Tochter vieler Väter

Eisern Margaret Thatcher wurde am Mittwoch beerdigt. Sie war nicht nur eine beinharte Konservative. Sondern vor allem eine kühne Erfindung ihrer Berater
| Ausgabe 15/2013 16
Tochter vieler Väter

Fotos: Ian Gavan/ AFP/ Getty Images

Es war das Jahr 1972. Wir warteten, dass Lord Annan in der Richard-Dimbleby-Einführungsvorlesung die Frage beantworten würde „Wofür sind Universitäten überhaupt gut?“. Die Kameras der BBC waren aufnahmebereit, da führte eine Gruppe von Männern in dunklen Anzügen eine blonde Frau in den Hörsaal, die ein bodenlanges, scharlachrotes Chiffonkleid trug und an deren Ohrläppchen und Hals eisblaue Steine funkelten.

Als die Männer sich um sie aufreihten, ging ein Flüstern durch die Bankreihen: „Thatcher Milksnatcher!“ („Thatcher Milchräuberin“). Dieses Glamourgirl war die Bildungsministerin in der Regierung von Edward Heath und wurde von Journalisten karrikiert als „das gemeinste und bösartigste Mitglied einer gemeinen und bösartigen Regierung“, die der freien Schulmilch für Grundschüler ein Ende bereitete.

Einige Monate später leitete der TV-Produzent Gordon Reece den langen Prozess ein, durch den sich die dekorative Millionärsehefrau mit dem falschen, kristallklaren Akzent in die nüchterne Tochter eines Lebensmittelhändlers verwandelte, die 1975 die Vorsitzende der Konservativen Partei werden würde. Auf Reeces Rat veränderte Thatcher ihre Frisur, verzichtete auf tiefe Ausschnitte, mied Hüte, trug Pasteltöne, hielt ihre Hände außer Sicht und bemühte sich, ihre Stimme zu senken. Nie zuvor war ein britischer Parteivorsitzender so verpackt worden. Die britischen Wähler kauften die Packung. Margaret Thatcher, der Superstar der Hausfrauen, wurde am 4. Mai 1979 Premierministerin. Reece war zur Stelle, wann immer sie ihn brauchte, was in diesen frühen Tagen oft der Fall war.

Keine Skrupel

Die Vorstellung, der Thatcherismus sei 30 Jahre alt, mag verführerisch sein, führt aber in die Irre. Thatchers Job bestand darin, Strategien, die bereits ausprobiert worden waren, so zu präsentieren, dass sie einer neuen Generation von Wählern akzeptabel erschienen. Sie beklagte den bloßen Gedanken, Britannien sei im Niedergang, sprach von sich als Nachfolgerin in „Winstons“ Fußstapfen – all dieser Unsinn, der, recycelt von der Boulevardpresse, sie heroisch aussehen und klingen ließ.

Sie sagte gern, sie wisse, was sie wolle, aber das war auch schon fast alles, was sie wusste. Sicherlich wusste sie, die keine Ökonomin war, ihre Erklärungen mit erstaunlichen Details zu würzen, die zu Behauptungen wuchsen, die ihre Gegner verstummen ließen. Dieselbe Technik benutzte sie, um ihre Beamten zu verunsichern. Aber nie hat sie eine übergreifende Strategie definiert, nie eine Staatstheorie entwickelt. Sie hatte wenig Achtung vor der Demokratie und keine Skrupel.

Der Thachterismus wird heute als eine Ideologie geschmäht, die Gier und Selbstsucht bis zu dem Punkt verherrlichte, an dem die Kräfte des Gemeinwesens gefährdet wurden. Doch er war nie etwas derart Systematisches. Oft wird erzählt, wie Thatcher als Oppositionsführerin in einem Seminar am Centre for Policy Studies erschien, eine Ausgabe von Friedrich von Hayeks Die Verfassung der Freiheit auf den Tisch knallte und verkündete: „Das ist es, woran wir glauben.“ Sie behauptete, Hayek in Oxford gelesen zu haben, aber in ihrer Version seiner Argumente hätte der Ökonom sich wohl nicht wiedererkannt. Ihr Bekenntnis zum freien Markt, zur Erzeugung von Wohlstand und zu niedrigeren Steuern war absolut. Hayek dagegen glaubte, dass „vielleicht nichts der liberalen Sache so viel Schaden zugefügt hat wie das steife Beharren einiger Liberaler auf bestimmten Faustregeln, allen voran auf dem Prinzip des Laissez-Faire-Kapitalismus.“ „Steifes Beharren“ beschreibt Thatchers Stil genau. Der Kapitalismus braucht eine starke und stabile Regierung, die Märkte ordnen und Gesetze durchsetzen kann. Die Bankenregulierung nahm unter Thatcher rasch zu, aber was sich noch schneller entwickelte, war eine Kultur von Umgehung und Schwindelei. Erfolg und Profit waren identisch. Ihre Karriere zeigt eine kühle Missachtung der Prinzipien des freien Marktes, an den sie blind glaubte. Wie um alles in der Welt kam sie damit durch?

Thatcher wurde der neue Konsens. Ende 1984 schrieb die Financial Times, dass die „thatcheristische Wirtschaftspolitik nicht sehr viel anders oder besser oder schlechter ist als jene, zu der andere europäische Regierungen, ob sie konservativ genannt werden wie in Deutschland oder sozialistisch wie in Frankreich, gefunden haben.“

Selbst als Thatcher einige Energie darauf verwendete, sich als pflichtbewusste Hausfrau zu entwerfen, die ihrem Mann jeden Morgen das Frühstück bereitete, bevor sie ins Unterhaus kam, und die jeden Abend nach Hause eilte, um seinen Tee auf den Tisch zu stellen, verbrachte sie überraschend viel Zeit damit, leicht und nicht ganz so leicht verrufene Männer zu unterhalten. Jahre lang war ihr engster Vertrauter der Murdoch-Journalist Woodrow Wyatt, ein Wendehals, Snob und Lüstling, ein Mann, den ihr Vater wohl aus dem Haus gejagt hätte. Sie war fasziniert von den sexuellen Abenteuern ihrer männlichen Kollegen und bezauberte solche Männer, indem sie jedes ihrer Worte als tiefgründig behandelte. Männer, die ihren Schmeicheleien gegenüber immun waren, wurden degradiert. Ihrem Vorgänger Edward Heath bot sie nie einen akzeptablen Posten an und lud ihn nie zu gesellschaftlichen Ereignissen in die Downing Street ein.

Richtung Oxford

Thatcher war ausschließlich eine Männer-Frau, angefangen bei der Stilisierung zum Vaterkind. Über die Beziehung zu ihrer Mutter hatte sie nichts zu sagen, außer dass die ihr beigebracht hatte, ein Hemd zu bügeln. Aber den in seinem Kolonialwarengeschäft hart arbeitenden, gottesfürchtigen Vater führte sie regelmäßig ins Feld. So nützlich sie die Idee von ihm fand, so wenig Zeit verbrachte sie mit dem Mann selbst. Nachdem sie Grantham einmal Richtung Oxford verlassen hatte, kehrte sie selten zurück. Schnellstmöglich entledigte sie sich ihres Lincolnshire-Akzents, gemeinsam mit dem methodistischen Glauben ihrer Familie. Was Thatcher tat – im Unterschied zu dem, was sie sagte –, widersprach völlig der Moral ihres Vaters, die verlangte, dass man nichts kaufte, was man nicht bezahlen konnte, dass Schulden umgehend zu begleichen seien und dass die Wohlhabenden ihre Verantwortung für die Benachteiligten wahrnehmen sollten.

1981 erzählte sie dem Journalisten Brian Walden, dass ihr Vater die Börse als eine Form des Glücksspiels verachtete. Und doch leitete sie die Liberalisierung des Bankwesens ein und brachte jenen Prozess ans Laufen, den alle ihre Nachfolger, ob Tory oder New Labour, fortsetzen würden. Der Vater widmete sich dem Wohlergehen seiner Gemeinde; die Tochter entmachtete die Lokalregierungen. Es liegt nahe, dass sie eigentlich auf der Flucht vor ihrem Vater war.

Bei jeder Lektüre der gewaltigen Masse an Dokumentationen über die Thatcher-Jahre wird klar, dass Thatcher selbst nicht die Autorin des Thatcherismus ist. Er wurde, genau wie ihr öffentliches Image, zusammengefügt als Antwort auf eine Reihe von tiefen Zwängen. Seit Jahren war klar gewesen, wer immer Britannien regieren würde, musste mit dem Problem angeschlagener Industrien, exzessiver Staatsausgaben und der Macht der Elite-Gewerkschaften umgehen. Als Thatcher 1979 gewählt worden war, hatte die Öffentlichkeit die Geduld mit den Gewerkschaften verloren. Sie hatte ein Mandat, sich mit ihnen zu befassen, aber sie musste vorsichtig vorgehen. Man notierte, wie schüchtern sie während ihrer ersten Amtszeit war. Als die Russen sie 1976 die Eiserne Lady tauften, taten sie ihr einen großen Gefallen.

Thatchers Stärke entstammte unmittelbar ihren Beschränkungen. Wäre sie belesener gewesen oder von Fantasie geplagt, hätte sie einen Sinn für Humor gehabt oder annähernd so viel Einblick in das Leben gewöhnlicher Menschen, wie sie behauptete – sie wäre außerstande gewesen, das Land in jene Schuldnerökonomie zu verwandeln, mit der wir uns jetzt herumschlagen. Hätte sich der Sozialismus in einer besseren Verfassung befunden, so wäre es ihr nicht gelungen, ihn in ein schmutziges Wort zu verwandeln. Thatcher dachte, sie und Reagan hätten die Sowjetunion zu Fall gebracht. Tatsächlich aber fiel sie, genau wie das alte Labour, einfach auseinander. Es ist die poetischste Art von Gerechtigkeit, dass das Reich des Bösen nun jenes Thatchers ist und Thatcherismus ein schmutziges Wort.

Germaine Greer (geb. 1939 in Australien) ist eine der wichtigsten feministischen Intellektuellen. Ihr Text wurde zu Margaret Thatchers 30. Regierungsantritt am 3. Mai 2009 erstmals veröffentlicht


AUSGABE

Übersetzung: Steffen Vogel

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Geschrieben von

Germaine Greer | The Guardian

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