Sri Lanka: Die Stunde des Volkes

Revolution Nach dem Sturz von Präsident Gotabaya Rajapaksa driftet der Inselstaat Sri Lanka durch einen surreal anmutenden Schwebezustand
Tagsüber fanden Demonstranten den besten Handyempfang im Bett des Präsidenten
Tagsüber fanden Demonstranten den besten Handyempfang im Bett des Präsidenten

Foto: Diunka Liyanawatte/ Reuters

Am Ende musste Sri Lankas bis vor Kurzem noch starker Präsident Gotabaya Rajapaksa eine demütigende Flucht im Schutz der Dunkelheit auf sich nehmen. Es blieb ihm verwehrt, sich noch einmal an das eigene Volk zu wenden, bevor er zum Abgang genötigt war. Als die Menschen vor gut einer Woche mit der Nachricht erwachten, ihr diskreditierter Staatschef sei ausgerechnet an dem Tag, an dem er angeblich – getrieben vom Aufstand der Verzweiflung – abtreten wollte, auf die Malediven geflohen, machte sich in der Hauptstadt Colombo eine teilweise erleichterte Stimmung bemerkbar. Aber sie blieb aufgeladen von Wut und Verachtung, von trotziger Entschlossenheit.

„Was für ein Feigling er doch ist“, sagt der 27-jährige Straßenhändler Sineth Hindle. „Gotabaya füllt seine Taschen mit unserem Geld, steuert das Land in den Bankrott und läuft weg. Er muss zur Rechenschaft gezogen werden. Wir sind die wahre Macht im Land. Wer sonst?“ So klingt die Sprache einer neuen Volksbewegung. Sie ist als „Aragalaya“ bekannt und verlangt einen politischen wie sozialen Wandel. Der müsse einem Systemwechsel gleichen, argumentieren ihre Führer. Man sollte ihnen zuhören, anders als vor der Eruption des Unmuts wissen sie um ihre Macht und haben klare Vorstellungen, wie sie die politische Kultur verändern wollen.

Ob die zuletzt durchgesickerten Vorstellungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) Erfolg haben, eine Interimsregierung der Technokraten zu bilden, die den sozialen Aderlass vorantreibt, darf bezweifelt werden. Wie sehr dieser Volksbewegung weder anarchistische Wildheit noch Zerstörungswille, sondern Struktur und Disziplin eigen sind, war in der Zeit erkennbar, als die Aufständischen den Präsidentenpalast besetzt hielten. Wer kam, stand geduldig in langen Schlangen, um einen Blick in die Räume, auf Pavillons und Parks zu werfen.

Hunderte Menschen warten vor dem Präsidentenpalast in Colombo auf Entscheidungen

Manche reisten Hunderte Kilometer an. Ausdauernd warteten vier Nonnen aus einem Kloster bei Colombo, um den Swimmingpool zu sehen. Sie zählten zu den vielen Geistlichen, die an den Anti-Regierungs-Demonstrationen beteiligt waren. „Es ist ein großer Augenblick in unserer Geschichte. Es erfüllt mit Stolz, diesen historischen Ort zu besuchen, wenn wir plötzlich die Gelegenheit dazu haben“, erklärte Schwester Kathleen. „Es war ja nicht nur Rajapaksas Residenz, sondern die so vieler Präsidenten. Ich bin sehr ergriffen von einem Volk, das den Palast zurückgefordert hat.“ Der 22-jährige Namal Gunawardhana gehörte zu den selbst ernannten Wächtern des Anwesens. Männer wie er steuerten die Zahl derer, die gleichzeitig das Gelände betreten durften. Sie schliefen auf dem nackten Boden, um dafür zu sorgen, dass nichts gestohlen wurde.

Sri Lanka driftet durch einen fast surrealen Schwebezustand, selbst wenn die tagelang besetzten Regierungsgebäude wie der Präsidentenpalast inzwischen wieder geräumt sind. Gegen Premierminister Ranil Wickremesinghe gerichtete Forderungen, er möge das Feld ebenfalls räumen, rissen in den Tagen nach Rajapaksas Flucht nie ab. Wickremesinghe hatte es tatsächlich fertiggebracht, die Demonstranten als „Faschisten“ und „Extremisten“ zu diffamieren. So blieben die Streitkräfte ein letzter Hort der Stabilität. Oberbefehlshaber Shavendra Silva ließ mehrfach wissen, die Militärs würden die Verfassung achten, sie würden versuchen, auf die Polizei Einfluss zu nehmen, es ihnen gleichzutun.

„Wir werden in Bereitschaft bleiben – für Tage und wenn es sein muss für Jahre, um zu garantieren, dass der Rajapaksa-Clan nie wieder in die Verantwortung für dieses Land zurückkehrt“, beteuert Nilakshika Chamanthi (32), die auf dem Rasen vor dem Präsidentenpalast sitzt, wo die Menschen zu Hunderten ausharren und die politischen Entscheidungen abwarten, welche in den nächsten Tagen fallen sollen. Als Flugbegleiterin für die SriLankan Airlines, so Chamanthi, habe sie im Laufe der Jahre gesehen, welche Privilegien die Familie Rajapaksa genießen konnte. Zuerst sei der Nutznießer Mahinda Rajapaksa gewesen, der zwischen 2005 und 2015 Staatschef war, zuletzt dann Gotabaya. „Für ihn standen immer zwei Flugzeuge in Bereitschaft, mit den nötigen Crews, mit allem Luxus und VIP-Komfort, von dem man nur träumen konnte“, erinnert sich die Stewardess. „Diese Leute haben das Geld des Staates für sich selbst verschwendet, ohne an andere zu denken. Ich habe vor drei Jahren noch für Gotabaya gestimmt, dann aber musste ich sehen, dass er nichts weiter als ein Dieb ist, der uns alle in die Tiefe reißt.“

Brot unerschwinglich

Immer wieder werden solche Vorwürfe laut, die längst Verwünschungen gleichen. Wie seine mächtige Familie wird der geschasste Präsident beschuldigt, nichts gegen den Niedergang getan zu haben. Einst war Rajapaksa von fast sieben Millionen Menschen im chauvinistischen Taumel des Ultranationalismus gewählt worden, der das Land auch zehn Jahre nach dem Bürgerkrieg (1983 – 2009) zwischen der von einer singhalesischen Mehrheit gebildeten Armee und der tamilischen Minderheit in Schach hielt. Der Inselstaat blieb entlang ethnischer Demarkationslinien gespalten, die besonders dort zu finden sind, wo im Norden und Osten die tamilische Bewegung ihren unabhängigen Staat Tamil Eelam gründen wollte. Durch diesen nie bewältigten Krieg, dessen Opferzahl auf 100.000 geschätzt wird, und weiter schwelende Konflikte zwischen den Volksgruppen wurde überdeckt, wie sich die Korruption ungehindert ausbreiten und die einst wohlhabende Insel in den Ruin treiben konnte.

Seit Monaten sind Benzin, Strom, Gas zum Kochen, Lebensmittel und Medikamente ein extrem knappes Gut. Ab Anfang Mai trägt der Großschuldner Sri Lanka das Stigma der Zahlungsunfähigkeit. Wer auch immer künftig regiert, muss die Inflation von gegenwärtig fast 70 Prozent eindämmen und die Gläubiger bis hin zum IWF gnädig stimmen. Ob dies ohne erneuten Aufstand gelingt, erscheint fraglich. Schließlich gibt es kaum eine Familie, die von der Misere nichts zu spüren bekommt. Verzweifelte Tuk-Tuk-Fahrer erzählen, fünf Tage in den Warteschlangen vor den Tankstellen zu verbringen. Ärzte in den Hospitälern schauen in leere Apotheken, NGOs warnen vor einer „hungerähnlichen Situation“, so besorgniserregend sei mittlerweile die Unterversorgung. In der Nacht, als Rajapaksa auf die Malediven floh, wo er zunächst in einem Fünf-Sterne-Inselresort unterkam, bevor er sich Richtung Singapur absetzte, stieg der Brotpreis um weitere 20 Rupien, was neben Reis ein Grundnahrungsmittel für noch mehr Sri Lanker unerschwinglich macht.

Hannah Ellis-Petersen ist Korrespondentin des Guardian für das südliche Asien

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Hannah Ellis-Petersen | The Guardian

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