Trauer macht Freunde

Stream Bislang denkt man bei Facebook an schlechte Kochvideos. Jetzt läuft dort das erstaunlich tolle „Sorry For Your Loss“

Man merkt der Serie Sorry For Your Loss sehr wohl an, dass sie aus dem Jahr 2018 stammt. Die Hauptrolle spielt eine bekannte Filmschauspielerin, deren Figur eine sehr emotionale Phase durchlebt. Die Serie wagt sich an ein schwieriges Thema, das man vor einem Jahrzehnt noch viel weniger kunstvoll behandelt hätte. Nachdem sie bei einem der üblichen Sender als Projekt durchgefallen war, hat sie auf einem weniger traditionsreichen Kanal eine Heimat gefunden.

Die Web-TV-Reihe wurde – so gewinnt man den Eindruck – eher für Kritiker als für das Publikum produziert; sie gehört zu der Art Serien, deren Chance darin besteht, dass ein Kritiker-Wirbel sich in diverse Branchenpreise übersetzt, während sie am Mainstream-Publikum komplett vorbeigeht. Eine der typischen Serien, wie man sie heute jederzeit auf HBO, AMC, Showtime, Netflix oder Hulu findet.

Aber Sorry For Your Loss läuft auf Facebook, genauer gesagt auf Facebook Watch, dem Video-On-Demand-Kanal, über den Facebook eigene Serien sendet. Facebook hat die Serie produziert, finanziert und verbreitet sie. Und man kann sagen, dass der Social-Media-Plattform damit eine Überraschung gelungen ist.

Von Selbstironie zur Selbstverachtung

Der landläufigen Klage, dass das Streaming die Gemeinschaft des „linearen“ Fernsehguckens auflöst, lässt sich ein schönes, konträres Argument entgegenhalten: Endlich kann man getrost abwarten, bis die Sau durchs Dorf getrieben wurde, alle „think pieces“ geschrieben sind – und sich dann unabhängig noch eine Meinung bilden. Weshalb genau jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um das Netflix-Comedy-Special Nanette zu schauen, die Sensation des Sommers, die selbst im deutschen Blätter- wald zu Überschriften führte wie: „Comedy wird nie mehr dieselbe sein!“ Was natürlich längst wieder widerlegt ist, wie der Contrarian-Spätgucker wohl weiß. Die Comedy drum rum ist noch die gleiche, aber Nanette ragt trotzdem heraus.

Wobei sich die Australierin Hannah Gadsby zum Auftakt durchaus auch ein paar konventionelle Witze erlaubt.
Etwa wenn sie die Leserbriefe von einst als „slow Twitter“ bezeichnet oder in Grundzügen das Kernstück ihres früheren Programms wiedergibt, den lakonischen Bericht über ihr Coming-out gegenüber der eigenen Mutter und das Aufwachsen im homophoben Milieu von Tasmanien, wo Homosexualität bis 1997 als Straftat galt.

Was Nanette so besonders macht, sind die essayistischen Momente ihres Vortrags, in denen Gadsby über Van Goghs unbehandelte psychische Krankheit oder Picassos Stellung in der Kunstgeschichte reflektiert. Sie bereitet dabei Einsichten, die sich in ihrem Andersdenken wie Pointen anfühlen, gleichzeitig aber weit davon entfernt sind. Überhaupt gilt: Wie Gadsby hier über die Struktur des Witzeerzählens nachdenkt, darüber, wann Selbstironie in Selbstverachtung umschlägt und was das mit ihrem Stand-up-Beruf macht, ist auch lange nach dem Hype sehenswert.

Denkt man an Facebook, dann denkt man eigentlich an eher unbrauchbare, weil zu stark vereinfachte Kochvideos oder Kickstarter-Werbung für Schuhe oder gefälschte Filmaufnahmen von frei schwebenden chinesischen Autos, die mein Vater aus unerklärlichen Gründen für echt hält. Bisher hat die Palette an Eigenproduktionen von Facebook Watch vor allem aus unausgegorenen Webfilmchen für sich langweilende Millennials bestanden, wie etwa die Heiratsplanerserie Help us get married, die Streich-Show You Kiddin’ Me und die Reality-Soap Huda Boss über eine Beauty-Bloggerin. Niemand würde in diesem Umfeld eine ausgereifte, beeindruckende Produktion wie Sorry For Your Loss erwarten.

Die Serie ist derzeit ein absoluter Liebling der Kritik. Die Rezensentin des US-Magazins The Atlantic beichtete, sie habe so stark weinen müssen, „dass es mir eine meiner Kontaktlinsen aus dem Auge schwemmte“. Matt Zoller Seitz, Kritiker des New York Magazine, lobte die Serie als „akkurat beobachtet und stellenweise kathartisch“. Vanity Fair bezeichnete Elizabeth Olsens schauspielerische Leistung in der Hauptrolle als „Offenbarung“. Und die Huffington Post verspricht dem Publikum, dass es Rotz und Wasser heulen wird.

Und sie haben alle ein Stück weit recht. Als eine Serie über eine junge Frau, die mit dem plötzlichen Tod ihres Mannes klarkommen muss, ist Sorry For Your Loss Qualitätsfernsehen, wie es im Buche steht. Es ist voller langer, naturalistischer Szenen und Rückblenden und wird von jener Sorte leise klimpernder Filmmusik begleitet, wie man sie in einem etwas unheimlichen Wellness-Studio als Hintergund zu hören kriegt. Es gelingt der Serie, in den alltäglichen Details der Trauer sowohl Schmerzendes als auch Tröstendes herauszustellen. Immer wieder geht es dabei um die oft vergeblichen Versuche, den Hinterbliebenden Zuspruch zu erteilen – was einigermaßen ironisch wirkt auf einer Plattform, die ansonsten dazu auffordert, genau das durch das Drücken eines kleinen blauen Daumen-Hoch-Buttons zu erledigen. Alles in allem gibt es nicht gerade viel zu lachen.

Kritikertränen spritzen nur so

Aber egal, denn bisher hat Sorry For Your Loss alle seine Ziele erreicht. Elitäre Publikationen, die sich nie im Leben mit Huda Boss befassen würden, haben über Sorry For Your Loss geschrieben; und damit Facebook Watch zu einem Unternehmen erklärt, mit dem zu rechnen ist. Facebooks Schritt folgt einem bereits bekannten Muster, denn Streamingdienste setzen gerne auf die Würdigung der Kritiker, wenn sie sich erstmals in den Verteilungskampf um Zuschauer stürzen. Netflix hatte House of Cards, Amazon Transparent, Hulu The Handmaid’s Tale und Facebook nun Sorry For Your Loss. Wenn das Muster hält, was es verspricht, dann bekommt Olsen eine Emmy-Nominierung und Facebook damit die offizielle Anerkennung als ernst zu nehmender Sender.

Allerdings gibt es eine Sache, die der Serie im Weg stehen könnte, und das ist Facebook selbst. Normalerweise gehört zum Streaming-Skript, dass die Zuschauerzahlen ein streng gehütetes Geheimnis bleiben. Niemand etwa weiß, ob Netflix’ Comedy-Special Nanette, über das alle Kritiker reden, nun von hunderttausend Leuten gesehen wurde oder von einhundert Millionen. Bei Facebook jedoch steht das direkt unter jedem Post.

So wissen wir eben ganz genau, dass zehn Millionen Leute – sagen wir mal – das Video mit dem Titel „Frau versucht Spanx-Shapewear anzuziehen“ angeschaut haben, und genauso wissen wir auch, dass Episode drei von Sorry For Your Loss nur 34.300-mal gesehen wurde. Das klingt nicht nach sehr viel, aber wer weiß? Die Amazon-Serie The Marvellous Mrs. Maisel hat letzthin bei den Emmys abgeräumt, aber ich persönlich kenne niemanden, der davon auch nur eine Folge gesehen hat.

Die Zuschauerzahlen geheim zu halten, hilft dabei, das Mysterium um eine Serie wie Sorry For Your Loss aufrechtzuerhalten. Sie unvorsichtig einfach so auf dem Bildschirm einzublenden, lässt sie womöglich wie einen Flop aussehen.

Trotzdem, ich drücke Facebook Watch die Daumen. Sorry For Your Loss könnte ein paar Preise gewinnen und es auf einige Jahres-Besten-Listen schaffen. Wichtiger aber ist, dass mutige Experimente wie dieses unterstützt werden sollten. Nicht zuletzt deshalb, weil ich Facebook dann mein neues TV-Drama anbieten könnte: Es geht um eine Hausfrau, die ihre Depressionen verheimlicht, die Serie soll U OK Hun? – (dt. Alles in Ordnung, Liebling?) heißen. Sie trieft vor Elend. Alle werden sie hassen. Facebook, bitte, kontaktieren Sie mich.

Stuart Heritage schreibt für den Guardian

Übersetzung: Carola Torti
06:00 24.10.2018
Geschrieben von

Stuart Heritage | The Guardian

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