Tony Curtis (1925-2010)

Nachruf Der Schauspieler Tony Curtis ist am 29. September im Alter von 85 Jahren gestorben. Ein Rückblick in Schnipseln auf die Karriere des Unterhaltungskünstlers

Er war jung, hübsch und sprühte nur so vor Ehrgeiz. Als Schauspieler mit einem festen Vertrag in Hollywood, war der junge Tony Curtis gezwungen, sich auf alle möglichen minderwertigen (und zum Teil völlig unpassenden) Produktionen einzulassen. In Der eiserne Ritter von Falworth (1954) spielt er einen kühnen Säbelrassler zur Zeit Henry IV. „Yonder stands the castle of my faddah“, soll er an einer Stelle des Films angeblich gesagt haben. Hat er nie getan. Die Zeile erfanden die Kritiker, um sich über den breiten Akzent des Schauspielers aus der Bronx lustig zu machen.


Wenige Filme haben die korrupte Kehrseite Manhattans in den Fünfzigern besser eingefangen als Das Schicksal in meiner Hand (1957) mit seinem flirrenden Jazz-Soundtrack, den rauchigen, eleganten Bars und den boshaften Figuren, die sie bevölkern. Curtis legt in der Rolle des Sidney Falco – eines glattrasierten Presseagenten, der sich mit Tücke, Schmeicheleien und Überredungskunst seinen Weg durch die New Yorker Zeitungslandschaft bahnt – eine Glanzleistung hin. „Match me, Sidney“, befiehlt Burt Lancester Curtis in der Rolle des Kolumnisten J.J. Hunsecker mit Blick auf seine Zigarette – und scheint ihn damit indirekt zu einem Wettstreit herauszufordern, wer von ihnen der bessere Schauspieler ist.


In Flucht in Ketten (1958) spielt Curtis den aufgeblasenen weißen Rassisten Joker an der Seite Sidney Poitiers in der Rolle des grüblerischen Afro-Amerikaners Noah. Gemeinsam entkommen sie einer Sträflingskolonne und müssen sich an den Fußgelenken mit einer Kette aneinandergefesselt durch den tiefen Süden kämpfen. Stanley Kramers Parabel über das Verhältnis zwischen den Rassen mag aus heutiger Sicht etwas plump wirken, doch wie Curtis und Poitier mit vollem Körpereinsatz agieren, hält den Film über Wasser. Die Rolle des Joker brachte Curtis seine einzige Nominierung für einen Oskar als Bester Schauspieler ein.


Richard Fleischers Ruderboot-Epos Die Wikinger war groß, dreist und lärmend. Die New York Times verriss es als „Nordische Oper“, doch das Publikum nahm den Film begierig auf und so bestätigte der Film Curtis’ Position als lukrativer Hollywoodstar aus der ersten Reihe. Curtis spielt den Jungspund Eric, der erwachsen wird und den Zorn seines hartgesottenen Halbbruders (Kirk Douglas) auf sich zieht. Und dann vergessen Sie bloß nicht, an Joe (Curtis) und Jerry (Jack Lemmon) zu denken, die beiden Jazzmusiker, die vor einer aufgebrachten Menschenmenge fliehen, Frauenkleider anziehen und sich als Josephine und Geraldine neu erfinden. Wobei Joe auch noch den Namen Junior annimmt (zumindest wenn er sich als Öl-Millionär ausgibt) und Jerry den Namen Geraldine eigentlich hasst und lieber Daphne genannt werden will. Fünf Jahrzehnte nach seiner Premiere bleibt Billy Wilders unbekümmerte Komödie Manche mögen's heiß ein gefeierter Klassiker; warm, witzig und verstohlen subversiv.

Stanley Kubricks muskulöses Römer-Epos Spartacus zeigte Kirk Douglas als abtrünnigen Sklaven, Laurence Olivier als reichen General und Peter Ustinov in der Rolle des schwatzhaften Sklavenhändlers, für die er einen Oskar als bester Nebendarsteller bekam. Curtis rangierte eher unter „ferner liefen“ und wurde Douglas zufolge erst ziemlich spät hinzugezogen, um dem Film etwas „Star Power“ zu verpassen. Seine Darstellung des sizilianischen Sklaven Antonius ist dennoch hervorragend und sehr geschmeidig. Seine wichtigste Szene – sein kontroverses Gespräch mit Olivier über die Frage „Austern oder Schnecken“ im Badehaus – wurde erst 1991 in die Langfassung des Films wieder eingefügt.

Später bezeichnete Curtis stets den Frauenmörder von Boston als seine größten Film. Um den Serienmörder Albert DeSalvo zu spielen, färbte er seine Haare, er trug schwarze Kontaktlinsen und nahm sieben Kilo zu. Am eindrucksvollsten ist jedoch die qualvolle, starre Intensität, mit der er die Rolle spielt. Selbst die heute altmodisch wirkenden visuellen Tricks – Split Screens, Bild im Bild – können davon nicht ablenken.

Nach Der Frauenmörder von Boston begann Curtis’ Stern zu sinken und er fing damit an, verhätschelte Geldsäcke mittleren Alters zu spielen. Monte Carlo Rallye (Monte Carlo or Bust im Original) war eine leichte Komödie über ein Autorennen, bei der Curtis an der Seite von Leuten wie Dudley Moore, Willie Rushton und Hatti Jaques spielte. Auch wenn der Film nicht direkt eine Pleite war, so brachte er Curtis Aktie doch gewaltig ins schlingern.


Um Norma Desmond falsch zu zitieren: Tony Curtis blieb groß, es war nur die Leinwand, die kleiner wurde. 1971 feierte er dank Lew Grades Detektivserie Die Zwei an der Seite von Roger Moore sein Comeback im Fernsehen, wo die beiden als Verbrecher-jagende Playboys reüssierten. Vier Jahrzehnte später grenzt der Vorspann zu der Musik von John Barry immer noch an ein Wunder.

Das Publikum sieht es anscheinend gern, wenn seine Filmhelden es nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im echten Leben gut unterhalten: herzlich, charmant und überlebensgroß erfüllte Tony Curtis ihm diesen Wunsch. Er war ein Herumtreiber und Anekdotenerzähler, der gern lachte und auch weinen konnte und nie davor zurückscheute, sich über sich selbst lustig zu machen. Hier ist er, nochmals auf der kleinen Leinwand, in What’s my Line, dem amerikanischen Vorbild von Was bin ich?


Übersetzung: Christine Käppeler

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

20:55 01.10.2010
Geschrieben von

Xan Brooks | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 12183
The Guardian

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 3