The Dark Side of the Moon

Kulturgeschichte Schon lange bevor er ihn betrat, setzte der Mensch sich mit dem Mond auseinander, zumeist mit seiner dunklen Seite

Einer der außergewöhnlicheren Aspekte der ersten Mondlandung bestand darin, dass die BBC David Bowies "Space Oddity" als Begleitmusik auswählte. Zweifellos handelt es sich um einen wundervollen, eindringlichen Song: ein Dialog zwischen der Bodenstation und Major Tom, der weit von der Welt entfernt in seiner kleinen Kapsel sitzt. Aber einmal abgesehen von der Theorie, der Text sei eine Allegorie auf die Auswirkungen des Heroin-Konsums, ist das, was dort beschrieben wird, aus Sicht der Nasa schlicht eine Katastrophe: der Strom fällt aus, der Kontakt bricht ab und Major Tom fügt sich traumwandlerisch in sein Schicksal, für immer in den Weiten des Alls verloren zu gehen. Als er gefragt wurde, wie er reagieren würde, wenn seine Mondfähre einen ähnlichen Ausfall hätte, gab Neil Armstrong sich äußerst wortkarg: „Über so etwas denkt man nicht gerne nach.“

Vierzig Jahre später vergisst man leicht die Befürchtungen und Ängste jener Zeit: Die Angst, das US-amerikanische Raumfahrtprogramm könne wie die Titanic für die in ihm zum Ausdruck kommende Hybris bestraft werden oder die Angst davor, den Kosmonauten könnte mehr begegnen, als ihnen lieb wäre: Außerirdische, Todesstrahlen, Giftgase ... Allen Liedern und Filmen der Zeit ist ein gewisses Unbehagen gemein: Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum zum Beispiel (in dem sich ein feindseliger Computer namens Hal mit an Bord befindet) oder der Creedence-Clearwater-Revival-Song "Bad Moon Rising" („I see trouble on the way“) oder auch John Kings 1965er Hit "Everyone`s Gone to the Moon". Während die Wissenschaft die helle Oberfläche des Planeten in den Blick nahm, ergründeten Künstler die schattigen Krater. Das Thema von Pink Floyds The Dark Side of the Moon ist der Wahnsinn.

Ein Rückschritt für Vampire?

Wahnsinn ist auch ein Leitmotiv in dem ersten Roman, der über die Apollo-11-Mission geschrieben wurde – Norman Mailers Auf dem Mond ein Feuer. Mailer war der perfekte Chronist: Wer hätte besser Amerikas technokratischen Macho-Triumph beschreiben können? Sein Buch ist weit von einem Liebesgedicht an die Nasa entfernt. Die Kosmonauten bringen Mailer aus der Fassung, weil sie so kalt und computerisiert sind. Das Ereignis als solches hat für ihn, zusammen mit anderen jenes Sommers – wie Woodstock oder den Manson-Morden – etwas von einem wahnsinnigen Mondrausch. Trotz all seines Egoismus fängt Auf dem Mond ein Feuer den „Mond-verrückten Sommer“ des Jahres 1969 auf brillante Weise ein. Am Ende des Romans bemerkt Mailer erleichtert, dass der erste Vollmond nach der Landung verrückter gestrahlt habe als jemals zuvor.

W.H. Auden macht in seinem Gedicht "Mondlandung" eine ganz ähnliche Beobachtung. Er nennt die Apollo-Mission einen „phallischen Traum“, mit dem Frauen sich nicht abgegeben hätten, tröstet sich aber damit, dass es dem nächtlichen Himmel einerlei sein dürfte: „Unbeschmutzt / Gott dank ich's / führt mein Mond noch immer die Gestirne an / in seinem Wachsen und Vergeh'n“.

Romantiker fürchteten, die magische Konnotation könne durch die Mondlandung Schaden nehmen: ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Rückschritt für Poeten, Liebende und Vampire. Doch die Romantik konnte sich halten: Die traditionelle Mond-Ikonographie (Geisteskrankheit, Mysterium und Melancholie) wurde nicht durch die der Landung (Raumschiffe, Silberhelme, die Flagge der USA im „Meer der Ruhe“) ersetzt, die beiden konnten nebeneinander existieren.

Weltraum-Mode

Und in gewisser Weise taten sie dies schon immer. Denn auf jeden Maler, der den Mond hell leuchtend und von allem entrückt malte (Turner, Constable, Whistler, Samuel Palmer, William Morris und Atkinson Grimshaw gehören zu den besten) kam ein Science-Fiction-Autor, der Eroberung und Kolonisierung beschrieb. Auch kleine Kinder sind unermüdlich, was ihre Faszination für den Mond angeht. Man erzählt ihnen unmögliche Dinge über den Mond – dass er aus Käse bestehe oder dass ein Mann auf ihm wohne. Doch das Rennen um die Eroberung des Mondes hat die Bedeutung dessen, was unmöglich ist, verändert. Nachdem man Hunde und Affen in den Orbit geschickt hatte, war die Vorstellung einer über den Mond hüpfenden Kuh nicht mehr nur der Unsinn eines Kinderreims.

Gleiches gilt für Lieder wie "Fly me to the Moon". Als Bart Howard 1954 davon erzählte, wie er zwischen den Sternen spielt und wie der Frühling sich auf Jupiter und Mars anfühlt, klang dies wie die Laune eines Verliebten, so ätherisch wie Debussys "Clair de Lune" oder Beethovens "Mondschein-Sonate". Als aber Frank Sinatra den Titel zehn Jahre später noch einmal einspielte, hörte man aus dem Text nur noch die Wünsche Chruschtschows und Kennedys heraus. Kosmonauten und Raumschiffe wurden chic. Selbst Modedesigner kamen an Bord.

André Courrèges entwarf den Moon-Girl-Look: Miniröcke, überdimensionale Sonnenbrillen und wadenhohe Plateaustiefeletten. Paco Rabanne machte sich mit den Kostüm-Entwürfen für Barabella einen Namen – ein Film mit Jane Fonda als Weltraumreisende des vierzigsten Jahrhunderts. Das Sexappeal der Weltraummode wurde dadurch unterstrichen, dass Fonda sich während des Vorspanns in der Schwerelosigkeit schwebend ihres Raumanzuges entledigte.

Unzählige im All spielende Filme folgten – von Star Wars bis Apollo 13. Das Ereignis der Mondlandung war für das Kino allerdings überhaupt nichts Neues: Georges Méliès Stummfilm Le Voyage dans la Lune stammt aus dem Jahr 1902 und verdankt selbst wiederum vieles Jules Vernes Von der Erde zum Mond von 1865 und H.G. Wells' Die ersten Menschen auf dem Mond von 1901. Aber auch Verne und Wells waren keine Pioniere auf dem Gebiet. Schon der griechische Satiriker Lucian von Samosata schrieb 160 vor unserer Zeitrechnung über einen Flug zum Mond und das Thema tauchte danach in regelmäßigen Abständen immer wieder auf und wurde unter anderem von Danie Defoe, Washington Irving und Edgar Allan Poe aufgegriffen.

Auch wenn die Wissenschaftler gerne so tun, als gehöre der Mond ihnen, so bewohnen ihn Künstler doch schon weit länger, und keine noch so große Gesteinssammlung kann sein Mysterium zerstören. Auf einer neuen Louis-Vuitton-Anzeige sind die drei ehemaligen Kosmonauten Buzz Aldrin, Jim Lovell und Sally Ride zu sehen, wie sie aus einem verbeulten Pickup-Truck in der kalifornischen Wüste zum Mond empor sehen. Und obwohl sie alle schon einmal dort oben zwischen den Sternen waren, blicken sie immer noch voller Ehrfurcht auf den vollen weißen Planeten, der ungetrübt, makellos, unerreichbar und kalt auf sie herniederblickt.

Übersetzung: Holger Hutt; Foto: NASA

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12:45 17.07.2009
Geschrieben von

Blake Morrison, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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