Tanz auf den Köpfen der Schlangen

Jemen Die aufgespürte explosive Luftfracht aus Sanaa kann kein Grund sein, den arabischen Staat als Afghanistan des Nahen Ostens zu stigmatisieren

Die Fusion der saudischen und jemenitischen Jihadisten zu einem Al-Qaida-Netz auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) vor zwei Jahren scheint ein Erfolg zu sein. Die Saudis stellten die finanziellen Mittel, die Jemeniten das Personal. Sir John Sawer, Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, vergleicht die von AQAP ausgehende Gefahr mit der Bedrohung durch Al-Qaida-Dependancen in Pakistan und Afghanistan, doch sei es unmöglich zu sagen, wer das technische Knowhow bereitstellt – ein Saudi oder ein Jemenit.

Nicht zum ersten Mal bedient sich AQAP bei den jetzt entdeckten Paketen mit Sprengstoff der Mobilfunktechnologie. Ein erster Versuch mit einer Handy-gesteuerten Bombe wurde im August 2009 bei einer Ramadan-Party in Dschidda unternommen. Gastgeber war der als Vizepräsident Saudi-Arabiens für die Terror-Abwehr zuständige Prinz Mohammed bin Naif.

Nach dem 11. September 2001, als die saudische Nationalität einiger Attentäter Riad vor Augen führte, dass es ein Problem mit al-Qaida hat, versuchte Mohammed bin Naif mit einer verblüffenden Mischung aus Anreizen (Autos, Wohnungen, Jobs, Frauen) und Drohungen der islamistischen Geheimbünde im eigenen Land Herr zu werden. Als Zuckerbrot galt auch die Einladung eines jungen saudischen AQAP-Mitglieds zum privaten Ramadan-Fest des Prinzen. Der im Jemen lebende Mann hatte beteuert, er wisse, sein Verhalten sei des Korans unwürdig. So erwies der Prinz dem jungen Jihadisten sogar die Ehre, ihn an Bord seines Privatjets einfliegen zu lassen.

Warum nicht?

Bei seiner Ankunft im Palast wurde der 23-jährige Abdullah Hassan al-Asiri – der Name legt nahe, dass er aus einer der ehemals jemenitischen Provinzen Saudi-Arabiens stammt – vom Prinzen persönlich begrüßt. Al-Asiri sagte ihm, mehrere Glaubensbrüder wollten seinem Vorbild folgen und sich der mildtätigen Gnade des Königshauses überantworten. Ob es möglich sei, dass er mit den Männern hier und jetzt über sein Mobiltelefon sprechen könne? Warum nicht, erwiderte der gütige Mohammed bin Naif.

Der Anruf war das Signal für die Detonation einer Bombe, die al-Asiri versteckt an seinen Körper trug, vermutlich in der Unterwäsche, wie der als „Unterhosen-Bomber“ bekannt gewordene Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab, der nach einer Ausbildung im Jemen Ende 2009 beinahe ein Flugzeug über Chicago zur Explosion gebracht hätte. Die Detonation sprengte al-Asiri in tausend Stücke, konnte den Prinzen aber kaum verletzen. Es war das erste Mal, dass al-Qaida der Ermordung eines Mitglieds der Königsfamilie so nah war.

Angesichts dieses Schreckens überrascht es kaum, dass die geheimdienstlichen Aktivitäten der Saudis im Jemen inzwischen tatkräftig sind. Das oft undurchsichtig und teilnahmslos auftretende Königshaus signalisiert damit ein zweckdienliches Interesse am Nachbarn, das darüber hinausgeht, sich den Einfluss der wichtigsten Stammesscheiche des Landes zu erkaufen.

Erst nach dem vereitelten Bombenanschlag von Chicago konzentrierte sich die Aufmerksamkeit des Westens auf Sanaa. Das ärmste Land des Nahen Ostens – ein erschreckend dysfunktionaler Staat, der im Hinterland einer der reichsten und mächtigsten Dynastien der Welt seinem Schicksal überlassen bleibt – schien ein ähnlich sicheres Refugium für Jihadisten wie die pakistanischen Stammesgebiete zu sein. Im Januar 2010 erweiterte deshalb der damalige Premier Gordon Brown die Londoner Afghanistan-Konferenz überstürzt um ein Forum über den Jemen. Was aber war zu tun?

Jemen hat die Zukunft hinter sich. Das Öl-Rinnsal, mit dem 90 Prozent des Exports und drei Viertel der Staatseinnahmen bestritten werden, dürfte spätestens 2017 versiegt sein – wie das Trinkwasser unter der Kapitale Sanaa auch. Jemen hat 23 Millionen Einwohner, von denen zwei Drittel unter 24 sind. Bis 2035 wird sich die Zahl verdoppeln, doch liegt die Arbeitslosenquote jetzt schon bei 35 Prozent. Zu diesem Ungemach kommen separatistische Aufstände, die besonders im Norden regelmäßig für Flüchtlingsdramen sorgen.

Regierung der Kleptokratie

Jemens Präsident Abdullah Saleh, dank eines kleinen Öl-Vermögens und seines Talents in der Lage, andere durch Schmeicheleinheiten zu versöhnen, pflegt einen Regierungsstil, den er selbst „Tanz auf den Köpfen der Schlangen“ nennt. Seit über 30 Jahren an der Macht, waltet Saleh über eine Kleptokratie – eine Regierung aus Dieben, von Dieben und für Diebe.

Für die Mehrheit der Jemeniten ist all dies verheerend. AQAP genießt dennoch wenig Beistand in der Bevölkerung, haben doch die Islamisten den Tourismus stranguliert und jede Chance auf Investitionen gleich mit. Wer das Land regelmäßig besucht, der erfährt, dass die Bevölkerung sich wesentlich mehr aus Ländereien und Geld macht, als aus Religion und Ideologie. Mag sein, dass sich ein paar wenige vom Jihadismus angezogen fühlen, doch die Mehrheit betäubt ihre Angst vor der Zukunft, indem sie die leicht halluzinogenen Blätter des Khat-Strauches kaut, dessen Anbau über ein Drittel der Agrarfläche und verheerende Wassermengen in Anspruch nimmt.

Begünstigt wird die Infiltrierung durch AQAP von der Landeskultur. Ein Großteil des Territoriums wird von Clan-Chefs geführt, zu deren Selbstverständnis es gehört, Gäste zu ehren, keine Fragen zu stellen und sich den zentralen Behörden zu widersetzen, wenn die etwas vorschreiben, das ins traditionelle Vorrecht der Stämme eingreift. So ist es nur richtig, dass westliche Streitkräfte augenscheinlich nicht beabsichtigen, im Jemen einen Wandel zu erzwingen, wie sie es im Irak und Afghanistan getan haben. Der Jemen verdient Mitleid anstelle von Bomben. Wir wären gut beraten, Saudi Arabien und den anderen Golfstaaten, deren Gulf Cooperation Council (GCC) eine der EU vergleichbare Gemeinschaft ist, die Mission zu überlassen, einen Niedergang dieses Landes aufzuhalten.

Victoria Clark ist Autorin des Buches Yemen: Dancing on the Heads of Snakes, erschienen bei Yale University Press

Übersetzung: Christine Käppeler

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16:00 05.11.2010
Geschrieben von

Victoria Clark | The Guardian

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