Tausend Augen senden aus Teheran

Twitter in Iran Nach der Wahl in Iran ist Twitter zum wichtigsten politischen Kommunikations-Medium geworden. Mit Tweets umgeht die Opposition die Zensur. Aber ist das auch glaubwürdig?

Am Dienstag um 15.30 Uhr Ortszeit schrieb ein iranischer Student, der sich Fair_vote_Iran nannte, folgende atemlosen Zeilen auf seine Twitter-Seite: "Die Milizen sind hinter uns her. Habe verg. Nacht auf der Straße geschlafen. In den meisten Städten gibt es kein Internet mehr." Augenblicke später fügte er hinzu: "Fünf im Schlafsaal der Mädchen getötet; Assad ist tot und ich weiß nicht wo Moshen ist, hab ihn gestern in der Menge verloren." Er twitterte den ganzen Tag über weiter – eine Mischung aus entsetzlichen und absurden Meldungen, dass sein Freund ihn angerufen habe und es ihm gut gehe, sein Vater aber immer noch auf der Straße sei, dass ein anderer Freund bei den Demonstrationen schwer verletzt worden sei, ins Krankenhaus kam und verhaftet wurde, dass auf der anderen Seite an der Uni seine Abschlussprüfungen weiterliefen, als wenn nicht geschehen wäre. Ständig macht er sich Sorgen um die Verfügbarkeit der Technik. "Es ist beinahe unmöglich geworden, auf die Twitter-Seite zu kommen, ich kann niemanden mehr erreichen ... die Handys sind schon wieder tot."

Während ausländische Journalisten des Landes verwiesen oder angewiesen wurden, in ihren Hotelzimmern zu bleiben, überschlugen sich die Ereignisse beinahe. Weltweit gingen ungewöhnlich viele Netz-User online, um iranische Blogs und Social-Networking-Seiten zu besuchen. Sie verbreiteten jene Informationen weiter, die ansonsten bei weitem kein so großes Publikum erreicht hätten. "Heute versucht jeder, so viel wie möglich mit Handys zu filmen ... das sind die Augen der Welt", wie ein der Opposition nahe stehender Twitter-User es formulierte.

Amateur-Videos gegen die Zensur

Mit Handys gemachte Videos und unscharfe Bilder wurden in Blogs und Internet-Seiten kopiert. Auch die Mainstream-Medien zeigten Amateur-Videos, um in Anbetracht des Filmverbots für Korrespondenten die Zensur des staatlichen iranischen Fernsehens zu umgehen.

Wenn beim Tsunami im Indischen Ozean 2004 die Blogger zum ersten Mal in den Nachrichten vorkamen, so werden viele den Ausnahmezustand nach der Wahl im Iran in Verbindung mit Twitter erinnern. Die Social-Networking-Seite erwies sich als bestens geeignet, um angesichts der sich überschlagenden Ereignisse Nachrichten in Echtzeit zu verbreiten. Twitter war schon während des Wahlkampfes (und erst recht nach der Wahl) von solcher Bedeutung für die Oppositionsbewegung, dass das in San Fransisco ansässige Unternehmen sich dazu enschloss, eine für Montagnacht geplante Routine-Wartung der Seite auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, zu dem man im Iran, und nicht in den USA im Bett liegt. Twitter sei für die Kommunikation im Iran gerade von großer Bedeutung, hieß es zur Begründung.

"Gebt nichts auf die Behauptungen, die heutige Demo sei abgesagt. Verhaltet euch ruhig und geratet nicht mit den Milizen aneinander", schrieb ein User am frühen Dienstagabend iranischer Zeit. Dann: "Die Demo läuft. Schweigend, ruhig und friedlich. So, wie wir alle es uns wünschen." Um zehn Uhr abends schrieb er, die Leute hätten Anrufe erhalten, die sie einschüchtern sollten. Man sagte ihnen: "Du hast an den Demonstrationen teilgenommen."

Rückgriff auf Ersatzserver

Die iranischen Behörden gaben sich bei der technischen Bekämpfung des Widerstandes große Mühe. Obwohl das Internet schwieriger zu sperren ist als Mobiltelefone, schalteten die Zensoren nach und nach alle Server ab, über die Twitter-Seite angesteuert wurde. Die iranischen User mussten auf Ersatz- oder Parallel-Server zurückgreifen, die oft vom Ausland aus zu eben diesem Zweck installiert wurden. User auf der ganzen Welt änderten die Einstellungen ihrer Accounts, um den Eindruck zu erwecken, sie befänden sich in Teheran, während andere mehrere Rebooking-Links auf Seiten der Regierung verlinkten, in der Hoffnung, diese mögen dadurch zusammenbrechen.

Im Iran möchte im Augenblick niemand gerne unnötig Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Als sich Montagabend der Angriff an der Technik-Front verstärkte und bekannt wurde, dass Gmail, Yahoo und andere Service-Seiten gesperrt wurden, wurden die User nervös. Aus Protest stellten Yahoo und Google am Montag ihre Dienste im Iran ein. Mehrere Twitter-Seiten, die regen Zulauf erhalten hatten, wurden von ihren Betreibern abgestellt. Einige baten sogar darum, ihre Usernamen nicht zu veröffentlichen, da sie dies in Lebensgefahr bringen könnte (in diesem Artikel wurden sämtliche Namen geändert.)

Problem: Glaubwürdigkeit

Die Ungewissheit, die bei Twitter immer mitschwingt, hat sich allerdings in der gegenwärtigen Situation als die größte Herausforderung erwiesen. Selbst bei Seiten, die glaubwürdig wirken, ist es nahezu unmöglich, die Herkunft eindeutig zu ermitteln. Traditionelle Medien verwendeten auf der Seite befindliches Material ohne Quellenangabe mit großer Vorsicht. Auch für die User schien das Risiko, im Netz identifiziert zu werden, in der Nacht zu Dienstag kurzzeitig real. Es kursierten auf der Seite das Gerücht, hinter einigen sympathisch wirkenden Seiten steckten in Wirklichkeit die iranischen Behörden. "Die Zahl der gefakten IDs und Websites nimmt zu", schrieb eine Userin. "Sie wollen Zwietracht unter uns sähen und verbreiten Lügen. Seid auf der Hut!"

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Ihre Freitag-Redaktion

17:30 18.06.2009
Geschrieben von

Esther Addley, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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