Steht die arabische Welt vor einer Lese-Revolution?

Arabische Literatur Abdo Khal hat eben den "arabischen Booker-Preis" bekommen. Seine satirischen Schriften sind in seiner Heimat allerdings verboten. Fans hält das nicht vom Lesen ab, sagt er

Der jüngste Gewinner des International Prize for Arabic Fiction (IPAF) richtet die Aufmerksamkeit auf die Zensur in den arabischen Ländern. Ich traf den saudischen Schriftsteller Abdo Khal im März in Abu Dhabi, als er den mit 60.000 Dollar dotierten Preis bei einer Gala überreicht bekam. Er erzählte mir, alle seine Romane seien in seinem Heimatland verboten, dasselbe gelte für Kuwait, Katar und Jordanien. Umso überraschter war ich, als der saudische Kulturminister Abdul Aziz ihn als einen „Botschafter der Kreativität“ pries, dessen Sieg ein Triumph für die saudische Literatur sei.

Khal ist Lehrer und Journalist, lebt in der saudischen Hafenstadt Dschidda und ist vor allem als Kolumnist und Kulturredakteur der Tageszeitung Okaz bekannt. Doch wie so viele saudische Schriftsteller muss er, seit er vor 30 Jahren mit dem Schreiben von Kurzgeschichten begann, seine Bücher im Ausland (inzwischen in Beirut) veröffentlichen, weil er, wie er selbst es nennt, „die drei Tabus“ – Sex, Religion und Politik – verletzt.

Widersprüchliches

Zwar werden in Saudi-Arabien nur wenige Bücher ausdrücklich verboten, doch wenn der Stempel der Zensurbehörde fehlt, dann ist auch der Importweg versperrt. Khals libanesischer Verleger Al Saqi erzählte mir, das geschehe mit allen seinen Büchern – so komme es dann zu dem Euphemismus, ein Buch sei im Königreich „nicht verfügbar“, was der Regierung den Spielraum offen lässt, zu leugnen, dass ein Buch verboten oder konfisziert ist. In Ägypten fährt man die Taktik, die Torpfosten immer wieder zu verstellen, um beiden Kundenkreisen gerecht zu werden: den religiösen Extremisten und denen, die für Offenheit werben.

Da die Grenzen ungewiss sind, betreiben viele Selbstzensur, andere wenden sich an ausländische Verleger. Die Länder behalten den Import fest im Griff, während sie Lippenbekenntnisse für die freie Meinungsäußerung ablegen. Khal betont, wie widersprüchlich das alles ist. Selbst die Romane des saudischen Arbeitsminister Ghazi al-Gosaibi seien „von den einheimischen Märkten ausgeschlossen“.

Weshalb Khals Roman Spewing Sparks as Big as Castles (der Titel stammt aus einem koranischen Vers über die Hölle) die Zensoren alarmiert, liegt auf der Hand. Er ist eine groteske Satire auf den grenzenlosen Reichtum und die Ungleichheiten, die er erzeugt. Es geht um einen Jungen aus den Slums von Dschidda, der zum Handlanger im Palast eines skrupellosen Großindustriellen aufsteigt, dann aber um die Erlösung seiner gefallenen Seele fleht. Zwischen dem Slum-Viertel und dem Palast besteht ein dantesques Gefälle.

Khal ist der Überzeugung, dass „übermäßiger Reichtum – der nicht von Gott gegeben, sondern erworben ist – die Menschen zu Leibeigenen macht. Wenn einer maßlos reich wird, dann zieht er sich Sklaven heran, die seinen Wünschen dienen. Das Geld erschafft Herren und Sklaven. Früher konnte der Herr den ganzen Körper des Sklaven kaufen. Heute kauft er sich einen Teil – doch es bleibt Sklaverei.“ Khal vergleicht den Reichtum mit einem „stehenden Gewässer, das viele Krankheiten überträgt.“

Khal wurde 1962 in al-Majanah, nahe der jemenitischen Grenze geboren – einer saudischen Bergregion, die für ihre Schriftsteller, Künstler und Sänger bekannt ist, aber seit kurzem auch als Wiege für Terroristen. Er ist das jüngste Kind einer Bauernfamilie, in der vor ihm keiner lesen und schreiben konnte. Sein Vater starb, als er sehr klein war (er ist der einzige Überlebende von 11 Brüdern), so zog er nach Dschidda und nach Riad. In den Siebzigern wurde er von der militanten wahabitisch-sunnitschen Bewegung unter Juhayman al-Otaibi rekrutiert, dessen Anhänger im November 1979 Tausende in der Großen Moschee während des Freitagsgebets als Geiseln nahmen. Das Ereignis ging als Belagerung von Mekka in die Geschichte ein. Doch Khal wurde als junger Muezzin durch das Kino gerettet. 1979 war er von der Gruppe bereits ausgeschlossen worden, weil er sich immer wieder davongeschlichen hatte, um ins Kino zu gehen.

Lob der Kunst

Literatur und Film hält Khal für befreiende Alternativen zu erdrückenden Auslegungen der Religion. „Kunst ist der einzige Weg, um den Horizont zu erweitern, der direkt vor deinen Augen liegt, anstatt sich von Hemmungen und Verboten einschränken zu lassen. Mit der Kunst kann man neue Räume eröffnen und den Menschen ein Gefühl dafür geben, wie menschliche Wesen fühlen sollten.“ Khal, der an der Universität in Dschidda Politik studiert hat, hält Juhaymans Bewegung für die Quelle „aller Probleme des Landes“.

Sie sei die erste Bewegung gewesen, die die Religion gegen Weiterentwicklung, Fortschritt und Modernität ins Feld geführt habe. Obwohl der Aufstand in Mekka niedergeschlagen wurde, habe „der Staat Juhaymans Gedankengut angenommen, um seine religiösen Anhänger zu beschwichtigen: kein Fernsehen, kein Gesang, keine Kinos. Das Ergebnis ist der Terrorismus – dazu gehören auch al-Qaida und 9/11 – der den saudischen Staat gefährdet.

Kurz bevor Khal als diesjähriger Gewinner des International Prize for Arabic Fiction bekanntgegeben wurde, gab es einen Brandanschlag auf den literarischen Zirkel Al-Jouf in Dschidda, zu dessen Direktoren Khal zählt. Der Klub war gerade neu aufgebaut worden, nachdem er schon im Januar 2009 niedergebrannt worden war, weil hier auch weibliche Autorinnen zu Gast waren. Doch Khal wertet den Anstieg literarischer Zirkel in Saudi-Arabien als Zeichen für einen revolutionären Umschwung unter der jungen Generation. Bereits 2004 schrieb er, die saudische Gesellschaft sei „längst nicht mehr so verhalten wie früher. Die anhaltende Kommunikationsrevolution hat dazu geführt, dass die fanatische Haltung sich zu lockern beginnt“.

Seine Romane haben zuhause viele Leser, die sich ihre Bücher im Ausland, online oder auf Buchmessen im Königreich kaufen. Dort, so Khal, würden die Zensurbehörden „10 Tage lang bei einem Katz-und-Maus-Spiel die Augen zudrücken“. Einige Händler bevorraten sich bei diesen Messen mit Büchern, die sie unter der Landetheke verkaufen. „Das Schöne ist, dass Saudi-Arabien eine Nation von Lesern ist. Da die Menschen so lange von Büchern und Informationen ferngehalten wurden, gibt es eine Lese-Revolution. Die Leute suchen nach Autoren, deren Werke nicht verfügbar sind. Sie haben das Gefühl, dass wir ihre eigenen Gedanken aussprechen.“

Wie frühere Gewinner des IPAF, darunter Bahaa Taher, dessen Roman Sunset Oasis im vergangenen Jahr von Sceptre veröffentlicht wurde und Youssef Ziedan, wird Khal nun vermutlich auch Leser in vielen anderen Sprachen erreichen. Als ich ihn frage, ob der Preis dazu beitragen wird, dass seine Bücher oder auch die anderer verbotener saudischer Schriftsteller in seiner Heimat besser verfügbar sein werden, äußert er sicher weniger hoffnungsvoll. Zumindest „öffne sich ein Fenster. Von uns Söhnen des Golfs scheint man zu denken, wird hätten nur Ölreserven und kein kreatives Potential.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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15:30 19.04.2010
Geschrieben von

Maya Jaggi | The Guardian

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The Guardian

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