Stürmische Nullerjahre

Geschichte Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts ist noch nicht vorüber, soll aber schon Geschichte sein. Britische Historiker diskutieren die Signifikanz der jüngsten Ereignisse

Wie nennt man ein Ansammlung von Historikern? Ein Symposium, ein Kolloqium, einen Disput? Für welche Bezeichnung man sich auch immer entscheidet, beim diesjährigen Hay-Festival, einem Festival für Literatur und Kunst, das jährlich in der walisischen Stadt Hay-on-Wye stattfindet, tummeln sich eine ganze Menge Vertreter dieses Berufsstandes. Damit bietet sich hier eine Gelegenheit, die man auf keinen Fall verpassen sollte. Die Gelegenheit zwei Fragen zu stellen, die da lauten: Ist das Jahrzehnt, welches wir gegenwärtig erleben, wirklich so turbulent, wie es in Anbetracht des Krieges gegen den Terror, der Finanzkrise und dem Klimawandel den Anschein hat? Zweitens: Haben die Geschichtskundigen schon irgendetwas Stichhaltiges über die Nullerjahre dieses Jahrhunderts zu sagen? Oder ist es noch zu früh für eine Bewertung?

Andrew Roberts, Medienkombattant und Historiker, hegt keine Zweifel daran, dass wir in interessanten, vielleicht sogar katastrophischen Zeiten leben. „Diese Dekade ist extrem turbulent,“ sagt er. „9/11 wird in den Geschichtsbüchern unserer Kinder ganz klar als das Ende des einen Kapitels und als der Beginn eines nächsten behandelt werden. Hinzu kommen der ökonomische Kollaps und das momentan herrschende Fin de Siècle-Gefühl.“

Der Spesenskandal im britischen Unterhaus zähle allerdings nicht zu den großen Umbrüchen unserer Zeit: „Ich gehe nicht davon aus, dass der Spesenskandal konstitutionelle Konsequenzen haben wird. Es wird einfach zu einem Wahlkampfthema werden, muss dabei aber noch nicht mal eine so großes Sache sein, wie wir jetzt annehmen.“ Die geopolitischen Schlüsselthemen sind Roberts Ansicht nach der Terrorismus, der radikale Islam und die Verbreitung von Kernwaffen, besonders die Aussicht auf eine Nuklearmacht Iran. Auch der Finanzkrise schreibt er das Potenzial für eine Große Depression, die eine Generation prägen wird.

Dieser Art historischer Big-Bang-Theorie mag der Geschichtsprofessor Richard Overy von der Universität von Exeter sich nicht anschließen. Der Autor des Buches The Morbid Age: Britain Between The Wars, hat am vergangenen Wochenende auf dem Hay-Festival einen brillanten Vortrag gehalten, in welchem er Parallelen zwischen dem empfundenen Niedergang im Großbritannien jener Jahre und unserer heutigen Zeit aufzeigte und davor warnte, wieder in dieselbe Katastrophenfalle zu tappen.

Zu früh zu sagen

Overy kann sehr überzeugend beschwichtigen: „Ich sage: ‚Beruhigen Sie sich’“, erzählt er. „Gegenwärtig sind viele langfristige Veränderungen im Gange, auf welche die Ereignisse diesen oder des nächsten oder dem darauf folgenden Jahres keinen großen Einfluss haben werden. Betrachtet man die gesamte Menschheitsgeschichte und nicht bloß die letzten zehn Jahre, stellt man fest, dass die Menschen unglaublich anpassungsfähig und flexibel sind. Sie kommen mit allem klar, was über sie hereinbricht. Momentan betrachten wir uns selbst als negative, vom Staat kontrollierte Wesen, die von unseren Computern abhängig sind und in einem riesigen Feuerball untergehen werden. Dem ist aber einfach nicht so.“

Weiter erörtert er, die Regierungen hätten den Krieg gegen den Terror benutzt, ihre eigenen Zwecke zu verfolgen und dabei bewusst Ängste geschürt, um repressive Regelungen durchsetzen zu können. Die politische Linke wird das gerne hören. Weniger Anklang werden dort wohl Overys Ansichten zum Klimawandel finden. Ob der nämlich wirklich von den Menschen verursacht worden sei, meint der Geschichtsprofessor, sei noch gar nicht letztgültig bewiesen. „Es hat viele Zeiten gegeben, in denen das Klima sich viel stärker erwärmte oder abkühlte. Im 15. Jahrhundert gab es in East Anglia Weintrauben und Aprikosen. Und das hatte nichts mit Industrie oder Autos zu tun.“

Weitgehende Zustimmung erhält Overy von Richard Evans, der an der Universität von Cambridge Neuere Geschichte lehrt und in Hay einen Vortrag hielt, in dem er sich auf den dritten und letzten Band seiner Geschichte des Dritten Reiches stützte. Gefragt, ob der 11. September 2001 einen Wendepunkt dargestellt habe, wehrt er ab: „Alles was ich dazu sagen würde, ist das was Zhou Enlai sagte, als er nach den Auswirkungen der Französischen Revolution gefragt wurde – zu früh zu sagen.“ Historiker misstrauen umgehenden Urteilen. Der Purist Evans denkt, der Nebel, der die Interpretation so schwierig mache, könnte sich nach 30 oder 40 Jahren lichten.

Journalismus des Augenblicks

„Das, was Journalisten und die lesende Öffentlichkeit interessiert, unterscheidet sich häufig erheblich von dem, was Historiker interessiert. Für Journalisten ist der Augenblick von Interesse, wohingegen Historiker über längerfristige Entwicklungen schreiben.“ Ähnlich drückt es auch Overy aus: „Die Schlagzeilen verschleiern einige der zugrunde liegenden Kontinuitäten, oder Dinge, die nicht schädlich oder gefährlich sind, aber nichtsdestoweniger einen großen Einfluss auf die Zukunft haben.“ Daran seien allerdings nicht ausschließlich Journalisten beteiligt, sondern auch mancher Historiker, der bei der Darstellung „dramatischer Momente“ übertreibe.

Niall Ferguson, der zuletzt das Buch The Ascent of Money verfasst hat, hält alle Jahrzehnte für stürmisch. „Nennen Sie mir doch mal eines, das es nicht war.“ Wie wäre es mit den Fünfzigern? Der Gegenbeleg folgt auf der Stelle. „Damals gab es enorm viel Aufheben um die Suez-Krise, den Zusammenbruch der Imperien der Welt, den Einmarsch der Sowjets in Budapest .... Es gibt kein krisenfreies Jahrzehnt. Eine Dekade ist ein künstliches Konstrukt: Wir weisen ihnen immer eine Charakteristik zu, weil das vom journalistischen Standpunkt aus betrachtet reizvoll ist. Es handelt sich dabei jedoch um willkürlich eingeteilte Perioden. Nur sehr wenige historische Phänomene halten sich wie Züge an diese Zeiteinteilungen.“

Ferguson zufolge ähnelt die derzeitige wirtschaftliche Krise eher der in den siebziger Jahren als der in den Dreißigern. Zudem ist er der Meinung, es seien inzwischen angemessene Gegenmaßnahmen getroffen worden. Die Aufregung um die Spesen-Affäre nennt er „eine völlig provinzielle britische Geschichte, total trivial, das Gegenteil von welthistorisch.“

Die Geschichtswissenschaft rühmt sich, die wirklich bedeutsamen Entwicklungen unter den Dingen, die uns – oft aus Sensationslust – umtreiben, erkennen zu können. Auch Ferguson glaubt, schon etwas Signifikantes ausgemacht zu haben. „Der große Wendepunkt wird nichts mit dem radikalen Islam, oder, wenn wir schon mal dabei sind, den Vereinigten Staaten zu tun haben. Der größte Wendepunkt unserer Zeit ist der Wandel in China, der 1978 begann. Das ist die Wende.“

Gelaufene Rennen

Das letzte Wort zu diesen Fragen soll Eric Hobsbawm gehören, der in Hay ist, um den 90. Geburtstag des Versailler Vertrages – der zwei Jahre vor seiner Geburt unterzeichnet wurde – zu feiern. Er ist durchaus der Meinung, die Nullerjahre dieses Jahrhunderts markierten aufgrund der ökonomischen Krise einen Wendepunkt. Wie weitreichend deren Konsequenzen seien, ließe sich allerdings noch nicht sagen. „Ganz eindeutig ist der Einbruch der Weltwirtschaft das Ereignis, das dieses Jahrzehnt bestimmt. Er scheint mir das Ende einer Phase der Weltgeschichte zu sein, die in den 1970ern begann, als die alte keynesiantisch ausbalancierte Wirtschaft der Nachkriegswelt, die extrem gut – tatsächlich besser, als irgendetwas, das danach kam – funktionierte, dies nicht mehr tat.“ Den Krieg gegen den Terror verurteilt er als „eine von den Bushs erfundene PR-Phrase“. Eine potenzielle neue Gefahrenquelle sieht er in der Instabilität Pakistans. Doch auch hier sei es noch zu früh, mit Genauigkeit sagen zu können, wie es weitergehen werde.

Wann werden die Historiker zu einer endgültigen Bewertung dieses Jahrzehnts gelangt sein? „Ich glaube nicht, dass sie jemals zu einer endgültigen Einschätzung kommen werden,“ meint Hobsbawn hierzu. „Die Sichtweise hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. So wie ich, wenn ich auf die Fünfziger zurückblicke, von heute aus eine andere Betrachtungsweise habe, als ich sie in den Siebzigern hatte, werden die Menschen im Jahr 2030 anders zurückblicken, als in den 2040ern. Meiner Meinung nach existiert so etwas wie eine endgültige Einschätzung nicht.“ Auch um Vorhersagen braucht man den britischen Historiker gar nicht erst bitten. „Die einzigen Rennen, die wir vorhersagen können, sind diejenigen, die schon gelaufen wurden.“ Auch große Historiker – und vielleicht gar nur die größten unter ihnen – kennen ihre Grenzen.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Ihre Freitag-Redaktion

12:00 02.06.2009
Geschrieben von

Stephen Moss, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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