Testen, testen, testen

COVID-19 Vom Vorgehen in der italienischen Stadt Vò lässt sich Wichtiges für die Bekämpfung der Corona-Pandemie lernen. Was, das erklären zwei dort tätige Forscher
Testen, testen, testen
Alle BürgerInnen zu testen, unabhängig davon, ob sie Symptome haben oder nicht, ermöglicht, diese Pandemie unter Kontrolle zu bringen

Foto: Emanuele Cremaschi/Getty Images

Es ist nun etwa einen Monat her, seit das Coronavirus über Italien hinwegzufegen begann. Mit rund 54.000 Fällen (Stand 22. März) ist es nun das am schlimmsten betroffene Land außerhalb Chinas.

Doch in den vergangenen zwei Wochen hat eine vielversprechende Pilotstudie etwas aufgezeigt, das für andere Länder aufschlussreich sein könnte. Vom 6. März an haben wir zusammen mit Forschern der Universität Padua und des Roten Kreuzes alle Einwohner von Vò, einer 3.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Venedig, getestet – auch diejenigen, die keine Symptome hatten. Dadurch konnten wir die Menschen unter Quarantäne stellen, bevor sie Anzeichen einer Infektion zeigten, und die weitere Ausbreitung des Coronavirus stoppen. So konnten wir COVID-19 in weniger als 14 Tagen ausrotten.

Diesen Ansatz in einer Stadt wie Mailand umzusetzen, wo die Infektionen außer Kontrolle geraten sind – dafür ist es wohl zu spät. Anderso aber könnten Regierungen durchaus Cluster identifizieren und isolieren, alle Betroffenen unter Quarantäne stellen, ihre jüngsten Kontakte zurückverfolgen und auch die isolieren, ob sie Symptome haben oder nicht.

Einzigartiges Umfeld

Unser Experiment entstand durch Zufall. Die italienischen Behörden reagierten sehr emotional auf die Nachricht vom ersten Todesfall Italiens – in Vò. Die ganze Stadt wurde unter Quarantäne gestellt, jeder Bewohner wurde getestet, wofür wir an der Universität von Padua zuständig waren. Schnell war klar, dass hier ein einzigartiges epidemiologisches Umfeld vorlag – wir beantragten, die Stadt unter Quarantäne zu halten und nach neun Tagen eine zweite Runde Tests durchzuführen.

In der ersten Runde waren 89 Personen positiv getestet worden. In der zweiten Runde sank die Zahl auf sechs, die in Isolation verblieben. Auf diese Weise ist es uns gelungen, das Coronavirus in Vò auszurotten und eine 100-prozentige Heilungsrate bei den zuvor infizierten Personen zu erreichen, während keine weiteren Übertragungsfälle zu verzeichnen waren.

Unser interessanter Befund: Zum Zeitpunkt der Diagnose des ersten Falls mit Symptomen war ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung, etwa dre Prozent, bereits infiziert – die meisten vollkommen ohn Symptome. Daraus lässt sich lernen: Alle Bürgerinnen und Bürger zu testen, unabhängig davon, ob sie Symptome haben oder nicht, ermöglicht, diese Pandemie unter Kontrolle zu bringen.

Diese Zahl führt in die Irre

Im Falle einer Krise wie dieser ist es entscheidend, strukturiert zu reagieren. Weitreichende Tests sind entscheidend, um eine genaue Aussage darüber treffen zu können, wie viele Menschen betroffen sind und wie hoch die Sterblichkeitsrate des Virus tatsächlich ist. In Italien haben wir mit einem rasanten Anstieg der Sterblichkeit (die Zahl der Todesopfer geteilt durch die Zahl der Infizierten) zu kämpfen, die scheinbar neun Prozent erreicht hat – weit höher als die Mortalitätsrate in China und sehr nahe an der während des Sars-Ausbruchs 2002/2003.

Doch dieser hohe Wert ist irreführend. In den ersten Tagen des Ausbruchs wurden als Fälle alle gezählt, die sich mit dem Virus infiziert hatten. Seither aber werden nur noch diejenigen mit offensichtlichen Symtomen – die, die medizinische Versorgung benötigen – auf das Virus getestet und somit als Fälle gezählt.

Die Entscheidung, nur diejenigen zu testen, die sich mit Symptomen des Virus in Behandlung begeben hatten, trafen bedeutende italienische für das öffentliche Gesundheitswesen zuständige Experten, offenbar in Übereinstimmung mit den Vorschlägen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Folge war, dass Personen, die sich nicht in Behandlung begeben hatten, in Italien nur sehr gelegentlich getestet wurden. Aber Menschen ohne oder nur mit sehr leichten Symptomen stellen gut 70 Prozent aller Infizierten dar – und viele von ihnen können das Virus auf andere übertragen. Vollumfänglich zu testen, würde uns ein klareres Bild davon vermitteln, wie viele das Virus tatsächlich haben und wie viele es weitergeben.

Würde man die Tatsache berücksichtigen, dass nur diejenigen getestet werden, die das Virus haben, würde die Sterblichkeitsrate auf ein „normaleres“ Niveau sinken. Dies zeigt sich an der Mortalität in der Region Venetien, die beständig zwischen 2,5 und drei Prozent liegt – immer noch hoch, aber um das Dreifache niedriger ist als in der Lombardei und in der Emilia Romagna.

Befolgt diesen Rat

Warum dieser deutliche Unterschied? Venetien ist mit den beiden anderen nördlichen Regionen in Bezug auf Bildung, Lebensweise, Einkommen und Alter der Bevölkerung vergleichbar – alles Faktoren, insbesondere das Alter, die die Covid-19-Mortalität vermutlich beeinflussen. Variablen wie die nicht-homogene Datenerhebung können den Unterschied zwar erklären, maßgeblich ist aber wohl Folgendes: In Venetien wurde das Virus aktiver durch Tests aufgespürt, ein entsprechendes Programm bezog einen Teil der Bevölkerung ohne Symptome ein. Offizielle Zahlen sprechen davon, dass in Venetien etwa acht von 100 Personen getestetet wurden, in der Lombardei und in der Emila-Romagna dagegen nur halb so viele bzw. ein Drittel davon.

Leider wäre es fast unmöglich, dieses Modell in einer großen Stadt zu wiederholen, da die Zahl der Menschen, die getestet werden müssten, sehr hoch ist. Gesundheitspolitiker aus aller Welt sollten sich unsere Ergebnisse dennoch genau ansehen. Sie sind eine Aufforderung, das Virus durch umfangreiche Tests sowohl aller Personen mit Symptomen als auch all ihrer sozialen Kontakte – einschließlich Verwandte, Freunde und Nachbarn – auszurotten. So kann es gelingen, die Ausbreitung der Krankheit aufzuhalten, eben indem dem Überträger gar nicht die Möglichkeit gegeben wird, sie auf andere zu übertragen.

So lange es keine Therapie und keinen Impfstoff gibt, bleiben Quarantäne, Abstandhalten zueinander im Alltag und die Identifizierung von Virusträgern ohne Symptome die einzigen wirksamen Maßnahmen zur Kontrolle dieser Epidemie. Das heißt, Cluster zu identifizieren, zu isolieren und jeden zu testen, der mit den Infizierten in Kontakt gekommen ist. Spät, aber immerhin hat die WHO jüngst genau das empfohlen, was sich aus unserer Forschung als die beste Verteidigungslinie ergibt: Testen, testen, testen.

Andrea Crisanti ist Professor für Mikrobiologie an der Universität Padua.
Antonio Cassone war Direktor der Abteilung für Infektionskrankheiten am italienischen Gesundheitsinstitut.

14:07 22.03.2020
Geschrieben von

Andrea Crisanti, Antonio Cassone | The Guardian

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Ausgabe 13/2020

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