Slavoj Žižek
10.04.2013 | 16:00 13

Trauriger Witz

Überlebensstrategie Die Zypern-Krise ist ein Symptom für das, was in der EU grundsätzlich falsch läuft. Das gesamte Bankensystem muss unter gesellschaftliche Kontrolle gebracht werden

Trauriger Witz

Bild: zvg

Es gibt die klassische Cartoon-Szene, in der eine Figur einfach über die Kante eines Abgrunds hinausrennt, den Umstand, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen hat, schlichtweg ignoriert, aber erst abstürzt, wenn sie hinabblickt und sich bewusst wird, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen hat.

Müssen sich die Leute auf den Straßen Zyperns in diesen Tagen nicht genau so fühlen? Sie wissen zwar, dass ihr Land nie mehr so sein wird wie bisher und ihnen ein katastrophaler Einbruch ihres Lebensstandards bevorsteht. Doch sie spüren es noch nicht in vollem Umfang und können sich so leisten, ihr gewohntes Leben noch eine Zeitlang weiterzuleben –  wie die in der Luft hängende Cartoon-Figur. Und wir sollten sie dafür nicht verurteilen: Eine solche verspätete Reaktion stellt auch eine Überlebensstrategie dar – die wahren Auswirkungen werden eintreten, wenn die Panik vorbei ist. Deshalb ist jetzt, wo die Zypern-Krise aus den Medien verschwunden ist, der richtige Zeitpunkt, über sie nachzudenken und zu schreiben. 

Zwei Gründe für die Panik

Es gibt einen bekannten Witz aus dem letzten Jahrzehnt der Sowjetunion über Rabinowitch, einen Juden, der auswandern will. Als der Bürokrat im Auswanderungsbüro ihn nach seinen Gründen fragt, antwortet Rabinowitch: „Es gibt zwei Gründe. Erstens habe ich Sorge, dass die Kommunisten in der Sowjetunion die Macht verlieren, die neuen Machthaber die gesamte Schuld für die Verbrechen der Kommunisten uns, den Juden, in die Schuhe schieben und es wieder zu anti-jüdischen Pogromen kommt – „Aber“, unterbricht ihn der Bürokrat, „das ist doch blanker Unsinn! Nichts kann sich in der Sowjetunion verändern, die Kommunisten werden für immer an der Macht bleiben!“ „Nun“, antwortet Rabinowitch, „das ist mein zweiter Grund.“

Man kann sich heute leicht ein ähnliches Gespräch zwischen einem EU-Finanzverwalter und einem zypriotischen Rabinowitsch vorstellen. Rabinowitsch klagt: „Es gibt zwei Gründe, warum wir hier in Panik geraten sind. Erstens haben wir Angst, dass die EU Zypern einfach fallenlässt und zulässt, dass unsere Wirtschaft zusammenbricht ...“ Der EU-Verwalter unterbricht ihn: „Aber Sie können uns vertrauen, wir werden Sie nicht fallenlassen, wir werden Sie streng kontrollieren und Ihnen sagen, was Sie zu tun haben!“ „Nun“, antwortet Rabinowitch ruhig, „das ist mein zweiter Grund.“

Ein geteiltes Europa?

Hierin besteht der Kern des zyprischen Dilemmas: Ohne Europa kann es nicht überleben und seinen Lebensstandard halten, mit Europa kann es das aber auch nicht – beide Optionen sind schlechter, wie Stalin es ausgedrückt hätte. Was wir am Horizont aufziehen sehen können, sind die Konturen eines geteilten Europa: Sein südlicher Teil wird zunehmend auf eine Zone billiger Arbeitskraft reduziert sein, die sich außerhalb der Sicherheitszone des Wohlfahrtsstaates befindet, eine Domäne, die sich für Outsourcing und Tourismus eignet. Kurz gesagt wird die Kluft zwischen der entwickelten Welt und denjenigen, die zurückbleiben, nun innerhalb Europas selbst bestehen.

Diese Kluft spiegelt sich in den beiden Haupterzählungen, die es über Zypern gibt und die stark an die beiden Geschichten erinnern, die zuvor über Griechenland erzählt wurden: Da ist einerseits das, was wir „die deutsche Geschichte“ nennen können: Ausgabenfreude, Schulden und Geldwäsche können nicht endlos immer weiter gehen, etc. Auf der anderen Seite die zypriotische Geschichte: Die brutalen Maßnahmen und Auflagen der EU kommen einer deutschen Besatzung gleich, die Zypern seiner Souveränität beraubt.

Beide sind falsch und die Forderungen, die sie enthalten, sind unsinnig: Zypern kann seine Schulden per definitionem nicht zurückzahlen, während Deutschland und die EU nicht einfach immer mehr Geld zuschießen können, um das Finanzloch der Griechen zu schließen. Beide Geschichten verschleiern etwas:  Die Zypern-Krise ist kein Sturm im Wasserglas eines kleinen Landes am Rande der EU, sondern ein Symptom für das, was mit dem gesamten System nicht stimmt.

Deshalb liegt die Lösung nicht einfach in mehr Regulierung, um Geldwäsche zu verhindern und so weiter. Vielmehr braucht es radikale Veränderungen im gesamten Bankensystem – um das Unsagbare zu sagen: eine Art Vergesellschaftung der Banken. Die Lektion der weltweiten Zusammenbrüche seit 2008 ist klar: Das gesamte Geflecht aus Fonds und Transaktionen, angefangen von privaten Einlagen und Rentenfonds bis hin zu allen möglichen Derivaten, muss irgendwie unter gesellschaftliche Kontrolle gebracht, gestrafft und reguliert werden. Das mag utopisch klingen, aber das wahre Utopia ist der Glaube, dass wir mit kosmetischen Veränderungen allein schon irgendwie überleben können. 

Slavoj Žižek ist ein aus Slowenien stammender Philosoph, Kulturkritiker und Theoretiker

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (13)

digitales 10.04.2013 | 18:04

"Das gesamte Bankensystem muss unter gesellschaftliche Kontrolle gebracht werden"

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Das "gesamte Bankensystem" ist bereits Ausdruck gesellschaftlicher Kontrolle - die allerdings unterschiedlich gesteuert werden kann.

Da das Bankensystem dereguliert nicht mehr gesteuert werden soll ist das Bankensystem mit der Bildung derzeit erkennbarer Steuerungsmechanismen nicht vertraut.

Das Bankensystem taumelt und mit ihm alle.

Soll das nicht begriffen werden?

Oder will das niemand begreifen?

Was heißt "gesellschaftliche Kontrolle" genau und welche Konsequenzen sollte sie haben?

Banken stürmen?

Nicht dass ich dagegen nichts einzuwenden hätte: nur, macht sich da überhaupt noch jemand Gedanken darüber, was da eigentlich geschieht?

Früher im DIAMAT-Grundkurs, da sah das alles so klar aus: nur heute in Zeiten zusehends diversifizierter Märkte wirkt der Artikel dann doch etwas klamottig geraten.

derKrieger 10.04.2013 | 18:15

Ich denke auch, dass der Ruf nach "gesellschaftlicher Kontrolle" des "gesamten Bankensystems" überzogen bzw. schlicht eine eher vages Pfeifen im Walde darstellt. Was soll das? - Was ist denn geschehen?

1. Banken haben mit letztlich nicht haltbaren Versprechungen unseriöse Geschäfte angeboten

2. Staaten haben sich (neben anderen Akteuren) auch selbst auf diese Geschäfte eingelassen, um selbst wiederum unseriöse und letztlich nicht haltbare Versprechungen an ihre Bürger machen zu können (vulgo: "Wahlkampf").

3. Darauf haben sich wiederum die Banken nur deshalb gerne eingelassen, weil sie sich bislang in dem sicheren Gefühl wiegen konnten, mit der vollständig korrumpierten politischen Klasse so fest verbandelt zu sein, dass sie eine Pleite nicht fürchten mussten.

4. Als der Schwindel aufflog, konnten einige Staaten den Schaden (gerade noch so) erfolgreich auffangen und an ihre Steuerzahler weiterreichen, denen sie vorlügen, andere Staaten und Völker seien daran schuld (ganz alte Nummer).

5. Könnten Banken, die unseriöse Geschäfte anbieten im Falle des Fehlschlags ganz normal bankrott gehen, gäbe es keinen Anreiz für sie, solche Geschäfte zu riskieren.

6. Selbst wenn also einzelne Staaten/Regierungen ihrerseits mangelnde wirtschaftliche Verantwortlichkeit zeigen, stünden ihnen hybride Finanzierungsinstrumente i.Zw. nicht mehr wie bisher zur Verfügung.

Das wäre dann freie Marktwirtschaft.

digitales 10.04.2013 | 18:17

psps

"Märkte würden "manipuliert": Märkte sind Ergebnis von Manipulationen.

Also mich störts nicht.

Und wenn hier morgen bei mir ein Männerbeauftragter für die Wahrung der Rechte von Frauenbeautragten auflaufen würde würd es mich auch nicht stören: ein neue Markt: a new market.

Wir haben den Suprakapitalismus so dermaßen inhaliert, dass wir nichteinmal mehr merken, wenn wir uns selbst verarschen.

fein

digitales 10.04.2013 | 18:20

Zu jedem Geschäft gehören zwei Vertragspartner: einer, der einem ein unseriöses Geschäft anbietet und ein anderer, der das unseriöse Geschäft abschließt.

Rein kapitalistisch läuft das doch piano.

Und nur weil ein paar Quäker nicht überschauen was sie da anrichten sollte man nicht aufhören die Ereignisse kritisch zu begleiten.

Und wenn ein Dieb mir sagt er sei beklaut worden...

Tollschock 10.04.2013 | 18:41

Also mal ganz ehrlich, wie sollte das denn auf Dauer gut gehen? Seit 1982 steigt die Staatsverschuldung nicht mehr linear an. Auch wurde den Menschen das Schulden machen sehr erleichtert. Hinzu kommt nun noch die mögliche Privatinsolvenz. Man könnte auch sagen das alles ziemlich auf Sand gebaut ist und der Wasserspiegel steigt. Konsumgeilheit mit Schuldenmenthalität. Das widerrum nicht nur bei den Leuten von der Straße. Auch die Politik ist diesen Weg ja trotz Steigung hinaufgerannt. Die Banken haben durch neue Möglichkeiten nichts anbrennen lassen und haben ausgeschöpft was ging und schöpfen aus was geht. Moralischer Anspruch? Keiner, denn bei Geld gibts nun mal keine Freunde. Es kann jeder selbst entscheiden ob er mit den Investmentbankern Geschäfte macht oder nicht. Allerdings sollte man wirklich aufpassen. Die wollen doch nur das "Eine". Mein Geld ist mir zu schade um es solchen Parasiten zur Verfügung zu stellen. Ich habe schon seit längerem keine Zinsgeschäfte gemacht und vermisse diese auch nicht. Warum sollte ich Geld anlegen wenn der Ertrag geringer ist als die Inflationsrate? Die Leute werden gelockt mit niedrigen Zinsen der durch die angeworfene Geldpresse erzeugte Rush wird darin münden das bei Umschuldung nach 10 Jahren die böse Überraschung kommt... das Wasser hat dann die Unterlippe überschritten. Die Banken werden auch daran wieder mal verdienen. Denn die Politik sitzt schon länger mit im Boot und rudert fleißig mit.

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amorphus 11.04.2013 | 15:06

Was spricht dagegen Zypern sein altes System behalten zu lassen und mit Unterstützung der EU auf die Beine zu kommen? Die EU spricht dagegen. Was spricht dagegen Zypern aus der EU zu entlassen und dem Land seine Souveränität zurück zu geben? Die zyrischen Politikfürsten. Ich halte nichts vom deutschen Parteiensystem, der dt. Steuerpolitik und der Fixierung auf den Exportindex, aber noch weniger halte ich davon anderen Ländern vor zu schreiben was sie tun und lassen solle. Dieser Finanzimperialismus wird ein gesellschaftliches Dilemma anrichten das Europa auf Jahrzehnte in eine Depression stürzen wird aus der niemand mehr weiß heraus zu kommen.

amorphus 12.04.2013 | 14:08

Nein kann es nicht. Zumindestens jetzt wäre es ein ins bodenlose stürzen. Zypern kann nicht mehr souverän und kreativ seine Eigenständigkeit behaupten. Die Bürokraten der EU haben so lange nicht reagiert bis der Spielraum individuellen Handelns für Zypern gegen Null ging. Man hat Zypern und sein System der Haushaltsfinanzierung über die Klippe springen lassen. Man hat es zum Selbstmord getrieben. Und nun ist es abhängig.