Tolle Kurve hast du

Verhütung Die App Natural Cycles verspricht, eine hippe und stressfreie Alternative zu Hormonen zu sein. Ich wurde schwanger
Tolle Kurve hast du

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Letzten Sommer habe ich abgetrieben. Statistisch ist das nicht bemerkenswert, mir ist aber weder ein Kondom gerissen, noch habe ich die Pille vergessen. Ich hatte vier Monate mit einem viel gehypten „digitalen Verhütungsmittel“ aus Schweden hinter mir: einer Smartphone-App namens Natural Cycles.

Als ich acht Monate mit meinem Freund zusammen war, suchte ich verzweifelt nach einem stressfreien Verhütungsmittel. In meinen Zwanzigern hatte ich die Pille genommen und fand es furchtbar, nicht zu wissen, ob meine Gefühle echt oder das Ergebnis künstlicher Hormone waren. Da begannen mich die Anzeigen in den sozialen Medien zu verfolgen: strahlende Frauen, die sich in skandinavischen Schlafzimmern zurücklehnten – die Laken hellgrau, das Licht gedämpft. Sie erzählten mir, wie großartig es sich anfühle, „sich selbst besser kennenzulernen“. Natural Cycles versprach die weltweit erste Verhütungsapp zu sein: natürlich, hormonfrei und nichtinvasiv. Elina Berglund, die Chefin von Natural Cycles, ist Physikerin und war am Cern-Institut an der Entdeckung des Higgs-Boson beteiligt.

Messen, eintippen, fertig

Femtech, also Technologie für Frauengesundheit, boomt. Schätzungen zufolge wurde in den letzten drei Jahren weltweit eine Milliarde Dollar investiert.

Apps wie Clue, Dot, Glow und Spot On sind beliebte Menstruationstracker. Natural Cycles verspricht sogar noch mehr: als einzige App ist sie auch als Verhütungsmittel in der EU zugelassen und in Deutschland vom TÜV Süd zertifiziert. Natural Cycles hat mehr als 900.000 registrierte Nutzerinnen in über 200 Ländern. Etwa 75 Prozent nutzen sie zur Verhütung. Zur App (64,99 Euro/jährlich oder 8,99 Euro/monatlich) gehört ein Thermometer mit zwei Dezimalstellen. Nach dem Aufwachen, vor dem Aufstehen, tippen Nutzerinnen die gemessene Temperatur in die App, die dann die Fruchtbarkeit berechnet und in einem Kalender anzeigt. Grün markierte Tage stehen für „Du kannst nicht schwanger werden“, rote für „Verwende Schutz“, also zusätzliche Verhütung.

Keine Hormone, kein Implantat, kein Stress. So einfach, wie mit dem Handy Essen oder ein Taxi zu bestellen. Dazu rosige Versprechen, ein elegantes User-Interface, und ich konnte loslegen, ohne vorher zwei Wochen auf einen Arzttermin zu warten.

Ich stellte fest, dass es gar nicht so einfach ist, regelmäßig die Körpertemperatur zu messen. Oft stand ich verschlafen aus dem Bett auf, weil ich dringend pinkeln musste, und merkte zu spät, dass ich es vergessen hatte. Also fing ich an, mitten in der Nacht präventiv pinkeln zu gehen – vor lauter Angst, morgens mein Messfenster zu verpassen.

Mit der Pille spielte es keine Rolle, ob ich noch im Bett lag, wenn ich sie nahm. Mit Natural Cycles schien es auf jede Bewegung anzukommen. Das war so lange komisch, bis es tragisch wurde. Nach vier Monaten versagte die App. Am Tag, als ich schwanger wurde, hüpfte die Ampel hin und her, von Rot auf Grün, von „fruchtbar“ auf „unfruchtbar“. Und das, nachdem ich ungeschützten Sex gehabt hatte.

Elina Berglunds Algorithmus scheiterte an meinem Menstruationszyklus. Und ich war nicht die Einzige: In Schweden, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, meldete im Januar ein großes Krankenhaus, dass 37 von 668 Frauen, die dort zwischen September und Dezember 2017 eine Abtreibung vornehmen ließen, Natural Cycles als einziges Verhütungsmittel verwendet hatten. Natural Cycles findet die Zahl nicht ungewöhnlich: Man habe in Schweden eben auch entsprechend viele Nutzerinnen. Die schwedische Arzneimittelbehörde bestätigte im September, dass die Anzahl ungewollter und gemeldeter Schwangerschaften innerhalb der Erwartung liege. Ich habe meine eigene Abtreibung nicht gemeldet. Nicht einmal meine Eltern wussten davon. Es waren nicht das Stigma oder die Trauer, die mich schweigen ließen. Ich schämte mich auch nicht für die Gründe, sondern weil ich mir so naiv vorkam. Ich hatte die App benutzt, wie ich Technologie in meinem Leben benutze: ohne zu wissen, wie sie funktioniert, aber in der Annahme, dass sie es tut. Wie vielen Frauen ging es genau so?

Da ist Marie, 30, sie stieß auf Instagram auf die App. Unter „Natural Cycles“ finden sich Hunderte Posts von Influencern, die erzählen, wie die App ihr Leben verändert habe. „Ich habe den Hashtag ganz am Ende der Überschrift übersehen, der besagte, dass es sich um einen gesponserten Post handelte“, sagt sie. Nach acht Monaten mit Natural Cycles ist Marie schwanger. Sie hat eine traumatische Abtreibung, ihre Beziehung zerbricht daran. Wie Marie bin auch ich nicht zum Hausarzt gegangen, bevor ich zur App wechselte. Wahrscheinlich ahnte ich, dass er mir davon abraten würde. Er kennt mich besser, als jeder Algorithmus es könnte. Mit 18 verschrieb er mir die Pille, weil meine Periode unregelmäßig war. Ich leide am polyzystischen Ovarialsyndrom, für die Nutzung von Natural Cycles macht mich das ungeeignet, denn mein Einsprung ist unvorhersagbar.

Lieber selten Fieber haben

Heute weiß ich: Die ideale Nutzerin lebt in einer festen, stabilen Beziehung. (Schichtarbeiterinnen, Weltenbummlerinnen, Kränkliche, Gestresste, Schlaflose und Schlampen seien gewarnt.) Sie ist um die 29 und hat nur selten Fieber oder einen Kater und kennt sich mit Fruchtbarkeit aus. Ich könnte noch hinzufügen, dass ihr Telefon nie kaputt ist, dass sie es nie verliert. Sie wacht jeden Tag zur selben Zeit mit einem aufgeladenen Smartphone und einem Thermometer in Reichweite auf.

Keine Verhütungsmethode ist zu 100 Prozent sicher. Oft werden „typischer“ und „perfekter“ Gebrauch unterschieden. „Typisch“ reflektiert einen Spielraum menschlichen Fehlverhaltens. „Perfekt“ bedeutet, dass das Verhütungsmittel absolut korrekt verwendet wird. Bei perfektem Gebrauch wird Natural Cycles eine Wirksamkeit von 99 Prozent attestiert, ein Prozent der Frauen wird also schwanger. Bei regelmäßigem Gebrauch sinkt dieser Wert auf 93 Prozent, schreibt Natural Cycles unter Berufung auf selbst durchgeführte Studien. Der Wert sei besser als bei der Pille (die gilt als 91-prozentig wirksam bei „typischem Gebrauch“, wird allerdings von viel diverseren Nutzerinnen verwendet). Und, anders als bei der Pille, ist man mit der App nicht an jedem Tag des Monats geschützt.

Raoul Scherwitzl, CEO von Natural Cycles, ist charmant und ruft genau zur vereinbarten Uhrzeit an, keine Sekunde zu früh oder zu spät. Seine Frau und er seien „ein typisches User-Paar”, sagt er. „Wir beide hatten in Physik promoviert und arbeiteten am Cern mit schwankenden Daten. Wir fingen dann an, dieselben statistischen Methoden anzuwenden, um den Eisprung meiner Frau unter ihren schwankenden Temperaturen zu bestimmen.“ Ich erzähle Scherwitzl, wie ich schwanger wurde. Scherwitzl sagt, dass tue ihm leid. Neben den „Nachteilen“ gebe es für viele glückliche Userinnen aber auch äußerst positive Seiten.

Hat Natural Cycles seine Kommunikation angepasst, nachdem Frauen schwanger wurden?„Früher haben wir die 93-Prozent-Wirksamkeit ohne den richtigen Kontext zitiert. Dadurch richteten sich gewisse Erwartungen an das Produkt.“ Die Zahl beruht auf einer Studie unter existierenden Nutzerinnen, die auf eigene Initiative teilnahmen. Experten bezeichneten diese Art der Datenerhebung als unangemessen und irreführend, eher Marktforschung als medizinische Studie. Scherwitzl insistiert: die Daten seien belastbar.

Auf naturalcycles.com gibt es einen Entscheidungsbaum, versteckt im Abschnitt für Medizinerinnen. Wäre es für die Patientin ein Desaster, wenn sie im nächsten Jahr schwanger werden würde?, sollen die Ärzte und Ärztinnen fragen. Dann sei die App nicht zu empfehlen. Vielleicht sollte diese Frage obligatorisch sein, wenn man auf einen Link zu Natural Cycles klickt. Stattdessen spricht die App mit der Stimme eines vertrauten Arztes, vermischt mit den gamifizierten Nachrichten, die man aus anderen Apps kennt. „Tolle Kurve, du hast eine schöne, ausgeglichene Temperaturkurve mit kleinen Variationen. Weiter so!“ In Sozialen Medien benutzt Natural Cycles Hashtags wie #yourcyclematters. Vielleicht war es diese Intimität, durch die ich mich so betrogen fühlte, als ich schwanger wurde. Ich vertraute einer Technologie, die sich auf etwas so Unzuverlässiges wie meinen Körper verlässt. Was ist dafür der Hashtag?

Olivia Sudjic ist Schriftstellerin. Ihr Debüt Sympathie erschien 2017 bei Kein & Aber

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 11.12.2018
Geschrieben von

Olivia Sudjic | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 9402
The Guardian
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 5

Dieser Kommentar wurde versteckt