Stranger Than Fiction

Dokumentarfilm Dokumentationen erfreuen sich bei Machern und Publikum großer Beliebtheit. Mehr als Kamera, Laptop, Action braucht es meist nicht, um erfolgreich zu arbeiten

„Die Dokumentarfilmerei hat gegenwärtig etwas von Malaria“, sagt Hussain Currimbhoy, der mit dem Sheffield Doc/Fest die wichtigste Veranstaltung für neue internationale Dokumentarfilme kuratiert. „Es ist ein Virus, der sich schnell und weit ausbreitet.“ In diesem Jahr lag ein Schwerpunkt des Festivals auch auf Low-Budget-Filmen über Alltag und Politik im Nahen Osten, die von Menschen gemacht wurden, die, wie Currimbhoy sagt, ein dringendes Bedürfnis haben, ihrer Geschichten zu erzählen und es sich nun endlich leisten können, dies in Gestalt eines Filmes zu realisieren. Er ist aufrichtig begeistert und das selbst über die Filme, die ihm unverlangt zugesendet wurden und es nicht ins Programm des Festivals geschafft haben.

„Es gibt da draußen definitiv eine neue Energie. Vor allem junge Filmemacher wenden sich zunehmend Dokumentationen zu, um sich einen Reim auf die Welt zu machen, in der sie leben. Sie sind wachsamer und misstrauischer gegenüber den Mainstream-Medien und sehnen sich nach einer Form, die auf direkte Weise von realen Vorgängen erzählt, selbst wenn diese Form oft holprig oder sehr einfach gehalten ist. Es sind sehr aufregende und innovative Zeiten für den Dokumentarfilm.“

Diese Einschätzung wird von der jungen britischen Regisseurin Lucy Walker geteilt, deren jüngster Film Waste Land in den USA seit seinem dortigen Kinostart vor zwei Wochen hymnisch besprochen wird. Er begleitet den Künstler Vik Muniz bei seiner Reise von Brooklyn in sein Geburtsland Brasilien, wo dieser eine ungewöhnliche kreative Zusammenarbeit mit den „Catadores“, den Müllsammlern eingehen möchte, die sich auf der größten Müllhalde in Rio de Janeiro ihren Lebensunterhalt zusammensuchen. Der Film handelt Walker zufolge von der „transformativen Kraft der Kunst“. Er bediene sich der Grammatik des fiktionalen Filmemachens um eine Geschichte aus dem wahren Leben zu erzählen, die so erhebend und tröstlich ist wie jeder fiktionale Wohlfühl-Film.

„Ich bin wirklich der Ansicht, dass wir in einem goldenen Zeitalter des Dokufilmens leben“, sagt Walker am Telefon aus Los Angeles, wo sie sich auf ihrer Werbetour für den Film gerade befindet. „Es existiert eine gewisse Frustration gegenüber den traditionellen Medien und ein Bedürfnis nach integren Dokumentationen. Als er in die Kinos kam, war mein Film bei dem, was sie „durchschnittliche Besucherzahl pro Vorführung“ nennen, an den Abendkassen die Nummer eins. Von allen Filmen, die in Amerika liefen, hatte eine portugisisch-sprachige Doku über das Leben auf einer Müllhalde in Südamerika die meisten Zuschauer pro Vorführung im ganzen Land. Das sagt mir, dass die Menschen nach größeren Wahrheiten in Bezug auf die Art und Weise, wie wir heute leben, suchen, als sie von Hollywood und den traditionellen Medien bekommen.“

Zu einem bestimmten Grad war dies schon immer der Fall, heute aber, wo hochwertige Digitalkameras und Laptop-Technologie immer erschwinglicher werden, ist es möglich geworden, den eigenen Film in einem Bruchteil der Zeit und mit einem Bruchteil der Kosten selbst vorzubereiten, zu drehen und zu schneiden, die ein traditioneller Film erfordern würde. In vielerlei Hinsicht hat die kostengünstige Technologie das Filmemachen für eine neue Generation attraktiv gemacht, die für die Langsamkeit des traditionellen Drehbuch-basierten Filmemachens keine Zeit und Geduld hat. „Ich habe vier Jahre mit der Entwicklung eines Spielfilms zugebracht, bin durch die Hölle gegangen und am Ende wurde der Film nie realisiert“, sagt Walker dickköpfig. „Ich habe meine Zeit nicht zu verschenken. Ich will weiterkommen und Filme machen, die ich für notwendig halte.“

Billige Digitalkameras und Software haben auch dazu geführt, dass neben kämpferisch-politischen Filmen wie Walkers Nuklearwaffen-Doku Countdown to Zero oder Charles Fergusons Inside Job, einem fesselnden und zielstrebige Exposé der skrupellosen Finanzzaren hinter dem weltweiten Finanzcrash von 2008, eine Reihe kleiner, exotischer Dokus entsteht, von denen viele die Möglichkeiten des Genres bis an die Grenze des Zumutbaren ausreizen.

In Exit Through the Gift Shop bringt Streetart-Künstler Banksy, der wie kaum ein anderer den Kunstbetrieb aufs Korn nimmt, unsere Wahrnehmung auktorialer Verlässlichkeit durcheinander und nimmt das Publikum mit auf eine unterhaltsam selbstreferenzielle Achterbahnfahrt, die möglicherweise mehr über die groteske Sinnlosigkeit der gegenwärtigen Jugendkultur aussagt, als beabsichtigt war.

Eine der bahnbrechendsten Dokus des Jahres ist aber gleichzeitig eine der formal wie emotional komplexesten. The Arbor ist ein Film über das kurze und brutale Leben der Bühnenautorin Andrea Dunbar, die im Alter von 29 Jahren an den Folgen von Alkoholmissbrauch starb. Regisseurin Clio Barnard inszeniert mit Schauspielern aus der Siedlung in Bradford, in der Dunbar aufwuchs, noch einmal kurze Auszüge aus deren Arbeiten: Sie lässt Schauspieler auch zu Originalaufnahmen von Dunbars Freunden, Familie und ihren erwachsenen Kinder lippensynchron sprechen. Dies führt Guardian-Filmkritiker Peter Bradshaw zufolge zu einer Art „hyper-realer Intensivierung der Schmerzen in Dunbars Leben und Werk.“

Eher hilflos, als wütend

Viele Arbeiten markieren auch eine grundsätzliche stilistische wie thematische Verschiebung in Richtung auf das Emotionale und Solipsistische hin. Der in den USA meistdiskutierte Film Catfish ist hierfür ein gutes Beispiel. Die Dokumentation für und über die Facebook-Generation wurde, Co-Regisseur Henry Joost zufolge „mithilfe von Technik realisiert, die jedem zugänglich ist. Man kann heute eine handelsübliche Kamera für 400 Dollar oder sogar weniger kaufen, die in HD aufnimmt und deren Filme auch auf der Kinoleinwand immer noch recht gut aussehen. Es ist wirklich der Augenblick in der Geschichte des Films, wo jeder es machen kann. Catfish ist im Wesentlichen ein Film über Narzismus und Selbsttäuschung im Zeitalter der sozialen Netzwerke. Ich fragte mich am Ende des Films, ob das wirkliche Leben jemals so unwirklich sein könnte, wie es hier geschildert wird. Sehen wir einen Film, der sich entlang der Ereignisse entwickelt, von denen er berichtet, oder eine retouchierte Version dessen? Und wenn ja, wie retouchiert?"

Catfish könnte eine Ära einläuten, in der das Alltägliche zum Hauptsujet von Dokumentationen wird, wie es in der Fotografie bereits geschehen ist. Mit ein oder zwei Ausnahmen, scheinen alle in dem Film ein Leben zu leben, das so sehr durch die Grammatik von Reality TV und Doku-Dramen vermittelt wird, dass sie sich verhalten, als wüssten sie einerseits gänzlich Bescheid und wären gleichzeitig bewusst naiv. Vielleicht sagt Catfish, wie Banksys Film, letzten Endes mehr über die emotionale Seichtigkeit der Kultur, die er offenbart, als seine Macher beabsichtigten.

„Es herrscht ein Gefühl vor, dass es mit den großen Erzählungen vorbei ist und die Leute in einer Zeit der Unsicherheit leben. Der Dokumentarfilm spiegelt dies zunehmend wider“, sagt der Filmemacher Adam Curtis, der zwei bahnbrechende Doku-Serien für die BBC gedreht hat: The Century of the Self und The Power of Nightmares, die beide auf ihre eigene Art und Weise zeigen, wie die Ideologie der Macht sich auf kollektive Vorstellungen auswirkt. „Traditionell waren Dokumentationen fortschrittlich. Sie provozierten oder inspirierten uns etwas zu tun. Ich würde behaupten, dass dies nicht mehr funktioniert, seit Politiker zu Managern geworden sind und selbst gut gemeinte Filme mit großen Budgets, wie Al Gores An Inconvenient Truth machen einen eher hilflos und perplex als wütend und politisieren einen nicht. Das andere Extrem sind dann Filme wie Catfish, die die Intimität von Gefühlen manipulieren.“

Im Jahr 1935 hatte der britische Doku-Film-Pionier Paul Rotha erklärt, eine Dokumentation müsse vor allem die Probleme und Realitäten der Gegenwart widerspiegeln. Rotha war ein sozial engagierter Regisseur, der wie viele seiner Zeitgenossen glaubte, der Dokumentarfilm müsse mithelfen, die Welt zum Besseren zu verändern. Man fragt sich, was er zu The Arbor, Catfish oder Exit Through the Gift Shop gesagt hätte, auf die seine Forderung zwar zutrifft, da sie alle von den „Problemen und Realitäten der Gegenwart handeln“, dies allerdings auf eine Art und Weise, die Rotha nicht vor Augen hatte. Sie wollen nicht die Welt verändern, sondern stellen die Natur oder Realität in Frage, die Wahrheit, ja die Dokumentation selbst.

„Gewiss wird das Format mehr denn je ausgereizt“, sagt Regisseur Kevin MacDonald. „Aber man kann den Begriff Dokumentationen als großen Korb verstehen, in den viele verschiedene Dinge hineinpassen. Wenn man darüber nachdenkt: Journalimus, Briefe-Schreiben, Memoiren, Satire – all dies ist Sachliteratur. Warum also können nicht die gleichen losen Regeln auf Dokumentationen angewandt werden?“

MacDonald arbeitet gerade an der ersten abendfüllenden Dokumentation, die vollständig aus an einem Tag aufgenommenem und bei YouTube eingestellten User-generiertem Content besteht. Diesen impressionistischen Film namens Life In A Day stellt MacDonald gerade aus den 5.000 Stunden Material aus 190 Ländern zusammen. Eine Dreistundenfassung wird beim Sundance-Festival im kommenden Jahr Premiere feiern. „Es handelt sich um Amateurfilmerei im großen Stil“, sagt MacDonald. „Aber, weil die Beteiligten oft solch unglaublich intimen Dinge zeigen, die man in einer traditionellen Dokumentation nie erhalten würde, ohne Monate darauf zu verwenden, ist das Material in einer Weise besonders, die wir nicht erwartet hätten.“

Am Ende, so MacDonald kommt es darauf an, eine gute Geschichte zu erzählen. „Die Ironie besteht darin, dass ich, wenn ich eine Dokumentation mache, immer das Gefühl habe, ich versuche mit all dem realen Material eine fiktionale Geschichte zu erzählen. Wenn ich einen Spielfilm drehe, verfahre ich genau andersherum.“ Dokumentationen seien im Wesentlichen strukturierte Wirklichkeit. Es komme nur dann zu einem wirklichen Bruch, „ wenn eine Dokumentation wirklich zur Fiktion wird. Aber oft genug erweist sich die Realität als bei weitem schräger als alles, was man sich ausdenken könnte.“

Hierin mag der Grund dafür liegen, dass ihre Grenzen gegenwärtig ausgeweitet werden – um mit der zunehmenden Irrealität der wirklichen Welt Schritt halten zu können.

Übersetzung: Holger Hutt

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18:30 09.11.2010
Geschrieben von

Sean O'Hagan | The Guardian

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