Ghaith Abdul-Ahad
24.01.2011 | 13:00

Taliban in Teilzeit

Krieg Sie arbeiten auf Europas Straßen und kämpfen in Afghanistans Bergen – unterwegs im Gefechtseinsatz mit den Saison-Dschihadisten von Dhani-Ghorri

Dhani-Ghorri im Norden Afghanistans gleicht einem Flickenteppich aus Feldern, die durch Erdwälle, Pappelbäume und Bewässerungskanäle voneinander abgetrennt sind. Wir fahren in die Region, um den dortigen Taliban-Kommandeur zu treffen. Unsere Begleiter sind Afghanen aus allen Landesteilen. Und dann sind da noch zwei, die sagen, dass sie in Europa leben.

Wir sollen auf den Kommandeur im Haus eines stämmigen, bärtigen Mannes warten, der passables Englisch mit einem leichten Londoner Akzent spricht. Die meiste Zeit, erzählt er, lebe er im Londoner Osten. Drei Monate komme er jedoch jedes Jahr nach Afghanistan, um zu kämpfen. Wir erfahren, dass er ein Mullah und Taliban-Kommandeur der mittleren Ebene ist. „In London arbeite ich als Taxifahrer“, sagt er. „Ich verdiene gutes Geld damit. Aber diese Leute sind meine Freunde und meine Familie und es ist meine Pflicht, hierher zu kommen, und mit ihnen den Dschihad zu kämpfen. Es gibt viele wie mich. Wir sammeln Geld für den Dschihad und kommen, um zu kämpfen, wann immer wir können.“ Der Mann wird bald in sein Leben als Zivilist zurückkehren.

Eine Gruppe bärtiger Bauern, die ihr Tagwerk auf den Feldern beendet haben, kommt ins Haus. Es riecht nach Schweiß und Erde. Sie sprechen über einen Kameraden, der am Vortag mit einem Sprengstoffgürtel einen NATO-Konvoi angegriffen hat. Er sei erfolgreich zum Märtyrer geworden, sagen sie.

Als Bezirkschef Lal Muhammad schließlich den Raum betritt, nehmen die Männer Haltung an. Der 32 Jahre alte Koranlehrer ist nicht besonders groß und sieht sehr ernst aus. Er trägt eine dunkebraune Brille und wirkt tatsächlich eher wie ein Theologe, nicht wie der Anführer einer Schlacht. Er setzt sich mit überkreuzten Beinen hin und kostet die Stille und seine Autorität aus. Er soll mir erklären, wie seine Talibangruppe innerhalb von drei Jahren die Regierung als Herrscher über die Region abgelöst hat. Doch zuerst müsse er mir einen Film auf seinem Handy zeigen.

„Wir müssen alles dokumentieren“, sagt Lal Muhammad. „Wir nehmen die Filme mit zu unseren Anführern nach Pakistan, um ihnen unsere Arbeit zu zeigen.“ Auf dem Video ist eine seiner ersten Operationen zu sehen. Seine Männer entführten damals sieben grüne Pickup-Laster der afghanischen Polizei und entwaffneten mehrere Dutzend Beamte in Uniform. Die Polizisten stehen in einer Reihe längs der schmutzigen Straße, während der Star der Szene, Lal Muhammad, vor ihnen herumstolziert, gefolgt von einem betreten dreinschauenden Polizeikommandanten. „Wenn sie sich ergeben, so wie diese Männer, dann nehmen wir ihre Waffen und lassen sie frei. Wenn sie sich zur Wehr setzen, töten wir sie“, sagt Lal Muhammad in dem Video.

Dschihad-Pop zum Mitsummen

Vor drei Jahren begannen er und einige andere mit kleineren Gefechten gegen die Regierung. „Im Dorf und in der Koranschule gab es Leute, die die Taliban zurückhaben wollten, aber die Regierung war damals stark und kontrollierte sogar das flache Land. Wir setzten uns mit den Mullahs der Moscheen zusammen. Sie unterstützten uns, da wir die Fremden bekämpften. So kamen wir an Waffen.“ „Zwölf Kalaschnikows“, ergänzt der stämmige englische Taliban. Als sich Lal Muhammads Ruf mehrte, schlossen sich ihm immer mehr Kämpfer an. „Als die alten Taliban von uns hörten, schlossen auch sie sich an. Studenten aus den hiesigen Koranschulen und aus Pakistan kamen, um sich am Dschihad zu beteiligen.“ Schließlich erteilte ihnen auch die Taliban-Führung in Quetta ihren Segen: Zwei Talibanräte wurden eingerichtet, ein ziviler und ein militärischer. Seine Lehrtätigkeit in der örtlichen Moschee führte Lal Muhammad unterdessen fort. „Jede Woche führen wir zwei bis drei Aktionen durch. Manchmal blockieren wir die Fernstraße und durchsuchen Autos, manchmal greifen wir Polizisten an oder die Treibstofftanks der Nato“, sagt er.

Nach dem Mittagessen nimmt mich Lal Muhammad mit, damit wir seine Kämpfer inspizieren können. „Er zeigt Ihnen das alles, weil Sie ein Araber sind“, lässt mich der britische Taliban wissen. Ich quetsche mich auf den Rücksitz eines Toyota – zusammen mit einem Arabischlehrer, der eine Kalaschnikow zwischen die Knie klemmt, sowie einem jungen Bauern, der ein Maschinengewehr im Schoß hält. Lal Muhammad nimmt auf dem Beifahrersitz platz.

Wir rasen eine enge, unbefestigte Straße entlang, aus den Lautsprechern dröhnt Musik. Ein rotbärtiger Taliban, der in Norwegen lebt, singt mit. Alle paar Minuten dreht er sich mit inem breiten Grinsen zu mir um und übersetzt den Text: „Oh Märtyrer, marschiere dem Feind entgegen ...“

Wir unterbrechen die Fahrt an einem kleinen Bazar zwischen Häusern aus Lehm. Ich sehe eine Arztpraxis, eine Apotheke, eine Schule. Zwei Frauen in blauen Burkas sitzen am Straßenrand und warten auf ein Taxi, ein paar Kinder springen um sie herum. Ich zähle 14 Taliban in schmutzigen Tunikas und glitzernden Kopfbedeckungen. Ein paar ruhen sich im Schatten der Läden aus, andere halten an einem Kontrollpunkt Eselkarren und Taxis an. Die meisten dieser Kämpfer sind gerade mal Teenager, das Kommmando jedoch unterhält ein Usbeke, der schon im Bürgerkrieg in den Neunzigern gekämpft hat. Weshalb hat er nun erneut zu den Waffen gegriffen? „Weil die Fremden hier sind“, sagt er. Nachdem wir das Dorf verlassen haben, sagt Lal Muhammad: „Wir können in keiner Region ohne die Unterstützung der Bevölkerung überleben. Die Moschee, die Häuser und die Koranschulen sind unsere Stützpunkte. Eine Panzerabwehrrakete kostet 1.300 Afghanis (26 Dollar). Gestern gab es einen Selbstmordanschlag mit einer Autobombe. Die Leute aus dem Dorf haben dem Attentäter das Auto gekauft, nicht ich.“

Zurück auf dem Hof des englischen Taliban, treffen mehrere Kommandeure ein und setzten sich rund um Lal Muhammad. Unter ihnen ist auch Haji Saleh, er ist um die Sechzig und erzählt, dass er vor 31 Jahren mit dem Kampf gegen die Fremden begann. Damals hießen sie Russen, sagt er, aber sie seien alle gleich. Haji Salehs Aufgabe ist es, Minen zu legen. „Ich ziehe nachts los und stelle Fallen auf den Straßen auf“, sagt er. Er arbeitet mit einem anderen Kämpfer namens Bilal zusammen, dem Elektronik-Experten der Gruppe. Bilal stammt aus Ost-Afghanistan, die anderen nennen ihn auch Ingenieur, weil er ein Diplom einer Universität in Pakistan besitzt. Bilal verbringt den Abend damit, seinen Kameraden beizubringen, wie man Helikopter zum Absturz bringt („Schießt auf die Rotorblätter. Schießt nicht, wenn er auf euch zukommt, sondern von hinten“) und er erzählt mir, dass die Kameraden in Pakistan Google-Karten besorgt hätten, um Regierungsbasen und Ziele für Angriffe auszumachen.

Nach dem Abendessen entschuldigt Lal Muhammad sich und verlässt das Gelände. Er schlafe jede Nacht in einem anderen Haus, um Mordanschläge zu verhindern, sagen mir die Männer. Bevor wir uns schlafen legen, zeigt mir der Taliban aus London auf seinem Handy noch Fotos von Freunden, die bei Gefechten ums Leben gekommen sind. Er lächelt, während er die Bilder ansieht, doch in seinen Augen stehen Tränen.

Im Sperrfeuer der Amerikaner

Um zwei Uhr früh stürmt ein Mann in unsere Zimmer und brüllt: „Wo sind die Raketen? Die Amerikaner landen!“ Irgendwo draußen in der Finsternis können wir die Landegeräusche eines Helikopters hören. Die Fensterscheiben klirren, das Haus bebt. „Wo sind die Raketen?“, schreit der Mann erneut, seine Stimme zittert vor Angst und Zorn.

Bilal, der in der Ecke des Zimmers geschlafen hat, springt auf und rennt aus dem Haus. Im Hof steht der stämmige englische Taliban und feuert mit einer Kalaschnikow in die Nacht. Nachdem sie die Raketen gefunden haben, schießen die Männer drei Stück von der Straße vor dem Haus ab. Sie landen in der Ferne mit einem lauten Schlag. Die Amerikaner vergelten es mit einer Rakete, die in die Mauer vor uns einschlägt. Ununterbrochen tönt das Rattern von Maschinengewehren: der metallische Klang der Kalaschnikows gegen das langsamere Stakkato der Waffen der amerikanischen Soldaten. Afghanen und Amerikaner entleeren ihre Magazine, dann hebt der Helikopter ab. Eine heisere Stimme durchbricht die Stille und fordert zum Gebet auf, ein gedämpftes „Allahu Akbar!“ ist zu vernehmen. Die Schlacht – eine von vielen in dieser Nacht – dauerte drei Stunden.

Noch bevor der Taliban mit dem roten Bart für tot erklärt wird, beginnt eine Frau zu weinen. Ihre Stimme treibt über das stille Dorf. Der Morgen bricht gerade an, als die Leiche in den Hof getragen wird, in eine rote Decke mit gelbem Blumenmuster gehüllt. Nur das Gesicht ist zu sehen. Der Körper wird auf den Boden gelegt. Jemand erhellt sein Gesicht mit einem Handy. Es wirkt grau. Dann übertönen die Klagelaute der anderen das Weinen der Frau. Der Bruder des Taliban umarmt den Leichnam. „Sein Pass war bereit“, schluchzt er. „Er sollte in drei Tagen abreisen!“

Gegen sieben Uhr früh erscheint Bilal wieder. „Wir wollen, dass Sie mit uns kommen. Wir haben ein paar Fragen an Sie.“ Er nimmt mir meine Telefone, Taschen und Kameras ab. Den Tag über werde ich in einer Koranschule festgehalten, am Abend soll ich in mein Gefängnis kommen. Eine Stunde geht es mit verbundenen Augen im Auto bergan, dann weiter zu Fuß. Kurz vor Tagesanbruch erreichen wir eine Scheune an der Spitze des Berges.

Bei Gefängnis denken Europäer für gewöhnlich an ein Tor, dicke Wände, Schlösser und Wachen. Doch das Gefängnis-Konzept der Taliban kennt kein Tor. Der Gefängniswächter ist das Tor, die Zelle, der Henker und manchmal, wenn man Glück hat, auch dein Freund. Der Gefängniswächter in Dhani-Ghorri ist ein kleiner Mann mit krummen Beinen, einem Bart bis zur Brust und boshaften Augen. Taliban-Kommandeure aus der ganzen Region übergeben ihm ihre Gefangenen und er bewacht sie, verhört sie und richtet sie hin, wenn er den Befehl dazu bekommt. Erhängen ist inzwischen die bevorzugte Methode, seit Mullah Omar, der spirituelle Anführer der Taliban, Enthauptungen verboten hat,.

Wo der Wächter ist, da ist auch die Zelle. Sie kann in einer Höhle sein oder in einem Zimmer in einem Bauernhaus. In unserem Fall ist es eine Scheune irgendwo zwischen Baghlan und Kunduz. Manchmal bringt unser Wärter Geschenke mit. Eine Tüte mit Süßigkeiten, eine alte Zahnbürste, einmal sogar ein Stück Seife. Er kennt sich mit Gefängnissen aus. Zwei Jahre zuvor wurde er in Pakistan inhaftiert, als er dort einige Taliban-Kommandeure besuchte. „Am ersten Tag schlugen sie mich, danach schlossen sie mich drei Monate mit einer Binde vor den Augen und Ketten an den Füßen in eine dunkle Zelle ein“, erzählt er. „Mein Bruder ist noch immer dort.“

Es dauert fünf Tage, bis die Taliban in Quetta meine Referenzen überprüft haben und meine Freilassung anordnen. In der Koranschule in Dhani-Ghorri erwarten mich Lal Muhammad und seine Männer. Sie entschuldigten sich und geben mir unsere Ausrüstung zurück. Als wir gehen wollten, zieht Lal Muhammad ein dickes Bündel Dollars hervor und will mir hundert anbieten. „Für eure Schwierigkeiten“, sagt er. Ich lehne ab und mache mich auf die Reise zurück nach Kabul.

Ghaith Abdul-Ahad berichtete für den Guardian unter anderem aus dem Irak, Somalia und nun Afghanistan. Er erhielt dafür den British Press Award sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen.

Übersetzung: Christine Käppeler