Tanz den Tauschwert

Marx in China Nicht nur das deutsch-schweizerische Dokumentartheater Rimini Protokoll bringt "Das Kapital" von Karl Marx auf die Bühne. Auch in China arbeitet man an einer Adaption

Keine Ahnung, ob sie von Rimini Protkoll schon gehört haben, deren Inszenierung der ersten beiden Bände des Kapitals momentan in Berlin bewundern kann. Jedenfalls haben sie die blauen Bände gelesen, die Seminare besucht und sich über die Anhäufung von Mehrwert Gedanken gemacht: Chinesische Produzenten unternehmen derzeit den Versuch, die schwergewichtige Kritik der politischen Ökonomie in eine unterhaltsame Bühnenshow zu verwandeln – inklusive packender Melodien und kunstvoller Tanzeinlagen.

Ob Karl Marx es gutheißen würde, dass sein Meisterwerk dem Amüsement der neuen chinesischen Bourgeoisie dient, muss Spekulationssache bleiben. Regisseur Hie Nian jedenfalls, der für seine Bühnenadaptionen von Kampfkunst-Parodien bekannt ist, hat ein hippes, unterhaltsames und lehrreiches Stück – eine Kreuzung aus Broadway-Musical und Las-Vegas-Show – mit Liveband, Tanz und Gesang angekündigt. „In welchen Stil wir das Stück aufführen werden, ist gar nicht so wichtig, nur Marx’ Theorien dürfen nicht verzerrt werden,“ sagte er gegenüber der Zeitung Wen Hui Bao. Um Werktreue zu gewährleisten, wurde der Wirtschaftsprofessor Zhang Jun von der renommierten Fudan University Wirtschaft beratend hinzugezogen.

So viel verriet Regisseur He schon einmal: Das Stück, welches im kommenden Jahr uraufgeführt werden wird, spielt in einem Unternehmen und dokumentiert den Entwicklungsprozess der Arbeiterschaft. In der ersten Hälfte erkennen sie, dass ihr Boss sie ausbeutet und verstehen die Theorie des Mehrwerts. Doch davon, Marx’ Aufruf aus dem Kommunistischen Manifest nachzukommen und sich zu vereinigen, sind sie weit entfernt: Einige arbeiten weiter wie zuvor, einige meutern, andere wiederum führen kollektive Tarifverhandlungen. Yang Shaolin, der Manager des Shanghaier Dramatic Art Center erklärt, dank der Blüte verschiedener Stile, die das chinesische Theater derzeit erlebe, sei es heute eher möglich als früher, aus dem Kapital ein Theaterstück mit „Hauptcharakteren, dramatischen Elementen und einer didaktischen Zielsetzung“, zu machen.

Nichtsdestotrotz stehen die Produzenten vor einer enormen Herausforderung. Zwar erfreuen sich Oliver! und Les Miserables – die Musicaladaptionen sozialkritischer Werke der Marx’schen Zeitgenossen Charles Dickens und Victor Hugo – enormen Erfolgs. Im Gegensatz zu deren Romanvorlagen hat Das Kapital sich jedoch nicht mit der lebendigen Darstellung von Charakteren oder einem fesselnden Plot einen Namen gemacht.

Die chinesischen Produzenten und das deutsch-schweizerische Dokumentartheater Rimini Protokoll sind freilich nicht die ersten, die sich an eine Bühnenversion des Kapitals wagen. Angeblich hat ein japanischer Autor und Übersetzer schon in den dreißiger Jahren einen dahingehenden Versuch unternommen – das Ergebnis wurde später ins Chinesische übersetzt.


Noch bis einschließlich Sonntag ist Karl Marx: Das Kapital, Erster Band, im Berliner Theater HAU 2 zu sehen.

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Übersetzung: Zilla Hofman
Geschrieben von

Tania Branigan, The Guardian | The Guardian

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