Stolz, Zuversicht und Hoffnung

Libyen Jetzt, wo Gaddafi besiegt ist, dürfen die Libyer nicht zulassen, dass sein dunkles Vermächtnis ihren Traum von Freiheit zunichte macht, meint der Autor Hisham Matar

Wir sind Muammar Gaddafi los. Nie hätte ich gedacht, dass ich einst diese Wort würde schreiben können. Ich dachte, ich würde vielleicht eines Tages schreiben müssen: "Gaddafi ist an Altersschwäche gestorben"; ein furchtbarer Satz, nicht nur der eigentlichen Bedeutung nach, sondern auch, wenn man bedenkt, welch trostlose, zur Passivität verurteilte Zukunft er versprochen hätte. Die Aufständischen haben Tripolis erreicht. Wir haben die Freiheit mit unseren eigenen Händen ergriffen, mit unserem eigenen Blut für sie bezahlt. Niemand wird sie nun eifriger behüten als wir.

Dieser Sieg ist für die Libyer von so ungeheuer großer Bedeutung wie für jede andere Nation, die ihre Zukunft selbst bestimmen möchte. Gaddafi hat versucht, Leuten wie dem syrischen Diktator Bashar al-Assad eine Lehrstunde darin zu erteilen, wie man den Aufstand der Zivilbevölkerung niederschlägt. Assads Gewaltverbrechen zeigen nicht nur die Dummheit seines Regimes, sondern auch, wie sehr sich dies von dem libyschen Beispiel inspirieren ließ. So wie die Bevölkerungen der arabischen Welt Stärke und Zuversicht aus den Siegen ihrer Nachbarn gezogen haben, haben auch die arabischen Diktatoren beobachtet, wie die anderen mit dem Protest umgehen.

Es ist entscheidend, dass der tunesisch-ägyptische Domino-Effekt in Libyen nicht zum Erliegen gekommen ist. Die Bevölkerung Syriens ist nun stärker und auch wenn ich hoffe, dass ihr die Opfer, die wir bringen mussten, erspart bleiben, so weiß ich doch, dass ihre Herzen heute tapferer sind als sie dies noch gestern waren. Es gibt Augenblicke in der Geschichte, in denen die Brüderlichkeit zwischen den Völkern nicht mehr länger nur eine abstrakte Idee zu sein scheint. Die libysche Revolution hat jede totalitäre Herrschaft und die Macht eines jeden Tyrannen infrage gestellt. Sie hat die grundlegendste Zutat eines jeden Aufstandes zu Tage gefördert: Die Fähigkeit eines Volkes, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.

In den Herzen das Andenken bewahren

Die vergangenen sechs Monate haben nicht nur Gaddafis Herrschaft beendet, sondern auch die Mythen aus der Welt geschafft, die von seiner gewaltigen PR-Maschinerie in die Welt gesetzt wurden - verwaltet von Firmen in London und New York und unterstützt von westlichen Regierungen und Unternehmen, die gerne mit dem Diktator Geschäfte machen wollten. Mitanzusehen, wie Gaddafis Schergen von angesehenen Nationen mit Respekt empfangen wurden, war für viele Libyer eine ständige Quelle der Wut, des Schmerzes und der Isolation. Jetzt hat sich das wahre Wesen von Gaddafis Regime auf grausamste und makaberste Art und Weise gezeigt. Die Tötungen und Plünderungen der vergangenen Monate haben selbst jene Libyer beunruhigt, die mit der Diktatur vertraut waren und ihre früheren Verbrechen kannten.

Die Libyer haben erstaunliche Widerstandskraft und großen Mut bewiesen. Fast ein halbes Jahrhundert lang war unsere nationale Erfahrung fast ausschließlich von Scham, Schmerz und Furcht geprägt. Jetzt sind Stolz, Zuversicht und Hoffnung unserer Verbündeten.

Wir müssen heute aber auch, mehr als an jedem anderen Tag, jener gedenken, die seit dem 17. Februar gestorben sind, wie auch der vielen, die zuvor ihr Leben lassen mussten. Wir müssen in unseren Herzen das Andenken an die Studenten bewahren, die in den Siebzigern gehängt wurden; die Dissidenten, die in den Achtzigern im Fernsehen vorgeführt und dann später in Stadien ermordet wurden; an diejenigen, die in den Neunzigern spurlos verschwunden sind; die Internet-Dissidenten der frühen Nullerjahre und die jungen Löwen, die sich den Panzern in Jeans entgegengestellt haben. Wir müssen unsere Toten ehren, unsere Plätze und unsere Frauen, die vergewaltigt wurden.

Jetzt beginnt der Aufbau

Jetzt stehen wir vor der Herausforderung, in einem Land eine Demokratie aufzubauen, dessen Institutionen und Zivilgesellschaft die vergangenen 42 Jahre stranguliert wurden. Es wird Rückschläge und Fehler geben, aber anders kann man nicht lernen. Wir haben Gaddafi auf dem Schlachtfeld besiegt, jetzt müssen wir ihn in unseren Köpfen besiegen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sein dunkles Vermächtnis unseren Traum korrumpiert und uns auf das einzig wahre Ziel konzentrieren: Einheit, Demokratie und die Herrschaft des Gesetzes. Lasst uns nicht von Rache sprechen, das würde nur unsere Zukunft schmälern.

Einer der Rebellen, die in Zawiya kämpften, sagte: „Nach Jahren, in denen wir nicht gewusst haben, was wir machen sollen, wissen wir nun ganz genau, was wir zu tun haben.“ Jetzt beginnt der Aufbau. Wir müssen von den Errungenschaften unserer tunesischen und ägyptischen Nachbarn lernen und wie sie versuchen, unseren alten Herrschern einen fairen Prozess zu machen. Sie müssen zur Verantwortung gezogen werden. An ihnen darf keine Rache vollzogen werden.

Hisham Matar wurde 1970 in New York als Sohn libyscher Eltern geboren und wuchs zunächst in Tripolis, später in Kairo auf, wohin die Familie 1979 floh. In seinem aktuellen Roman Geschichte eines Verschwindens (Luchterhand) verarbeitet er den Fall seines Vaters, der 1990 von Ägypten an Libyen ausgeliefert wurde und verschwand. Hisham Matar lebt seit 1986 in London.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt

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17:10 23.08.2011
Geschrieben von

Hisham Matar | The Guardian

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The Guardian

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