Stangentanz und stramme Gärtner

Erotik und Literatur Die Debatte um Charlotte Roches "Feuchtgebiete" hat die Debatte um guten Sex nicht befördert. Es geht darum, das erotische Menü zu erweitern - für beide Geschlechter

Als die australische Autorin Kathy Lette begann, einige der begehrtesten Schriftstellerinnen um einen Beitrag für eine Sammlung erotischer Kurzgeschichten zu bitten, die sie gerade zusammenstellte, staunte sie nicht schlecht darüber, wie viele der Angesprochenen von ihrem Recht Gebrauch machten, Nein zu sagen. Und das, obwohl Lette ihnen Anonymität garantierte. Alle Autorinnen von In Bed with..., so der Titel des Bandes, haben sogenannte "noms de porn" angenommen, die sich aus dem Namen ihres ersten Haustieres und dem der ersten Straße, in der sie gelebt haben, zusammensetzen.

Lette gibt freimütig zu, dass ihrem Projekt durchaus eine gewisse Lust daran zugrunde liegt, Gerede zu entfachen. Und siehe da, die leicht erregbaren unter den Klatschkolumnisten – vornehmlich männlichen Geschlechts – sind auch schon ganz scharf drauf, Marmalade Bates als Fay Weldon zu enttarnen (oder steckt doch Esther Freud dahinter?). Das verführerische Bändchen lässt jedoch auch eine politische Lesart zu: Lette selbst macht darauf aufmerksam, dass es für Frauen noch immer ein Tabu ist, darüber zu reden, was sie anmacht. Eine der Autorinnen, Joan Smith, berichtet von empörten Anrufen, in denen sie aufgefordert wurde, zu erklären, wie sie als Feministin überhaupt darauf komme, das Verfassen von Erotica auch nur in Erwägung zu ziehen. Bei allem  Vergnügen, das es den Medien bereitet, die wahre Identität der Autorinnen zu enthüllen, erinnert das Ganze doch unangenehm an den Roman Der scharlachrote Buchstabe.

Die TV-Moderatorin Charlotte Roche schreibt über Sex und zwar unter ihrem echten Namen. Ihr im vergangenen Jahr veröffentlichter Debüt-Roman Feuchtgebiete wurde zur literarischen Sensation. Roches Heldin Helen ist vergnügt promisk und schert sich wenig um traditionelle Vorstellungen von weiblicher Hygiene. Sie empfindet eine kindliche Faszination für den Geruch und den Geschmack ihres eigenen Körpers, besonders ihrer Vagina, und rebelliert so gegen gängige Konventionen darüber, wie es bei Frauen „untenrum“ auszusehen habe.

Weit entfernt vom perfekten Erregungszustand

Die Kritiker sind sich uneins darüber, ob Feuchtgebiete nun ein großes feministisches Manifest sei oder eine selbstbezogene Obszönität. Nachdem ich es vergangene Woche selbst gelesen habe, würde ich sagen, dass Feuchtgebiete und In Bed with...,, wenngleich ersteres sehr viel expliziter ist, ein ähnliches Anliegen verfolgen. Roche unterläuft die gewohnten Konventionen der Pornografie, indem sie eine weibliche Protagonistin und deren männlichen Partner geschaffen hat, die von perfekter Rasur und permanentem Erregungszustand weit entfernt sind. Wohingegen in Lettes Buch ältere Pärchen ebenso auftauchen wie der unvermeidliche stramme Gärtner und die gelangweilte Hausfrau.

Dieser literarische Temperaturanstieg mitten im kalten Winter gibt Anlass zur Freude. Es mag daran liegen, dass ich an den falschen Orten Ausschau gehalten habe, aber in letzter Zeit hatte ich den Eindruck, die Debatte über guten Sex sei zum Erliegen gekommen. Noch vor ungefähr drei Jahren machte der amerikanische Autor Ariel Levy eine um sich greifende „Vulgär-Kultur“ aus, der es als Beleg für Befreiung galt, wenn Frauen Unterricht im Stangentanz nehmen und bei amourösen Abenteuern ohne Umschweife zur Sache kommen. Dabei sind die Grenzen für Frauen so eng gesteckt wie eh und je. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass sie nicht mehr fürchten, als promiskuitiv, sondern als prüde zu gelten.

Eine Debatte kam nie zustande

Immer mehr Frauen und Männer taten damals ihren Ärger darüber kund, wie Sexualität – besonders die weibliche – kommerziell vereinnahmt und der Akt selbst von den Werten des Marktes in einen Wettbewerbs-Sport verwandelt wurde. Eine kurze Zeit lang schien es möglich, dass diese Empörung - zusammen mit der wachsenden Kritik an der Pornifizierung der Gesellschaft - einen öffentlichen Raum eröffnen könnte, in dem die Frage nach den Auswirkungen auf die sexuelle Entwicklung des Einzelnen hätte erörtert werden können. Doch aus irgendeinem Grund kam diese Debatte nie zustande – auch wenn die Blogosphäre einzelnen hinreichend Möglichkeiten bietet, die eigene erotische Entwicklung zu erkunden.

Was man nicht weiß, macht eben auch nicht heiß – und trotzdem wissen wir beispielsweise immer noch nicht, wie Frauen zum Orgasmus kommen. Während weithin angenommen wird, Männer besäßen eine größere Libido, zeigen neueste Untersuchungen aus Kanada, dass Frauen von einer viel größeren Bandbreite an Stimuli erregt werden als Männer. Und obwohl die Porno-Industrie die Darstellung von Analsex inzwischen zu Selbstverständlichkeit gemacht hat, ist nicht davon auszugehen, dass jungen Leuten in naher Zukunft im Sexualkundeunterricht beigebracht werden wird, wie Kondome und Gleitgel den Akt sicherer und angenehmer machen.

Das erotische Menü erweitern

Wenn diese Debatte noch geführt werden soll, dann wäre ein neuer Schreibstil für Pornos ein guter Anfangspunkt. Smith schrieb neulich in einer Kolumne über ihren Beitrag zu In Bed with... : „Das Problem ist nicht der Sex, sondern die Tatsache, dass die Industrie, die um ihn herum entstanden ist, sadistisch, demütigend und ausbeuterisch ist. Und dass der Großteil der Konsumenten Männer sind.“

Die Gefahr ist nur, dass es zu einer Diskussion kommt, von der niemand etwas hat. Es geht nicht darum, eine stereotype Darstellung der Sexualität (männlich, homogenisiert, aufs Vögeln fixiert, böse) durch eine andere (weiblich, politisch korrekt, aufs Kuscheln fixiert, langweilig) zu ersetzen. Es geht darum, das erotische Menü zu erweitern – mit Gewinn für beide Geschlechter.

17:50 30.01.2009
Geschrieben von

Libby Brooks, The Guardian | The Guardian

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