestellt würde. Zur allgemeinen Anwendung solle das Medikament ab Januar 2021 kommen. Die Impfung werde freiwillig sein, so Putin.

Einige Mitarbeiter*innen des öffentlichen Sektors äußerten sich jedoch skeptisch über die Sicherheit des Impfstoffs und wiesen darauf hin, dass das russische Gesundheitssystem stark unterfinanziert und heruntergewirtschaftet sei. „Ich vertraue der Regierung nicht. Ich werde den Impfstoff auf keinen Fall einnehmen“, sagte ein Moskauer Lehrer, der es ablehnte, namentlich genannt zu werden.

„Impfstoff hat alle notwendigen Tests bestanden“

Während eines im staatlichen Fernsehen gezeigten Regierungstreffens betonte Putin, der vom Moskauer Gamaleya-Institut entwickelte Impfstoff sei sicher. Sogar eine seiner Töchter sei geimpft worden. Das scheint einen Bericht des Nachrichtensenders Bloomberg zu bestätigen, nach dem die Familien einiger Mitglieder der russischen Elite besonders früh Zugang zu dem Impfstoff erhalten hätten, eventuell bereits im April. „Ich weiß, dass der Impfstoff effektiv wirkt, eine starke Immunität aufbaut und ich wiederhole: Er hat alle notwendigen Tests bestanden“, erklärte Putin.

Seine Tochter habe am Tag der ersten Impfung eine Temperatur von 38 Grad Celsius gehabt, die am Folgetag auf etwas mehr als 37 gesunken sei. Nach der zweiten Impfung sei ebenfalls ein leichter Temperaturanstieg zu verzeichnen gewesen, doch das sei alles gewesen. „Es geht ihr gut und sie hat eine hohe Zahl an Antikörpern“, fügte Putin hinzu. Welche seiner beiden Töchter geimpft wurde, sagte er nicht.

Phase-3-Studien sind dazu da, seltene Nebenwirkungen zu entdecken und zu messen, wie effektiv ein Impfstoff in der breitesten Stichprobe einer Bevö

Gintsburg sorgte im Mai für Irritationen, als er sagte, er und andere Forscher hätten den Impfstoff an sich selbst ausprobiert. Am 17. Juni begannen Studien mit 76 Freiwilligen. Die eine Hälfte wurde mit einem Impfstoff in flüssiger Form, die andere Hälfte durch die Einnahme eines löslichen Pulvers geimpft. Einige Testpersonen wurden aus dem Militär rekrutiert, was die Sorge aufkommen ließ, dass das Dienstpersonal unter Druck gesetzt worden sein könnte, an den Studien teilzunehmen.

Russlands Gesundheitsminister Michail Muraschko sagte, der Impfstoff sei sicher, effizient und habe bei den freiwilligen Testpersonen ein hohes Maß an Antikörpern produziert. „Keiner von ihnen hatte ernsthafte Komplikationen durch die Immunisierung“, sagte Murashko und fügte hinzu, dass die Immunität bis zu zwei Jahre anhalten könnte.

Risiken bei nicht ordnungsgemäß getesteten Impfstoffen

Noch ist sehr wenig über genetisch und anders bedingte Anfälligkeit für das Virus bekannt. Daher warnen Experten davor, dass mögliche Impfstoffe nur teilweise wirksam sein und nicht alle gleich gut schützen könnten.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte angemahnt, dass alle Impfstoffkandidaten vor der Markteinführung vollständige Testphasen durchlaufen sollten. Laut Experten können nicht ordnungsgemäß getestete Impfstoffe in vielerlei Hinsicht Schaden anrichten – von negativen Auswirkungen auf die Gesundheit bis hin zur Schaffung eines falschen Sicherheitsgefühls oder zur Untergrabung des Vertrauens in Impfungen.

Darüber hinaus gibt es auch die Sorge, ein Impfstoff, der eventuell nur eine beschränkte Wirksamkeit hat, könnte dafür sorgen, dass andere gesellschaftliche Maßnahmen zur Unterdrückung der Krankheit untergraben würden. Allgemeiner gesehen könnten spätere Sicherheitsprobleme des russischen Impfstoffs die Impfgegner stärken, von denen viele trotz der Corona-Pandemie an ihrer Position festhalten.

Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt haben betont, dass die notwendige Eile, einen Covid-19-Impfstoff zu entwickeln, die Sicherheit nicht gefährden darf. Jüngste Umfragen zeigen aber, dass die Öffentlichkeit zunehmend den Anstrengungen der Regierungen nicht mehr traut, schnell einen solchen Impfstoff zu finden.

Übersetzung: Carola Torti

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Ihre Freitag-Redaktion

10:36 12.08.2020
Geschrieben von

Peter Beaumont, Luke Harding | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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