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Information Wann fing der Mensch an, sich durch Schriftzeichen zu verständigen? Vielleicht schon Zehntausende Jahre früher als gedacht, glauben zwei Forscherinnen

Wer die Höhlen von Pech Merle, Font-de-Gaume und Rouffignac in Südfrankreich besucht, wird Zeuge eines der atemberaubendsten Kunstwerke, das unser Planet zu bieten hat. Zeichnungen von Bisons und Löwen leuchten auf den Wänden, Pferdeherden, Nashörne, das seltsame Mammut und das Wisent defilieren über den Stein. Viele der Tiere sind in lebendigen Farben gezeichnet, mit einem Sinn für Perspektive und anatomische Details. Die Zeichnungen in Rouffignac wurden auf 13.000 Jahre vor unserer Zeit datiert, die Malereien in Chauvet und Lascaux sind vermutlich mehr als 30.000 Jahre alt. Festgehalten in Linien aus Ocker und Kohle gemischt mit Spucke und Fett, zeigen die Zeichen, dass die Jäger und Sammler unter unseren Vorfahren die Welt auf verblüffend differenzierte Weise darzustellen vermochten.

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt dieser Kunst, der in vielen Arbeiten bisher keine Erwähnung fand und Forschern jetzt neue Einblicke in die jüngere Evolution des Menschen erlaubt. Anstatt Pferde und Wisente zu studieren, untersuchte man die Symbole, die neben den Tieren zu finden sind. Manche dieser Zeichen stehen in Gruppen, andere einzeln oder zu zweit, wieder andere sind mit den Tieren verknüpft. Es gibt Dreiecke, Quadrate, Kreise, Halbkreise, offene Winkel, Kreuze und Punkte, aber auch komplexere Symbole: Hände mit gekrümmten Fingern („negative“ Hände), Folgen parallel angeordneter Linien (Fingerspuren), verzweigte Linien oder kleine, häuserähnliche Zeichnungen, die tektiforme Symbole heißen. Insgesamt wiederholen sich 26 Zeichen in allen Höhlen. „Sie tauchen überall auf, aber niemand nimmt sie wahr“, sagt Genevieve von Petzinger von der University of Victoria in British Columbia. „Werner Herzog zum Beispiel hat sich in seiner Dokumentation über Chauvet, die Höhle der vergessenen Träume, völlig auf die Pferde- und Nashornmalereien konzentriert. Die Kamera fegt über die Symbole weg, als seien sie gar nicht da.“

Ein Fehler, wie die kanadische Forscherin glaubt: Die Zeichen belegen klar, dass unsere Vorfahren damals von der realistischen Darstellung von Ideen – wie Abbildungen von Wisenten und Mammuts – dazu übergingen, Konzepte symbolisch darzustellen. In manchen Fällen scheinen die Symbole von verstümmelten Tierzeichnungen zu rühren, die schließlich zum Symbol für das ganze Tier wurden. Eine geschwungene Linie etwa, die in Malereien den Rücken eines Pferdes zeigt, steht in anderen Darstellungen schließlich für das ganze Pferd.

Eine Kette aus Hirschzähnen

Gemeinsam mit ihrer Kollegin April Nowell hat von Petzinger eine Datenbank von allen Symbolen erstellt, die man aus den mehr als 200 Höhlen in Frankreich und Spanien kennt. Sie will wissen, wann und wo die Zeichen zuerst benutzt wurden, in welchen Kombinationen sie auftreten, und wie sie den Mustern auf anderen Gegenständen jener Zeit ähneln. Die Ergebnisse sind aufsehenerregend: Viele Symbole sind in spezifischen Clustern angeordnet, die sich in den verschiedenen Höhlen immer und immer wiederholen.

„Es gibt ein bestimmtes Muster in der Art und Weise, auf die diese Zeichen benutzt wurden“, sagt von Petzinger, die gemeinsam mit Nowell erstmals gezeigt hat, dass die Symbole keine abstrakten Kritzeleien sind, sondern vermutlich ein Code, der vor 30.000 Jahren von den Cro-Magnon-Menschen in Europa benutzt wurde. Bestätigt sich von Petzingers und Nowells Annahme, dass bereits unsere steinzeitlichen Vorfahren zu schreiben versuchten, würde sich das Alter der Schrift von 6.000 auf einen Schlag verfünffachen – auf 30.000 Jahre.

„Das ist nicht Schreiben, wie wir es heute verstehen“, sagt Nowell. „Aber wir haben Muster in den Symbolen gefunden, und vielleicht gelingt es uns irgendwann, ihre Bedeutung zu entschlüsseln.“ Ein bestimmtes Set von fünf Symbolen – II ^ III X II – scheint dabei besonders verbreitet zu sein. Von Petzinger hat diese Zeichenfolge jetzt auch nördlich von Bordeaux, in St. Germain de la Rivière, entdeckt. „Das Skelett einer jungen Frau, die etwa vor 15.500 Jahren lebte, trug eine Halskette aus Rothirschzähnen. Drei dieser Zähne waren eingeritzt: II ^ steht auf einem, III auf dem zweiten; und X II auf dem dritten. Damit haben wir alle fünf Symbole auf einer Halskette.“

Rothirsche gab es zu jener Zeit allerdings nur in Spanien – die Kette muss durch Tauschhandel nach Norden gelangt sein. Aber waren die Symbole schon eingeritzt worden, bevor das Schmuckstück Frankreich erreichte? Das würde bedeuten, dass die Lebensgemeinschaften von Jägern und Sammlern damals bereits durch eine grobe Form von Schriftverkehr miteinander verbunden waren. Vielleicht bilden die Symbole die Lettern eines Namens oder einer religiösen Botschaft. „Die Rothirschzähne liefern uns auf jeden Fall wichtige Informationen“, sagt Nowell. „Sie legen nahe, dass die fünf Symbole drei einzelne Bedeutungen umfassen. Das konnten wir aus den Höhlen nicht folgern, weil die Symbole dort immer gemeinsam erscheinen.“

„Eurozentrischer Unsinn“

Die Zeichen könnten also eine Revolution in der Übermittlung von Information spiegeln. Die Frage ist nur: Wann hat der moderne Mensch sie entwickelt und zuerst benutzt? Ist es denkbar, dass unsere Vorfahren sie schon aus Afrika mitgebracht haben, vor ungefähr 70.000 Jahren? Hier offenbaren sich Gräben in der Paläoanthropologie. Forscher wie Richard Klein aus Stanford oder Nicholas Conard aus Tübingen verweisen auf die Funde in den Höhlen Spaniens und Frankreichs, als Beleg dafür, dass Musikinstrumente, Boote und religiöse Gegenstände erstmals vor 35.000 Jahren entstanden sind. Sie vermuten einen intellektuellen Sprung (Great Leap) infolge von Mutationen des menschlichen Erbguts zu dem Zeitpunkt, als der Mensch Europa besiedelte. Und dann gibt es Wissenschaftler wie Alison Brooks aus Washington oder Peter Mitchell aus Oxford. Mitchell bezeichnet die Great-Leap-Theorie als „eurozentrischen Unsinn“. Er und seine Kollegen vermuten, dass der Mensch seine hohe intellektuelle Leistungsfähigkeit schon aus Afrika mitbrachte. Jüngste Funde aus Südafrika umfassen Pfeilspitzen aus Feuerstein und wunderschönes Ockerhandwerk, die nahelegen, dass Schmuck und Kunst bereits vor 70 bis 90.000 Jahren entstanden sind.

Noch reicht von Petzingers und Nowells Forschung nur in die Zeit des vermuteten Great Leap zurück. Einige Symbole konnte man neben künstlerischen Objekten aber auch in Fundstätten wie Südafrikas Blombos-Höhle finden. „Die Menschen von Chauvet gingen eindeutig sehr vertraut mit den Zeichen um“, sagt von Petzinger. „Sie kannten sie schon eine lange Zeit.“

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Geschrieben von

Robin McKie | The Guardian

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