Superstar mit Schleier

Dichtkunst Die saudische Hausfrau Hissa Hilal kritisiert im arabischen Fernseh-Poesie-Wettbewerb "Million's Poet" mit Gedichten das religiöse Establishment – und hat Erfolg damit

Gute Neuigkeiten: Es gibt eine Niqab-Geschichte mit Happy End. In den vergangenen Wochen ist die saudische Hausfrau Hissa Hilal bis ins Finale des arabischen Fernseh-Poesie-Wettbewerbs „Million’s Poet“ marschiert und hat damit die geballte Aufmerksamkeit der arabischen Welt auf sich gezogen. Die Sendung ist, um es mit den Worten von Guardian-Autor Nick Shenker zu sagen, „eine wahnsinnig erfolgreiche Reality-TV-Show, die es schafft, 70 Millionen Zuschauer aus dem arabischen Raum zu fesseln, obwohl es in ihr um nichts anderes als eine obskure Form von Dichtkunst auf Golf-Arabisch geht“. Nicht nur, dass Hissa mit ihrem Gesichtsschleier bis in die Endrunde der Sendung kam – bemerkenswerter ist eigentlich, dass ihr das gelang, nachdem sie den Zorn konservativer Kreise auf sich gezogen hatte, weil sie Verse dichtete und rezitierte, die das religiöse Establishment kritisierten.

Es gibt mehrere Gründe, weshalb die Nabati-Dichtung, eine uralte Form beduinischer Dichtkunst, die jetzt in einem modernen Golf-Arabisch dargeboten wird, an Popularität gewinnt: Sie wird massiv durch die Regierungen der Golfstaaten subventioniert, die Kultur der Golfstaaten breitet sich allgemein im arabischen Raum immer mehr aus und die bislang populäre Unterhaltungskultur aus den Ländern des östlichen Mittelmeers und aus Ägypten wird zunehmend abgelehnt. Mir persönlich hat sich zunächst nicht ganz erschlossen, was so toll daran sein soll, sich stundenlang Gedichte im Fernsehen anzuhören, insbesondere die ganzen Lobreden auf die königlichen Familien. Aber nach einer Weile war selbst ich, die ich eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne habe, von dem beinahe melodischen Singsang und der metaphysischen Bildsprache bezaubert und bewegt.

Globales TV-Format lokal interpretiert

Obwohl Hissa nur Dritte wurde, stahl sie allen die Schau. Ermutigend ist an ihrem Beispiel nicht nur, dass es hier einer Frau gelang, an einem Wettbewerb teilzunehmen, ihren Mann zu stehen und mit dem Lob der Jury und den Stimmen das Publikums immer weiter zu kommen, sondern auch, dass die Show, die sich am Vorbild allgegenwärtiger Sendungen wie X-Factor, American Idol oder Country’s Got Talent orientiert, ein Vehikel für autochthone, kulturell relevante Inhalte und Künste sein kann. Ein seltener Fall, in dem die Globalisierung der Medien und der Technik nicht einfach zu einer blinden Nachahmung von Formaten aus dem Westen geführt hat.

Star Academy zum Beispiel ist eine der deprimierendsten Sendungen im arabischen Fernsehen. Die Reality-Show ist eine groteske Mischung aus X-Factor und Big Brother. Produziert wird das Angebot, das im ganzen arabischen Raum zu sehen ist, im Libanon. Einige junge Männer und Frauen, die sich in einem Mischmasch aus französisch, englisch und arabisch unterhalten, landen nach einem sorgfältigen Auswahlverfahren in einem Haus, in dem sie den lieben langen Tag dabei gefilmt werden, wie sie für die „Haupt“-Show am Freitagabend üben. Unter der Woche lernen sie Tanzen, Schauspielern und so ziemlich alles vom klassischen arabischen Volkslied bis hin zum aktuellen Rihanna-Hit. Für die Hausbewohner wird ein Image erfunden und dann wieder umgemodelt. Und nach gar nicht allzu langer Zeit verwandeln sie sich in einen Klon jedes anderen Reality-Show-Kandidaten, den es vor ihnen gab. Das Leben nach der Sendung hält für sie eine kurzlebige mittelmäßige Karriere als Pop-Star oder Schauspieler bereit.

Reality-Show als Plattform für kritische Themen

Vergleichen Sie damit nun die nüchterne Darbietung einer Frau mit Talent und Stimme, die im Sitzen klangvoll ohne die Unterstützung von Musik, Licht oder Kameratricks den Status Quo angreift und damit einen enormen Beitrag für die Verbesserung der Situation der Frauen in der Region leistet. Bevor sie ihre Kritik in Gedichtform verpackte, sprach sie die folgende Einleitung: „Der Gegenstand meines Gedichts verlangt heute einiges an Mut. Viele haben Angst, viele schweigen angesichts der Gefahren, die unser Land bedrohen. Viele Dichter sind zu sehr mit ihren persönlichen und flüchtigen Problemen beschäftigt, doch eine Plattform wie diese ist eine Bühne, auf der man kritischere Themen ansprechen muss.“ Sie fuhr fort und sprach über das Übel der Fatwas, die „sich an friedliebenden Geistern gütlich täten“ und kritisierte Gesetze, in denen die Trennung der Geschlechter befohlen wird. Bei Youtube wird eines der Videos dieser Darbietung mit der Zeile angekündigt „Die Schlampe Hissa Hilal greift Scheich al-Barrak und die Religionsgelehrten an“.

Scheich al-Barrak hat eine Fatwa herausgegeben, die zur Hinrichtung aller aufruft, die sich der Trennung der Geschlechter verweigern. Hassi erhielt Berichten zufolge Morddrohungen und sie wurde online für ihre Courage angegriffen, doch ihr Mann, ihre Familie und Millionen von Zuschauern, die sie ins Finale wählten, standen hinter ihr.

Ironischer Weise fuhr sie auch Kritik dafür ein, dass sie ihren Niqab nicht abnahm, um im Fernsehen auftreten zu können. Sie erklärte, der Schleier „behindere weder ihren Verstand, ihre Gedanken, noch ihre Kunst“. Sie bat die Menschen außerdem darum, sie nicht deshalb zu unterstützen, weil sie darauf bestünde, einen Niqab zu tragen. Sie bat darum, nur auf ihre Gedichte zu achten. Diese Botschaft sollten sich ruhig alle, die sich zu sehr mit den Äußerlichkeiten von Frauen beschäftigen, zu Herzen nehmen. Hissa, deren Name treffender Weise auch „Lektion“ bedeutet, scheint mit Erfolg etwas gelungen zu sein, woran viele Männer gescheitert sind. Sie hat die Unterhaltung als Mittel benutzt, um arglistige Elemente innerhalb des religiösen Klerus anzugreifen und Millionen mit ihrer Botschaft zu inspirieren – und das obwohl sie ihr Gesicht nicht sehen konnten.

Übersetzung aus dem Englischen: Christine Käppeler
16:00 13.04.2010
Geschrieben von

Nesrine Malik | The Guardian

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