Tod durch Ehrenmord

Frauenstudie Laut einem aktuellen Report ist Afghanistan das für Frauen gefährlichste Land, gefolgt von Kongo, Pakistan, Indien und Somalia. Armut ist mit Sicherheit immer im Spiel

Gezielte Gewalt gegen weibliche Angestellte im öffentlichen Dienst, eine miserable medizinische Versorgung und erbitterte Armut machen Afghanistan für Frauen laut einer heute veröffentlichten Studie zum weltweit gefährlichsten Land, gefolgt von der Demokratischen Republik Kongo (DRK), Pakistan, Indien und Somalia. Dass ausgrechnet Indien, ein sich zur Supermacht entwickelndes Land, in der Liste der „Top Five“ auftaucht, kommt unerwartet. Es wird aber als extrem gefährlich eingestuft, weil auf dem Subkontinent besonders viele Mädchen gleich nach der Geburt getötet oder später Opfer von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung werden.

Die Untersuchung wurde von der Thomson Reuters Foundation anlässlich der Inbetriebnahme der Website TrustLaw Woman erstellt, die Frauengruppen auf der ganzen Welt kostenlose REchtsberatung anbietet.

Hauptstadt der Vergewaltigung

Hohe Müttersterblichkeitsraten, begrenzter Zugang zu medizinischer und ärztlicher Versorgung, ein „nahezu vollständiger Mangel an ökonomischen Rechten“, der anhaltende militärische Konflikt, die Luftschläge der NATO und bestimmte kulturelle Praktiken sind verantwortlich dafür, dass Afghanistan auf dieser Negativ-Hitliste den ersten Platz einnimmt. „Frauen, die öffentlich das Wort ergreifen oder als Polizistin oder Nachrichtensprecherin arbeitend die überkommenen Gender-Stereotypen in Frage stellen, was sich für Frauen 'ziemt' und was nicht, werden oft eingeschüchtert oder ermordet“, sagt Antonella Notari, die Vorsitzende von Women Change Makers, einer Gruppe, die rund um den Globus Existenzgründerinnen unterstützt.

Das „schwindelerregende Ausmaß sexueller Gewalt“ im Osten der Demokratischen Republik Kongo brachte das Land auf Platz zwei der Negativliste. Einer jüngst veröffentlichten Studie aus den USA zufolge werden im Kongo jedes Jahr 400.000 Frauen vergewaltigt. Die UNO hat das Land als „Hauptstadt der Vergewaltigung“ bezeichnet. Menschenrechtsaktivisten zufolge nehmen Soldaten Menschen jeden Alters ins Visier, von dreijährigen Mädchen bis hin zu älteren Frauen“, heißt es in dem Report. „Sie werden Opfer von Massenvergewaltigungen oder mit Bajonetten missbraucht; manchen Frauen wird mit dem Gewehr in die Vagina geschossen.“

Pakistan rangiert dank frauenfeindlicher Praktiken „kulturellen“, tribalistischen oder religiösen Ursprungs an dritter Stelle. „Hierzu gehören Angriffe mit Säure, Kinder- und Zwangsheiraten sowie Bestrafung oder Rache durch Steinigung oder andere körperliche Misshandlungen“, so die Erhebung. Divya Bajpai, Beraterin für Reproduktionsgesundheit bei der International HIV/Aids Alliance fügt hinzu: „Pakistan gehört zu den Ländern mit der höchsten Quote an sogenannten Mitgift- und Ehrenmorden sowie Frühverheiratungen.“ Der pakistanischen Menschenrechtskommission zufolge sterben landesweit jedes Jahr 1.000 Mädchen und Frauen durch so genannte Ehrenmorde.

Gefährliche Schwangerschaft

Indien rangiert in der Liste auf dem vierten Platz. „Die indische Bundespolizei schätzt, dass 2009 90 Prozent des gesamten Menschenhandels sich hier abspielte und es drei Millionen Prostituierte gab, von denen ungefähr 40 Prozent Kinder waren“, so die Untersuchung. Zwangsheirat und -arbeit stellen zusätzliche Gefahren dar, von denen besonders Frauen betroffen sind. „Im 20. Jahrhundert wurden bis zu 50 Millionen Mädchen bereits als Föten und oder direkt nach der Geburt getötet, weil Eltern lieber Jungen haben möchten als Mädchen“, heißt es seitens des UN Population Fund.

In dem sich auf die politische Teilung vorbereitenden Somalia sind die größten Probleme die hohe Müttersterblichkeit, das Ausmaß an Vergewaltigungen, weiblichen Genitalverstümmelungen sowie der eingeschränkte Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Frauenministerin Qasim: „Das Gefährlichste, was eine Frau in Somalia tun kann, ist schwanger zu werden. Dann stehen ihre Überlebenschancen 50:50. Es gibt keinerlei Schwangerschaftsfürsorge, keine Hospitäler, keine Gesundheitsvorsorge, kein Garnichts.“ Nach Ansicht von Monique Villa, Geschäftsführerin der Thomson Reuters Foundation, sind versteckte Risiken wie der Mangel an Bildung oder ein katastrophal schlechter Zugang zu Gesundheitsvorsorge genau so tödlich wie physische Gefahren, die mit Vergewaltigungen und Mord heraufbeschworen werden, wie sie gewöhnlich die Schlagzeilen bestimmen. „In den angeführten fünf Ländern werden Frauen die Menschenrechte systematisch verweigert. Wenn dort aber eine Frau Arbeit hat, sind ihre Kinder besser ernährt und haben eine bessere Ausbildung, denn Frauen verwenden ihr Geld für ihre Familie.“

Fünf Länder, fünf Schicksale

Afghanistan: Immer mehr Frauen suchen in diesem Land Zuflucht in der Selbstverbrennung. Die 20-jährige Salma hat sich bei einem Selbstmordversuch mit Petroleum übergossen und dabei an 70 Prozent ihres Körpers Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. Warum sie das getan hat, will sie nicht sagen. Wie sie sehen viele junge afghanische Frauen den einzigen Ausweg aus häuslicher Gewalt, ökonomischer Diskriminierung und Armut in einer Selbsttötung.

Indien: Auch hier herrschen häusliche Gewalt und ökonomischer Druck. Der Ehemann der 33-jährigen Kusum trinkt, schlägt sie und fordert ihren gesamten Lohn für sich. Als sie zur Polizei ging, sagten die Beamten nur, sie sei eine schlechte Ehefrau, und verspotteten sie. Als Angehörige der untersten Kaste ist sie noch zusätzlicher Diskriminierung ausgesetzt.

Somalia: Das Unglück, eine Frau zu sein! Fatima Osman Bulle und Fadumo Isaak Ahmed aus Mogadischu bezeichnen sich selbst als Sklavinnen ihrer Männer. Sie werden geschlagen, wenn sie keine Arbeit finden und genießen in ihren Familien das geringste Ansehen.

Kongo: Vergewaltigung als Mittel des Krieges hat in diesem zentralafrikanischen Staat das Leben Tausender von Frauen zerstört. Zwei von ihnen berichten.

Pakistan: Das Opfer eines Säureanschlages kämpft um Gerechtigkeit. Als sie 13 war, wurde Naila Fahrhat von ihrem Lehrer aufgefordert, mit ihm zu kommen. Als sie sich weigerte, übergoss er sie, unterstützt von einem Komplizen, mit Säure. Der Lehrer konnte sich freikaufen, doch sein Komplize wurde vom höchsten pakistanischen Gericht 2009 zu 12 Jahren Haft verurteilt. Naila aber leidet heute noch an den Folgen der Attacke.


Die Untersuchung basierte auf Aussagen von über 200 Mitgliedern aus Hilfsorganisationen, von Wissenschaftlern, Politikern, Journalisten und Entwicklungshilfespezialisten, die wegen ihrer Expertise für Gender-Themen ausgewählt worden waren.

Die Website von TrustLaw ist bereits seit geraumer Zeit online. Sie verlinkt zu NGO vor Ort und zu über 450 Anwaltskanzleien auf der ganzen Welt, die kostenlose Rechtsberatung anbieten.

Übersetzung: Holger Hutt
16:30 15.06.2011
Geschrieben von

Owen Bowcott | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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