To Click or not to Click?

Nacktbilder-Skandal Von Privataufnahmen bis hin zu Gewaltvideos – das Internet ist voll von zweifelhaften Inhalten für Schaulustige. Sind wir in der Lage, uns das Gaffen abzugewöhnen?
To Click or not to Click?
Eine der Hauptleidtragenden des Nacktbilder-Skandals: Jennifer Lawrence

Bild: Ian Gavan / Getty Images

Als der mittlerweile verstorbene Filmkritiker Roger Ebert vor ein paar Jahren einen Artikel über den Pornoheft-Besitzer Hugh Hefner mit dem Nacktbild eines Playmates illustrierte, beschwerten sich Leser und Leserinnen bei ihm, warum er dem Text keine Warnung (NSFW) vorangestellt habe, dass der Text sich nicht zur Lektüre am Arbeitsplatz eigne. Es gebe bei ihnen strenge Verhaltensvorschriften. Wenn ein Kollege oder eine Kollegin Nacktbilder auf dem Monitor sehe, könne er oder sie sich belästigt fühlen, was Abmahnung oder gar Kündigung zur Folge haben könne.

Ich musste an Ebert denken, als Anfang der Woche ein Sturm der Empörung darüber losbrach, dass auf Seiten wie 4chan private Nacktbilder von ungefähr 100 Prominenten eingestellt worden sind, unter ihnen auch Jennifer Lawrence, Scarlett Johansson, Rihanna und Mary Elizabeth Winstead. Auf einmal wurden wir von allen Seiten aufgefordert, nicht hinzusehen, und das nicht etwa, weil die Bilder sich nicht für den Arbeitsplatz eigneten, sondern weil sie eine Form von Missbrauch darstellen.

In den vier Jahren, die seit Eberts Artikel vergangen sind, hat die Zahl der Warnungen und Hinweise darauf, bestimmte Dinge nicht anzuklicken, rasant zugenommen. Und während die Not Safe for Work-Warnung oft als pragmatischer Ratschlag gedient haben mag (hinter dem natürlich ethische Normen bezüglich des Verhaltens am Arbeitsplatz standen), haben die jüngeren Aufforderungen, nicht zu klicken, eine moralische Kraft, die – zumindest möglicherweise – etwas nahelegt, was der eigenen Intuition zuwiderläuft: die Verbreitung von Gewissensbissen in der niederträchtigsten, sexualisiertesten und unmoralischsten aller menschlichen Erfindungen: dem Internet. Aber wie gesagt: nur vielleicht.

Die Leute geht das nichts an

Ein Beispiel: In einem Guardian-Stück von dieser Woche argumentiert Van Badham, bei den Bilder von Stars wie Jennifer Lawrence und Scarlett Johansson handele es sich um intime Aufnahmen, die von oder für deren Geliebte gemacht worden seien, und die Leute wie mich nichts angingen. Es sei unmoralisch und verletzte das Recht dieser Frauen auf Privatsphäre.

Das stimmt. Absolut. Abgesehen davon warf der Artikel bei mir aber noch ganz andere Fragen auf, wichtige Fragen, die mein Leben betreffen. Zum Beispiel: Bin ich eigentlich der einzige, der keine Nacktbilder auf seinem Handy hat, die ihm von Hackern gestohlen werden könnten? Wäre das Verhältnis zwischen mir und meiner Frau besser und harmonischer, wenn ich ihr Nacktbilder von mir schicken würde, anstatt sie nur anzustubsen, damit sie in unserem Online-Scrabble-Marathon endlich mal wieder etwas legt? Seien wir ehrlich: Promis sind uns einfach überlegen.

Aber lassen wir meine mannigfaltigen Unzulänglichkeiten als Liebhaber und Mensch einmal für einen Augenblick außer Acht. Badhams Hauptthese lautet, man würde die Privatsphäre von Lawrence verletzen, wenn man sich gestohlene Nacktbilder von ihr ansieht und stehe damit auf einer Stufe mit Leuten wie Jimmy Savile, Stuart Hall und Gary Glitter. So hat sie das natürlich nicht gesagt, nur so ähnlich: „Es ist ein sexueller Übergriff, der die gleiche gesellschaftliche und rechtliche Strafe verdient wie Stalking und andere sexuellen Straftaten.“ Natürlich verstehe ich Van Badhams Argument: Ethisch, wenn auch nicht rechtlich, (so vermute ich zumindest), verletzten diejenigen, die sich Lawrence gestohlene Nacktbilder ansehen, das Recht der Frau, einen der schwierigsten Spagate überhaupt zu bewerkstelligen: nämlich ein Hollywood-Star zu sein, dessen Arbeit es mit sich bringt, seinen Körper vor Fotografen in Posen zu präsentieren, die nicht nur mir sexualisiert erscheinen, als Rolemodel für junge Mädchen zu fungieren und gleichzeitig ihr Recht auf Privatsphäre zu wahren. Ein harter Job, Ms Lawrence.

Das Treiben geht munter weiter

Doch der Aufruf, diese Bilder nicht anzuklicken, bringt mehrere Widersprüche mit sich: Erstens könnte ich ohne Weiteres auf andere, hoch sexualisierte Bilder von einigen dieser Stars klicken, deren Veröffentlichung sie erlaubt haben, um ihre Marke zu befördern. Und zweitens geht das menschenverachtende und unglücklich machende Treiben im Netz munter weiter, während wir über die Verletzung der Privatsphäre dieser Stars sprechen bzw. sie zurückweisen.

Badhams Ermahnung zu Klickverzicht trägt wenig dazu bei, die Elefantenherde im Zimmer anzusprechen: die Verdinglichung weiblicher Körper, die vom Internet ermöglichte Verbreitung von Frauenfeindlichkeit und Online-Pornografie in einem Ausmaß, das Hugh Hefner sich in seinen feuchtesten Träumen nicht hätte ausmalen können und die Schäden, die die endlose Parade nackter Körper für zwischenmenschliche Beziehungen hat.

Aber egal. Die Aufforderung, nicht zu klicken, macht die Runde und wir lernen, vielleicht etwas spät, dass das Recht, sich im Netz frei zu bewegen, auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Vor kurzem wurde uns ein anderes Argument für diese Verantwortung geliefert, als die Terrororganisation IS den Mord an dem amerikanischen Fotojournalisten James Foley filmte und unter dem Titel “A Message to America” bei YouTube hochlud. Kurz darauf wurde es wieder von der Seite entfernt, tauchte später aber auf Seiten wie LiveLeak und Vimeo wieder auf.

Respektiert die Privatsphäre

Unter denjenigen, die dazu aufriefen, Links zu dem Video nicht anzuklicken, war auch James Cousin, Kelly Foley. Seine Botschaft wurde auf Twitter 1.000 Mal retweetet. „Bitte ehrt James Foley und respektiert die Privatsphäre meiner Familie. Seht Euch dieses Video nicht an.“ Unter dem Hashtag #ISISMediaBlackout wurde dazu aufgerufen, die Bilder nicht weiterzuverbreiten, um den Terroristen so den Sauerstoff der öffentlichen Aufmerksamkeit abzudrehen. „Beschneidet ihre Reichweite. Gießt Wasser auf ihre Flamme“, twitterte ein Unterstützer der Hashtag-Kampagne. Andere sahen die Sache anders: „Manche sehen in dem Video den Beweis für die Barbarei dieser Militanten und die Tragödie von Foleys Tod“, schrieb Bill Chappell vom National Public Radio in den USA. „Manche halten die Beschränkung von Bildern für Zensur. Andere fragen, warum der Mord an einem unschuldigen Amerikaner anders behandelt werden sollte als andere Fälle“. Die jüngste Exekution von Steven Sotloff wird wahrscheinlich eine ähnliche Debatte hervorrufen.

Klicken oder nicht klicken: Das Phänomen des sogenannten Click-Baitings oder Click-Köderns verleiht dieser Frage zusätzliche Brisanz. Facebook hat es vor kurzem folgendermaßen definiert: „Wenn ein Verleger einen Link mit einer Schlagzeile postet, die die Leute dazu animiert, sich mehr anzusehen, ohne ihnen viel Information darüber zu geben, was sie zu Gesicht bekommen werden. Solche Posts bekommen tendenziell viele Clicks. Das bedeutet, dass sie mehr Menschen gezeigt werden und in den News Feeds weiter nach oben steigen.“

Sie wissen, wovon die Rede ist. Die Schlagzeile lautet: „Sie werden NIE glauben, welche zwei Promis gestern Abend auf dem roten Teppich aneinandergeraten sind!!!“ Und wenn Sie dann draufklicken: Was für eine Enttäuschung – an der Geschichte ist überhaupt nichts dran! Dafür wird man mit so vielen Pop-ups zugeballert, dass man sich am liebsten hinlegen möchte, um lange und ausgiebig zu weinen.

Facebook hat vergangenen Monat angekündigt, es wolle nun gegen derart wertlose Clickbait-Storys und Links vorgehen. Wonach aber wollen sie entscheiden, was Clickbait ist und was nicht? Wenn Facebook-Nutzer den Link zu einer Geschichte anklicken und dann schnell wieder zurückkommen, lässt dies darauf schließen, dass sie die Geschichte nicht besonders gut fanden. Man könne auch die Daten auswerten: Wieviele haben den Text angeklickt und wie viele haben über ihn diskutiert oder ihn mit ihren Freunden geteilt – je mehr Kommentare und Shares, so die Überlegung von Facebook, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Clickbait handelt.

An die niedrigsten Instinkte appelliert

Aber Clickbait ist mehr als das, wie die Analysten Sally Kohn in einem TED-Talk zu dem Thema erläutert. Es meint auch all die Nicht-Meldungen oder den erniedrigenden Unsinn, der sich im Netz verbreitet, wenn wir unsere ethischen Maßstäbe vergessen, sobald wir unsre Computer einschalten. „Wir müssen damit aufhören, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu klicken, auf all das, was an die niedrigsten Instinkte appelliert“, so Kohn. (Und das war noch bevor 4chan noch schmieriger wurde und alle Frauen auforderte, aus „Solidarität“ mit Jennifer Lawrence Nacktbilder von sich selbst zu posten.)

„Die Geschichte über ein Zugunglück anzuklicken, gießt noch zusätzlich Benzin auf die Sache, und unsere gesamte Kultur fängt Feuer. Die Motivation besteht darin, mehr Lärm zu veranstalten, um gehört zu werden, und diese Tyrannei der Lauten befördert die Tyrannei des Hässlichen. Das muss aber nicht so sein.“ Man müsse eben verantwortlich klicken, so Kohn: „Wenn das gewinnt, was am meisten Klicks bringt, dann müssen wir anfangen, die Welt, die wir wollen, mit unseren Clicks zu gestalten. Denn zu klicken ist ein öffentlicher Akt.“

Natürlich kann man sich auch in die Sache hineinsteigern. Der blutrünstige Antinomist in uns allen klickt wahrscheinlich erst recht, wenn er ermahnt wird, es nicht zu tun. Als George Monbiot vorgestern getwittert hat: „Bitte unterschreibt eine Twitter-Verpflichtung, Euch die gestohlenen Nacktbilder nicht anzusehen und nutzt dafür das Hashtag #NoGawping“ wollte ein Teil von mir nichts dringlicher als eben zu gaffen. Aber, verehrter Leser, verehrte Leserin, ich habe widerstanden. Stattdessen habe ich einen Text im New Yorker gelesen, der darüber berichtet, wie sich Professorin Mary Beard mit frauenfeindlichen Trolls herumschlagen muss. Das hat mich wieder zur Besinnung gebracht.

Please RT: Please sign a twitter pledge not to look at stolen photos of nude celebrities. Do so by using the hashtag #NoGawping

— GeorgeMonbiot (@GeorgeMonbiot) 2. September 2014

In Truffauts Film Baisers volés von 1968 erklärt Delphine Seyrig ihrem jungen Liebhaber den Unterschied zwischen Höflichkeit und Takt. „Stell dir vor, du betrittst unabsichtlich ein Badezimmer, in dem eine Frau gerade nackt unter der Dusche steht“, sagt sie. „Die Höflichkeit erfordert es, die Tür schnell wieder zu schließen und zu sagen: ‘Pardon, Madame!’. Wer aber taktvoll ist, schließt die Tür schnell wieder und sagt: ‘Pardon, Monsieur!’” „Nur so zu tun, als habe man noch nicht einmal genug gesehen, um zu wissen, ob es sich bei der Person um eine Frau oder um einen Mann handelt, zeige wirkliches Taktgefühl, erklärte Slavoj Žižek vor kurzem.

Aber das ist heute nicht unser Thema. Sicher müssen wir von neuem lernen, die Privatsphäre anderer zu respektieren, insbesondere die Privatsphäre von Frauen, die nicht wollen, dass wir uns ihre nackten Körper ansehen. Aber wir müssen mehr lernen als Takt, wenn Takt die Lüge beinhaltet, von der Žižek spricht, d.h. so zu tun, als hätten wir nichts gesehen. Wir müssen wirklich lernen, nicht zu gaffen. „Wir sind die neuen Redakteure. Wir entscheiden, was Aufmerksamkeit erhält“, sagt Sally Kohn über unser Online-Verhalten. Sie hat Recht. Aber zu lange haben wir von dieser neuen Macht keinen verantwortlichen Gebrauch gemacht. Tagein, tagaus, sitzen wir vor unseren Bildschirmen und sind zu unverschämt, um wegzusehen.

Übersetzung: Holger Hutt

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09:48 04.09.2014
Geschrieben von

Stuart Jeffries | The Guardian

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The Guardian

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