Tragische Ikone

Iran Sie soll nur zufällig ihrem Taxi entstiegen sein. Und vielleicht war ein Handy der Grund für ihren Tod. Wie die tote Neda Soltani zum Gesicht der Proteste im Iran wurde

Am Samstagnachmittag kurz nach 17.00 Uhr erhielt der als Asylbewerber in den Niederlanden lebende und aus dem Iran stammende Hamed einen verzweifelten Anruf von einem Freund aus Teheran: „Gerade eben wurde gleich neben mir ein Mädchen getötet.“ Es war alles sehr schnell gegangen. Eine junge Frau war in die Brust geschossen worden, während sie gerade telefonierte. Sie starb, bevor ein Arzt, der in der Nähe war, etwas für sie tun konnte.

Hameds Freund, der ungenannt bleiben möchte, filmte den Vorfall mit seinem Handy. Innerhalb von Minuten war das Video in Hameds Inbox, fünf Minuten später war es auf Youtube und Facebook. Innerhalb weniger Stunden wurde es zu einer der größten Gefahren, die das iranische Regime in den vergangenen 30 Jahren bedrohten.

„Er fragte mich, ob es möglich ist, das Ganze sofort zu veröffentlichen“, erzählt Hamed. „Ich habe es bei Youtube und Facebook eingestellt und schon fünf Minuten später kamen jede Menge Mails und Kommentare herein und das Video wurde überall verbreitet. Mich hat es zutiefst erschüttert und ich war mir sicher, dass es jedem so gehen würde, der die Aufnahme zu sehen bekommt. Ich wollte dafür sorgen, dass die ganze Welt sieht, was in meinem Land vor sich geht.“

Beerdigung verboten

Die grausamen Bilder der toten Neda Soltani und ihres mit Blut verspritzten Gesichts wurden zum vielleicht entscheidenden Dokument des Aufstandes gegen das Teheraner Regime – ein grausamer Beleg für Ayatollah Ali Chameneis Drohung, Gewalt gegen die zehntausenden von Menschen einzusetzen, die die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen anfechten. Soltani wird von der Oppositionsbewegung zur Märtyrerin hochstilisiert, die Bewegung braucht eine Heldin. Ihr Bild wurde auf Plakate gedruckt, die gestern bei Demonstrationen in Teheran zu sehen waren.

Das Video wirkt verstörend. Mit geöffneten Augen scheint Soltani eine Ruhe und Sanftheit auszustrahlen, die in krassem Gegensatz zu der Panik steht, die ausbrach, als sie von einer Kugel getroffen wurde und zu Boden sank. Für die Behörden war der Vorfall offenbar zutiefst beunruhigend. Schnell verbaten sie der Familie, eine islamische Beerdigung abzuhalten, offenbar aus Angst, es könnte eine Symbolfigur geschaffen werden, die die physisch wie psychisch zerschlagene Opposition wieder vereinen und mit neuem Leben füllen könnte.

Die Informationen über die Umstände ihres Todes sind so dürftig wie alles, was man über sie weiß. Sie war 26, studierte Philosophie und arbeitete nebenher als Reiseberaterin. Sie war keine Steinewerferin, keine Avantgardistin der Protestbewegung für einen Regime-Wechsel. Laut ihrem Verlobten Caspian Makan war sie womöglich schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie sei mit ihrem Musiklehrer im Taxi unterwegs gewesen, als sie in einen Stau gerieten und ausstiegen, um der Hitze zu entkommen. Sie ging die Karegar Straße hinunter und telefonierte, als die Kugel sie traf. „Neda ging es nicht um Mussawi oder Ahmadinedschad, ihr ging es um ihr Land“, sagt Makan und fügt hinzu, dass sie mit der Protestbewegung sympathisiert habe, auch wenn sie eigentlich nicht an den Demonstrationen teilnehmen wollte.

Handy als Schicksal?

Die Berichte über den Todesschützen gehen auseinander. Einige behaupten, es sei ein freiwilliger Bassidji gewesen, während andere einen Scharfschützen auf dem Dach eines nahe gelegenen Hauses anführen. Es gibt die Vermutung, dass sie zum Ziel wurde, weil sie ein Handy trug, eines der wichtigsten Instrumente der Opposition. Ein anderes Video, auf dem Soltani zu sehen sein soll, zeigt sie in einer Gruppe von Demonstranten, von denen man einige singen hören kann: „Tod dem Diktator!“ und „Allah ist groß“. Aber wie bei den meisten Filmen, die uns zur Zeit aus dem Iran erreichen, konnten weder die Umstände, unter denen das Video entstanden ist, noch seine Echtheit verifiziert werden.

Schnell wurde Soltani von der Web-Community innerhalb und außerhalb des Iran zur Ikone erhoben. Einige haben sogar Lieder zu ihrem Andenken geschrieben, die die Videos im Netz ergänzen sollen. Ein Song, geschrieben von einem Sänger namens Pourang Azad, enthält die Zeilen: „Du bist gegangen und tausende von Blumen sind ergraut / Du bist gegangen und meine Geduld ist zuende ... / Dein liebender Blick ist voller Fragen /Schlafe, süße Dame des Iran.“ Zusätzlich aufgeladen wird der Tod der jungen Frau durch ihren Vornamen Neda. Das arabische Wort, das mehr im geschriebenen als im gesprochenen Farsi verwendet wird, steht für „Ruf“ oder „Stimme“ im spirituellen Sinn.

Der Staat ahnt die Gefahr

Der Staat weiß um die Gefahr, die der Tod Nedas für ihn bedeutet. Ihr Leichnam wurde nur unter der Bedingung freigegeben, dass er gleich am Sonntag auf dem weitläufigen Behesht-e Zahra-Friedhof in einem Außenbezirk Teherans beerdigt wird. Eine Gedenkfeier in der Abbasabad-Gemeinde wurde von den Behörden ausdrücklich untersagt und auch alle anderen Moscheen Teherans wurden ausdrücklich davor gewarnt, Trauerfeiern zum Gedenken Nedas abzuhalten.

Möglicherweise genügen diese Vorkehrungen aber nicht, um zu verhindern, dass Soltani zur (im schiitischen Islam hoch angesehenen) Märtyrerin wird. Gemäß den religiösen Vorschriften werden am dritten, siebten und vierzigsten Tag nach dem Tod Trauerfeierlichkeiten zum Gedenken des Verstorbenen abgehalten. Während der Unruhen, die der Revolution von 1979 vorausgingen, spielten die Trauermärsche am 40. Trauertages für die gefallenen Demonstranten eine entscheidende Rolle, da sich aus ihnen die Dynamik entwickelte, die schließlich zum Sturz des Shah-Regimes führte.

Übersetzung: Holger Hutt

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18:00 23.06.2009
Geschrieben von

Robert Tait und Matthew Weaver, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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