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Martina Navrátilová Martina Navrátilová will wieder punkten: Die einst weltbeste Tennisspielerin kämpft öffentlich gegen Brustkrebs. Für die Frauenrechtlerin eine Selbstverständlichkeit

Als ich Martina Navrátilová endlich gegenüberstehe, hat sie prompt den Verdacht, ich könne eine Stalkerin sein: Ich schüttle die berühmte linke Hand, schalte mein Diktiergerät ein und stelle fest, dass ich die Batterien verloren habe. Um keine Sekunde unserer kostbaren Zeit zu vergeuden, versuche ich es mit höflichem Small Talk: „Martina, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie neidisch meine Freunde auf unser Treffen sind ... alleine um Ihre Bekanntschaft zu machen, hat es sich für mich gelohnt, Journalistin zu werden.“ Navrátilová lacht und meint, in dem Fall wäre es doch einfacher gewesen, sich als Journalistin auszugeben und hineinzuschmuggeln. Dann wird sie ernst und zieht diese Möglichkeit einen Moment lang tatsächlich in Betracht.

Navrátilová hat einen fünftägigen Interview-Marathon, mehrere Flüge und schlaflose Nächte hinter sich. Bei Navrátilová wurde, wie sie vor kurzem bekannt gab, Brustkrebs diagnostiziert. Dennoch wirkt sie fröhlich und kerngesund. Die Farbe ihrer Augen changiert zwischen grün und haselnussbraun, ihre Haut sieht aus wie die einer wesentlich jüngeren Frau. Warum wollte sie mit ihrer Erkrankung an die Öffentlichkeit gehen?

„Ich möchte Menschenleben retten, indem ich anderen Frauen sage, dass sie sich untersuchen lassen müssen. Aber ich zahle dafür einen Preis, keine Frage. Vergangene Woche habe ich 20 Interviews in Folge gegeben, danach war ich völlig erschöpft – seelisch, nicht körperlich. Ich muss mir meine Kräfte einteilen, mich nicht zu sehr damit verausgaben, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Als nächstes werde ich Urlaub machen.“

Die öffentlich Kranke

Nun, da Navrátilová ihre Krankheit öffentlich gemacht hat, werden sie zwangsläufig Frauen kontaktieren, die auf ihre Unterstützung hoffen. Wie geht es ihr damit? „Ich werde selbstverständlich für sie da sein, aber leicht ist es nicht. Eine gute Freudin von mir hatte vor drei Jahren Brustkrebs und unterzog sich parallel zu ihrer Arbeit als Moderatorin von Good Morning America einer Chemotherapie. Sie meinte, das Problem sei, dass man sich nicht entziehen könne. Wenn ich jetzt Interviews gebe, werde ich eben gefragt, wie ich mich fühle – man kann davor nicht weglaufen.“

Die erfolgreichste Tennisspielerin aller Zeiten und bekannteste Lesbe der Welt ist auf Einladung der Schwulen- und Lesbenrechtsorganisation Stonewall in Großbritannien, als ich sie interviewe. Am Vorabend hielt sie bei der jährlichen Dinnerparty der Organisation – zusammen mit Gareth Thomas, dem ersten Rugby-Profi, der sich geoutet hatte – die Eröffnungsrede. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt der Veranstaltung auf Homophobie im Sport – ein Thema, zu dem Navrátilová einiges zu sagen hat. „Kaum einer kommt auf den ­Gedanken, dass ein männlicher Sportler schwul sein könnte“, sagt sie. „Sportlerinnen hingegen müssen beinahe beweisen, dass sie hetero sind. Journalisten würden es nie wagen, einen Athleten zu fragen, ob er schwul sei, es sei denn, er ist Eiskunstläufer. Aber einer Tennisspielerin scheint man so eine Frage stellen zu können.“

Ich frage sie, was man tun könnte, um mehr Sport-Ikonen zu einem Coming Out zu bewegen. „Der Wandel muss von oben kommen. Sie verbieten in den Stadien antisemitische Beschimpfungen und andere rassistische Scheiße, also sollten sie auch das homophobe Zeugs verbieten. Doch scheinbar gilt für jeden fanatischen Blödsinn Nulltoleranz, während über homo-feindliche Kommentare in 95 Prozent der Fälle hinweggesehen wird.“

Und doch, sagt sie, habe man in Großbritannien im Umgang mit Homophobie gegenüber den USA einiges voraus. Stonewall zum Beispiel wird von den drei großen politischen Parteien unterstützt. „In den USA wäre das nicht vorstellbar. Die Republikaner behandeln uns wie Aussätzige.“

Ich sage ihr, wie wichtig ihr Coming Out 1981 für Lesben war. Sie war das erste anständige Vorbild, das wir hatten, und bleibt auch drei Jahrzehnte später eine der wenigen, auf die sich alle einigen können. Bedeutet das für sie eine Verantwortung?

„Natürlich. Ich bin ein Vorbild für Kinder, die zu mir und zu dem Sport aufsehen“ – insgesamt hat Navrátilová neunmal den Titel in Wimbledon gewonnen, dazu kommen 59 Grand-Slam-Siege. „Aber sobald die Presse etwas aus meinem Privatleben aufgreift, sagen die Heteros, ‚Aha, so sind sie also, diese Lesben‘.“

Die Frau mit Affären

Es stimmt, dass Navrátilová mindestens ebenso oft mit ihren schillernden Affären für Schlagzeilen sorgte wie mit ihren sportlichen Erfolgen. Ihre Beziehung mit der Schriftstellerin Rita Mae Brown endete 1981 mit einem Eklat. Als Navrátilová ihre Sachen packte, um sie in ihrem Auto zu verstauen, fiel ihre Pistole zu Boden. Brown soll sie gefunden haben, als sie etwas suchte, das sie ihr nachwerfen könnte. Die Waffe ging los und zertrümmerte das Rückfenster. Die Kugel verfehlte Navrátilová um wenige Zentimeter.

Als nächstes war sie mit der Basketballerin Nancy Liebermann zusammen und danach mit der Schriftstellerin Judy Nelson. Millionen US-Amerikaner verfolgten im Fernsehen die Schlacht vor Gericht, die auf die Trennung folgte. Nelson forderte von Navrátilová die Hälfte ihrer Einkünfte in einem der ersten Rechtsstreits, bei dem es um Alimente ging. Nelson argumentierte, sie habe es dem Tennisstar ermöglicht, sich ganz auf ihre Turniere zu konzentrieren, während sie selbst Zuhause blieb und die Hausfrau spielte. Der Streit wurde schließlich außergerichtlich beigelegt.

"Wo bleiben die schwulen Spieler, die sich outen?"

Ist es ein Wunder, dass sich so wenige Sportler outen, wenn die Medien dann jeden ihrer Schritte verfolgen? „Es kam ein paar Mal vor, dass ich Dinge, die ich gerne getan hätte, nicht gemacht habe, weil ich nicht am nächsten Tag darüber in der Zeitung lesen wollte“, bestätigt Navrátilová. Gibt es in den Top Ten der Weltrangliste aktuell Spielerinnen, die sich vor einem Outing scheuen? Navrátilová verneint. „Aber wo bleiben die schwulen Typen? Hallo! Warum sollte ihnen das wehtun? Keiner wird sie davon abhalten, weiter zu spielen. Wenn sie gut genug sind, werden sie weiterhin auf dem Platz stehen.“ Also sind sie einfach zu feige? „Klar, so sieht es aus. Gleichzeitig ist es nicht einfach, sich vor den Augen der ganzen Welt zu outen. Wenn ich eine Freundin habe, dann möchte ich mich nicht vor allen outen – ich möchte sie meinen Freunden und meiner Familie vorstellen und sehen wie es läuft, verstehen Sie?“

Ich frage Navrátilová, ob sie im Moment in einer Beziehung steckt. Sie lacht und wirkt zum ersten Mal ein wenig schüchtern: „Irgendwie ja. Ich würde den Stand als ‚Work in Progress‘ bezeichnen. Barb ist meine Managerin. Wir sind zusammen fotografiert worden, also bin ich mir sicher, dass die Leute denken, dass wir zusammen sind.“ Wie auf Kommando erscheint Barb mit einer Tasse schwarzen Kaffee und murmelt: „Du solltest dich glücklich schätzen.“ Navrátilová fährt unbeeindruckt fort: „Ich habe eine heterosexuelle Freundin in Aspen, mit der ich ein paar Mal ausgegangen bin und ich habe ihr gleich gesagt: ‚Sei darauf vorbereitet – die Leute werden tratschen.‘“

Da so wenige weibliche Prominente offen zu ihrer Homosexualität stehen, muss Navrátilová sich allein auf freier Wildbahn gefühlt haben – trotzdem will sie die Entscheidungen anderer nicht kritisieren. Ganz anders verhält es sich mit denen, die Lesben kritisieren, die ihrem Vorbild gefolgt sind. Ellen DeGeneres etwa, die Schauspielerin und Komikerin, die sich 1997 in der Oprah Winfrey Show outete, wurde von den Schwulen- und Lesbengruppen dafür kritisiert, dass sie nichts weiter getan habe, als sich zu outen. „Was zum Teufel erwarten die denn? Sie hat sich als Person des öffentlichen Lebens geoutet, und damit hat sie mehr getan als die meisten. Sie sollten einfach froh darüber sein, denn so viele tun das nicht. Es ist mutig. Und ausreichend.“

Ist Navrátilová Feministin? „Natürlich! Wie kann eine Frau das nicht sein? Wenn eine Frau sagt, sie sei keine Feministin, dann erwidere ich ihr: ‚Du willst also nur 70 Prozent des Gehalts bekommen, das ein Typ für den gleichen Job bekommt?‘ Dann wird sie Nein sagen und ich entgegne, ‚Dann bist du Feministin‘. Beim Feminismus geht es um Gleichberechtigung, und um nichts anderes. Das steht für mich nicht zur Debatte. Punkt. Wir haben viel erreicht, aber wir haben noch viel vor uns.“

Die politische Persönlichkeit

Woher kommt es, dass sie so eine politische Person ist? „Ich glaube, es liegt daran, dass ich in einem kommunistischen Land aufgewachsen bin, in dem mir immer gesagt wurde, was ich tun sollte und wie ich sein sollte.“ Navrátilová flüchtete 1975 aus der Tschechoslowakei in die USA, doch bis heute fährt sie oft in ihre alte Heimat, um ihre Schwester und deren Kinder zu besuchen. „Ich habe Obrigkeiten und blöde Regeln, die keinen Sinn ergeben, schon immer verachtet, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich habe Autoritäten immer in Frage gestellt, und das werde ich auch in Zukunft tun.“

Auch deshalb war Navrátilová starken Feindseligkeiten seitens des Publikums ausgesetzt. Ich erinnere mich daran, wie sie in Wimbledon gegen Chris Evert, das heterosexuelle All-American Girl spielte, deren Erscheinung in krassem Kontrast zu Navrátilovás ambivalenter Sexualität, ihren starken Muskeln und ihren slawischen Gesichtszügen stand. „Oh ja“, erinnert sie sich. „Das war hart. Wenn ich mich über eine Schiedsrichterentscheidung beschwerte, dann haben sie mich sofort beschimpft. Da hat es nicht viel gebraucht. Können Sie sich vorstellen, dass ein Publikum Federer, Nadal oder irgendeinen anderen Typen ausgebuht hätte, wenn er sich beschwert hätte? Auf keinen Fall.“

Doch heute kann sie darüber lachen: „Ich kann nichts falsch machen. Hier in Großbritannien könnte ich für ein politisches Amt kandidieren, und ich würde gewinnen. Ich habe ganz neue Anhänger gefunden.“ Einige dürfte sie mit ihrem Auftritt in der britischen Version der Sendung „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ für sich gewonnen haben. Wie aus heiterem Himmel fragt sie mich augenzwinkernd (wobei man bei Navrátilová nie so genau weiß), „Was meinen Sie, wann werde ich zum Ritter geschlagen?“ Wäre sie denn gerne Lady Martina? „Wer wäre das nicht gerne?“ Wird sie zu den Olympischen Spielen 2012 nach London kommen? „Ich gehe davon aus, dass ich hier sein werde, aber London ist mir im Sommer zu heiß. Vielleicht werde ich nach Cornwall gehen. Sie haben dort diesen sagenhaften Garten, in dem Bio-Gemüse angebaut wird: 27 verschiedene Kartoffelsorten und acht verschiedene Arten von Limabohnen. Ich esse für mein Leben gern.“

Ich habe meine Interviewzeit bereits überschritten. Barb kommt herein und klopft auf ihre Armbanduhr. Die Kollegen von CNN stehen bereits für das nächste Interview bereit und dann wird es den ganzen Tag ohne Pause so weiter gehen. Doch Navrátilová redet einfach weiter. So erfahre ich noch, was sie über Gesundheitsfürsorge denkt: „Wissen Sie, dass ich für meine Brustkrebs-Therapie 50.000 Dollar zahlen müsste, wenn ich keine Versicherung hätte? Es gibt Leute die verlieren aus diesem Grund entweder ihre Häuser oder sie sterben.“ Und die Todesstrafe: „Sie richten psychisch Kranke hin.“ Und dass sie im Dezember für karitative Zwecke den Kilimandscharo besteigen wird. Wimbledon ist ohne sie zweifellos ein armseligerer Ort. Aber mein Gespräch mit dieser beeindruckenden Aktivistin hinterlässt bei mir das Gefühl, dass ihr bestes Werk erst noch kommen wird.

Martina Navrátilová, geboren als Martina Šubertová am 18. Oktober 1956 in der damaligen Tschechoslowakei, gewann mit 15 Jahren zum ersten Mal die tschechische Meisterschaft. 1973 führte sie die nationale Rangliste an, galt somit als sportliches Aushängeschild des kommunistischen Landes und durfte reisen. Auch in die USA, wo sie auf ihre dauerhafte Erzrivalin traf, die damalige Weltranglistenerste Chris Evert. Nachdem sie in den USA mithilfe einer Greencard politisches Asyl gefunden hatte, gewann sie 1976 ihren ersten Wimbledon-Titel ironischer Weise an der Seite von Evert im Doppel. 1987 folgte der erste im Einzel.

Navrátilovás Hochphase: Zwischen 1982 und 1987 führte Navrátilová insgesamt 331 Wochen und 156 Wochen in ununterbrochener Folge die Weltrangliste der Tennis-Damen an.

Sportliche Bilanz: 167 Karrieretitel im Einzel, 178 im Doppel. 18 Grand Slam-Siege im Einzel (9 in Wimbledon).

Typ Sportlerin: Navrátilová hatte vergleichsweise Glück und spielte in einer Zeit, als Tennissportlerinnen noch nicht als wandelnde Courtmodels bestehen mussten. Auch wenn sie sich gegen Blondinen wie Evert oder Graf im Nachteil sah.

1991 erschien ihre Autobiografie So bin ich, in der sie sich als lesbisch outete.

Julie Bindel, geb. 1962, die Navrátilová in London traf, ist Autorin, Aktivistin und Mitbegründerin der Gruppe Justice For Women.

Übersetzung: Christine Käppeler
17:00 29.04.2010
Geschrieben von

Julie Bindel | The Guardian

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