Studieren statt skypen

Facebook An der Universität in Harrisburg in Pennsylvania wurden die Zugänge zu Online-Netzwerken gesperrt. Auf einmal hörten Studenten ihren Professoren zu

Angesichts des Aufstiegs sozialer Netzwerke ist es wohl unvermeidlich, dass an immer mehr Orten versucht wird, den Zugang zu Facebook oder Twitter zu blockieren. Burma, China, Iran, Harrisburg in Pennsylvania – die Liste der Namen wird immer länger.

Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania? Kann das sein? Was hat eine Stadt, die für Stahlindustrie und Landwirtschaft bekannt ist, aber bestimmt nicht für Internet-Zensur, auf dieser Liste zu suchen? Die private Universität Harrisburg hat vergangene Woche einen „Blackout“ aller Sozialen Netzwerke eingeleitet. Sie entfernte von ihrem Zentralserver alle Kanäle, über die soziale Medien ansteuerbar sind und schnitt damit den Zugang zu Twitter, Facebook, Instant Massaging Diensten und Video-Chats über Skype ab.

Nicht tippen, direkt ansprechen

Fairerweise muss gesagt werden, dass ein Unterschied zwischen der Aktion der Universität und denen der burmesischen Militärjunta oder der Ajattolahs im Iran besteht. Harrisburg ist eine moderne wissenschaftliche und technische Universität, die seit fünf Jahren besteht und spezialisierte IT-Studiengänge anbietet. Der Gedanke war, in einem Experiment zu überprüfen, welchen Einfluss soziale Medien und Multitasking auf den Uni-Alltag, die Studenten und das Lehrpersonal jeweils haben. Ausgedacht hat sich das Ganze der Rektor der Universität, Eric Darr, der neugierig geworden war, als er eines Abends seine 16-jährige Tochter zuhause beobachtete. „Auf ihrem Laptop war Facebook geöffnet, sie hörte Musik über iTunes, auf ihrem iPhone waren mehrere Apps geöffnet und über Instant Messaging liefen drei Unterhaltungen parallel – und alles zur gleichen Zeit“, erzählt er. „Mir fiel auf, wie sehr alles davon durchdrungen war, nicht unbedingt in einem negativen Sinn. Ich fragte mich, was passieren würde, wenn das alles weg wäre.“


Am vergangenen Montag sperrte die Universität die Zugänge zu den Sozialen Netzwerken, so dass ein Zugang über das W-Lan der Universität nicht mehr möglich war. Die Reaktionen der etwa achthundert Studenten reichten von Neugier über Befremden bis zu Empörung.


Darr musste miterleben, wie einer seiner Studenten geradeheraus stöhnte, er wisse nicht, womit er sich ohne Facebook auf seinem Laptop im Seminar beschäftigen solle. Darr: „Ich stand direkt vor ihm. Ich erklärte ihm, notfalls gäbe es immer noch die neuartige Idee, dem Professor zuzuhören.“ Die 18-jährige Alexis Rivera, die Kurse in Internet-Sicherheit belegt, erklärte sie sei überrascht gewesen, welche Auswirkungen es hatte, nicht mehr an die von ihr heißgeliebten Dienste von Facebook und Skype angeschlossen zu sein. „Es ist viel besser“, sagte sie. „Ich kann mich besser konzentrieren.“


Gelungenes Experiment

Harrisburg zählt zu den Universitäten, an denen die Studenten in den meisten Seminaren vor ihren Laptops sitzen. In einer gewöhnlichen Vorlesung hatte Rivera auf ihrem Computer AOL, Yahoo, MSN und Skype geöffnet, bis zu sieben Chats verfolgte sie parallel. „Meistens chattete ich mit anderen Leute im Seminar darüber, wie langweilig es ist“, erzählt sie. Ohne diese Ablenkungen machte sie sich vergangene Woche jedoch mehr Notizen und hörte aufmerksamer – und mit größerem Verständnis – zu. Sie erledigte mehr Hausaufgaben. Zuvor hatte sie oft verpasst, was für die nächste Sitzung zu tun war, da sie so beschäftigt mit dem Schreiben von Nachrichten war, dass sie nichts mitbekam. Und sie sei kontaktfreudiger geworden, sagt sie. „Ich bin viel gesellliger. Ich spreche andere öfters direkt an, anstatt nur dazusitzen und zu tippen.“


Andere waren weniger begeistert. Einigen Computer-Nerds der Uni ist es gelungen, über kanadische und norwegische Server Zugang zu bekommen oder sie verwendeten eine Proxy-Website um die Firewall zu durchbrechen. Einige Studenten schlüpften ins nahe gelegene Hilton-Hotel, um dessen W-Lan zu nutzen.

Giovanni Acosta hätte zwar gewusst, wie er die Sperre hätte umgehen können, doch er entschied sich dagegen, weil ihn der Ausgang des Experiments interessierte. Zuerst sei er nervös geworden, sagt er: „Ich musste Facebook abrufen, obwohl ich wusste, dass ich nicht reinkomme. Ich tat das etwa alle zehn Minuten, immer wieder und wieder. Doch jetzt ist der Drang weg. Ich habe gelernt, wie sehr abgelenkt ich wirklich war.“

Übersetzung: Christine Käppeler

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13:00 21.09.2010
Geschrieben von

Ed Pilkington | The Guardian

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The Guardian

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