Stadt der Fahrradfahrer

Liebeserklärung Weite Straßen, breite Gehwege, rücksichtsvolle Autofahrer. Wer aus London kommt, für den ist Radfahren in Berlin das reinste Vergnügen. Die Liebeserklärung einer Britin

Dank des isländischen Vulkans verbrachte ich unbeabsichtigter Weise ein paar Tage länger in Berlin als geplant. Und so entschloss ich mich, das Beste daraus zu machen, ein Fahrrad zu leihen und einen meiner liebsten Orte auf der ganzen Welt mit dem Rad zu durchkreuzen.

Berlin ist auf den ersten Blick keine klassische Fahrrad-Stadt. Das öffentliche Verkehrssystem funktioniert (meistens), man braucht also das Rad nicht unbedingt, um rechtzeitig zu Terminen zu kommen. Außerdem ist Berlin riesig, eine Radtour vom einen zum anderen Ende der Stadt geht ganz schön in die Beine. Und dann wäre da noch das Kopfsteinpflaster, auf das man immer wieder stößt. Trotz alledem ist es ein großartiger Ort um Rad zu fahren. Hier sind 10 vollkommen subjektive Gründe, weshalb das so ist:

1. Die Straßen haben eine unglaubliche Breite

Dank der Bomben der Alliierten und des unersättlichen Verlangens der Kommunisten, hübsche alte Gebäude abzureißen und durch grausame neue zu ersetzen, sind die Straßen in Berlin absurd breit. Gestern radelte ich vom Alexanderplatz die Karl-Marx-Allee hinunter. Die Allee war gebaut worden, um mit der kommunistischen Stadtarchitektur nach dem Zweiten Weltkrieg anzugeben und ist beinah 90 Meter breit. Selbst die Bürgersteige sind breit genug, dass hier Panzer in Zweierreihen fahren könnten.

2. Man darf auf den Gehwegen fahren

Nun, meistens zumindest. Abgesehen von den ganz schmalen, gibt es auf den meisten Berliner Bürgersteigen einen markierten Fahrradweg.

3. Keiner meckert, wenn du keinen Helm trägst

Fahrradhelme sind in Berlin im Kommen. Als ich vor sieben Jahren in Berlin studierte, trug dort keiner einen Helm, doch in den vergangenen Tagen sind mir einige aufgefallen. In London werde ich mindestens einmal pro Woche von Freunden oder Kollegen gefragt: „Wo ist dein Helm?“ Hier nicht.

4. Man darf durch die Parks radeln

Gestern radelte ich durch den Tiergarten, einen der größten Parks in Berlin, und keiner versuchte mich aufzuhalten. In London ist es mir noch nie gelungen, mit dem Fahrrad mitten durch den Regent’s Park zu zuckeln, ohne nicht zumindest zurechtgewiesen zu werden.

5. Für Verkehrssünden bekommt man nur einen Strafzettel, wenn man einen Unfall verursacht

Auch in diesem Fall gilt: meistens. Laut einer Radfahrer-Sonderausgabe der Zeitschrift Prinz sind 100 Euro und 1 Punkt in Flensburg fällig, wenn man einen Unfall verursacht, weil man über eine Ampel gefahren ist, die länger als eine Sekunde (ich liebe die deutsche Präzision) auf Rot stand. Wer einen Fußgänger verletzt, wenn er durch eine Fußgängerzone rast, muss 20 Euro bezahlen. 30 Euro zahlt, wer Chaos anrichtet, weil er in die falsche Richtung fährt. Interessanterweise muss man 25 Euro Strafe zahlen, wenn man auf dem Fahrrad telefoniert und wer betrunken auf dem Fahrrad erwischt wird, kann vor Gericht gezerrt werden.

6. Berlin ist schön platt

Am Montag radelte ich den ganzen langen Weg von Neukölln im Osten bis an den Wannsee im äußersten Westen der Stadt, jenen friedliche See, an dem die Nazis die "Endlösung" planten. Die einfache Strecke betrug etwa 30 Kilometer, aber erst als ich die Wälder in der Nähe des Sees erreichte, stieg die Straße zum ersten Mal leicht an. Falls Sie jemals im Frühjahr oder Sommer nach Berlin kommen, müssen sie das gigantische Strandbad am Wannsee besuchen. Die Deutschen sind ziemliche Frostbeulen, deshalb hatten eine alte Dame und ich das Wasser für uns. Nacktbaden kann man am Wannsee, ist aber kein Muss.

7. Keine Wohnung ohne Fahrradabstellplatz

Auch da sind wir mit unseren Bomben nicht ganz unschuldig. Die klassischen Berliner Mietskasernen haben Höfe, die perfekt für die Unterbringung von Fahrrädern geeignet sind.

8. Man kann sein Fahrrad in U-Bahnen und Zügen mitnehmen

... sofern man seinem Fahrrad ein Ticket löst.

9. Die Autofahrer rechnen mit Radfahrern

In Großbritannien wirken die Autofahrer über den Anblick eines Fahrradfahrers immer noch bass erstaunt. Dementsprechend gibt es bei uns die Kampagne SMIDSY (Sorry Mate I Didn’t See You) der britischen Fahrradorganisation CTC. Wenn in Berlin ein Auto rechts abbiegt – in der Regel kreuzt es dann den Fahrradweg, wie in Großbritannien auch – sehen die meisten Autofahrer zuerst nach, ob ein Radfahrer kommt.

10. Es ist wirklich einfach, hier ein Rad zu leihen

Ich entschied mich für Fat Tire Bikes, die eine Filiale am Bahnhof Zoo und eine am Alexanderplatz haben. Für den ersten Tag habe ich 12 Euro bezahlt, am zweiten 10 und danach für jeden weitern 8. Mein robustes oranges Rad hat mich von Ost nach West, von Norden nach Süden, über Straßen und holprige Wege getragen. Sehr, sehr gut.

Übersetzung: Christine Käppeler

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09:00 24.04.2010
Geschrieben von

Helen Pidd | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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