Stechender Geruch

Pakistan Tausende Familien, die nach der Flutkatastrophe in ihre Dörfer zurückkehren, um nach brauchbaren Überresten zu suchen, finden nichts als Zerstörung

Sirajuddin starrt auf das seichte, schmutzige Wasser, das in großen Lachen die Erde bedeckt. Er ist in sein Dorf zurückgekommen, um aus seiner Wohnung zu retten, was zu retten ist. Aber da ist nichts, rein gar nichts. „Hier stand unser Haus“, sagt der 30-Jährige und deutet auf das Wasser. Bevor die große Flut kam, standen im Dorf Drab Korona im Distrikt Charasadda im Nordwesten Pakistans 120 Gebäude – übrig geblieben sind nur eine Moschee, zwei Schulen und die ein oder andere Steinwand. Eine bis zum Dach reichende Flutwelle eiskalten Wassers war in der Nacht über sie hereingebrochen und hatte bis zum Nachmittag fast alles mit sich gerissen.

Verschlammter Müllplatz

Die Provinz Khyber Pakhtunkhwa wurde als erste von der Flut erfasst. Inzwischen geht das Wasser wieder zurück, aber die Gefahr, Opfer der sich ausbreitenden Krankheiten und der Not zu werden, ist damit keineswegs gebannt. Die gesamtpakistanische Kommission für die Bekämpfung der Flutkatastrophe hat gemeldet, dass allein in dieser Provinz 178.484 Häuser zerstört oder beschädigt wurden. Seit das Wasser schwindet, sieht Drab Korona aus wie ein verschlammter Müllplatz: ein Durcheinander zerschlagener Überreste, die alle mit einer dicken Schlammschicht überzogen sind: kaputte Möbel und Dachsparren zeigen an, wo einmal Häuser standen.

Sirajuddin hat mit seiner Frau, vier Kindern und den Familien seiner beiden Brüder in einem Haus mit drei Zimmern gewohnt. Es gibt nichts mehr davon, lediglich ein paar verdorbene Ähren erinnern an sein doch so wichtiges Getreidelager. Man hatte das Haus vor sechs Jahren für 140.000 Rupien gekauft (etwa 1.270 Euro) und sich das Geld von Verwandten geliehen. Vor der Flut hat Sirajuddin als Arbeiter zwischen 4.000 und 5.000 Rupien (36-45 Euro) im Monat verdient.

Von Geld keine Spur

In der brütend schwülen Hitze ist die Luft schwer vom stechenden Geruch verfaulenden Fleisches, der in Wellen auszuströmen scheint und einem den Magen umdreht: Die meisten der Rinder und anderen Tiere sind ertrunken, ihre verwesenden Kadaver nun irgendwo unter dem Schlamm begraben. Die Dorfbewohner, die zurückgekommen sind, um nach erhaltenen Habseligkeiten zu suchen, klagen über Hautprobleme. Das stehende Wasser und die verwesenden Tiere haben Drab Korona in eine Brutstätte für Keime und Erreger verwandelt.

Ein paar Meter weiter sucht der 18 Jahre alte Aman Gul nach brauchbaren Überresten. Er trägt ein langärmeliges Unterhemd und die traditionellen weiten Hosen. Sowohl sein Zuhause als auch der Laden seines Vaters wurden fortgespült. Das Haus hatte vier Zimmer und war aus Schlamm gebaut. 17 Menschen, einschließlich seiner Großeltern, haben darin gelebt. Beim Versuch, dem bereits bis zur Schulter stehenden Wasser zu entkommen, ertranken die Schwestern seiner Mutter. Guls Vater gelang es, die Kinder zu retten. Eine der ertrunkenen Tanten, Shanaz, trug die gesamten Ersparnisse der Familie in bar und 25 Gramm Gold bei sich. Sechs Tage später fanden sie ihren Leichnam, von Geld und Gold keine Spur.


„In unserer Familie können nur mein Vater und ich arbeiten“, sagt Gul, der einen Job auf einer Baustelle im afghanischen Dschalalabad hat, wo er 250 Rupien (etwa 2,30 Euro) am Tag verdient. „Wenn wir etwas Geld zusammenbekommen, werden wir uns ein Zimmer bauen, damit wir wenigstens einen Ort für uns haben.“

Auch Guls Familie lebt nun in einem Zelt an der nahe gelegenen Nowshera Hauptstraße neben der stillgelegten Flying Craft Papierfabrik, in der viele Dorfbewohner einst Arbeit fanden. In jedem der Zelte drängen sich jeweils bis zehn oder zwölf Menschen, die von den Behörden und Hilfsorganisationen wenig oder gar keine Hilfe erhalten. Sie sind auf Spenden der Leute aus der Stadt angewiesen, die mit Autos ankommen, um Hilfsgüter zu verteilen – dieser Tage erst sehr spät, kurz vor dem Fastenbrechen. Trotz der großen Not befolgen alle Erwachsenen die Regeln des Ramadan – die Menschen im Nordosten Pakistans sind tief religiös.

Die an Drab Korona angrenzende Gemeinde Fakirabad Majoki war vor der Flut ein wenig wohlhabender, fast tausend auf einer Anhöhe gelegene Häuser, von denen viele aus Ziegeln gebaut waren. Doch um Geld zu sparen, hatten die Bewohner für den Mörtel Schlamm statt Zement verwendet, um die Steine zu binden. Als die Flut kam, löste sich dieser Baustoff einfach auf. Erdhügel blieben, wo einst Wände gestanden hatten. Im Gegensatz zu Drab Korona, das heute völliges Ödland ist, sind nach Fakirabad Majoki immerhin einige Bewohner zurückgekehrt. Alte Männer knien betend in der Moschee des Dorfes, die alles unbeschadet überstanden hat.

Wie auf den ersten Blick auch Farman Alis Haus – doch die Außenmauern sind schwer beschädigt und die Innenwände zusammengebrochen. Ali hat ein Zelt auf seinem Grundstück aufgeschlagen, in dem er und seine sieben Kinder nun leben. Während der vergangenen Jahre hat Ali die ursprünglichen Schlammwände gegen Ziegelwände getauscht. Früher arbeitete er bei den staatlichen Elektrizitätswerken, Anfang des Jahres ging er vorzeitig in Ruhestand. Jetzt ist sein Haus leergefegt, und er bekommt noch keine Rente.
„Wir sind raus, als das Wasser uns über den Kopf zu steigen drohte“, erzählt er. „Wenigstens sind wir noch am Leben. Aber ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Wir vertrauen auf Allah. Er wird etwas tun. Vielleicht wird er ein paar Engel schicken“, sagt er.

Es ist nicht genug

Inmitten des Fatalismus, der manche befallen hat, sind die Menschen über die Behörden empört, besonders über die der Provinzregierung, die von der säkularen Awami National Party (ANP) gestellt wird. Obwohl Charsadda eigentlich zum Stammland der Partei gehört, lassen die Menschen in Fakirabad Majoki kein gutes Haar an ihr und äußern stattdessen ihre Sympathien für die moderate Islamist Party des früheren Premiers Nawaz Sharif und die mit den Taliban sympathisierende Jamiat Ulema-e-Islam. Beide Parteien seien ihnen zu Hilfe gekommen seien oder hätten zumindest Anteilnahme gezeigt. „Die ANP ist nicht hier, sie existiert für uns nicht“, sagt der 55-jährige Hameedullah. „Asfandyar Wali Khan, (der ANP-Führer, Anm. der Red.) ist nicht hergekommen, nicht einmal in seinen eigenen Bezirk. Sollte ich ihn treffen, würde ich zum Selbstmordattentäter, um ihn zu töten.“

Nach Angaben der Behörden sind im Regierungsbezirk Charsadda 74.000 Familien, das sind insgesamt rund 500.000 Menschen, von der Flut betroffen. 54.000 von ihnen leben nun in Zelten oder Schulen. „Die Katastrophe ist überwältigend“, sagt Kamran Rehman Khan von der Bezirksverwaltung. „Egal, was wir tun, es ist nicht genug.“

Übersetzung: Holger Hutt

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16:15 25.08.2010
Geschrieben von

Saeed Shah | The Guardian

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The Guardian

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